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Landwirtschaft : Auf den Höfen ist Wachstum vorprogrammiert

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Moderne Landwirtschaft – für den Grevenkoper Bauern Eike Ehlers ist das auch ein täglicher Kampf mit der Bürokratie.

shz.de von
erstellt am 11.Feb.2015 | 16:51 Uhr

Eike Ehlers hat gerade Inventur gemacht. Genau 1764 Schweine hat er an diesem Tag im Stall. Zweimal im Jahr zählt er nach. Die Schweinezählung ist Teil einer allumfassenden Dokumentation, ohne die moderne Landwirtschaft heute nicht mehr auskommt. Täglich ein bis eineinhalb Stunden muss der Grevenkoper Landwirt in die Bürokratie investieren. „Hier zwei Minuten, da fünf Minuten: da läppert sich einiges zusammen.“ Der 40-Jährige hakt weitere Protokolle in seinem „Schweinebüro“ ab. Dort, wo das Futter für die Nutztiere aufbereitet wird, hat er sämtliche Aktenordner rund ums Schwein griffbereit deponiert.

Im Kern geht es darum, dass Behörden und Verbraucher die Herkunft und Qualität der Lebensmittel jederzeit und möglichst lückenlos nachvollziehen können. Die Folge sind prall gefüllte Aktenordner auch mit Schlachtprotokollen, Lieferscheinen für Futter, dem Tierarzneibuch und den Transportbescheinigungen. Zum Teil müssen die Unterlagen auch noch fünf Jahre lang aufbewahrt werden.

Was ihn wurmt: Obwohl die Dokumentation in seinem Betrieb inzwischen zeit- und energieraubende Ausmaße angenommen hat, stünden er und seine Berufskollegen unter einem immer größeren Druck der Öffentlichkeit und der Gesellschaft. „Da frage ich mich schon, was das eigentlich alles bringt“, ist Eike Ehlers davon überzeugt, dass die Landwirtschaft noch nie so transparent war wie heute. „Als ob wir alle irgendwo illegal Antibiotika ranschaffen würden“, regt sich der Grevenkoper vor allem über im Internet höchst aktive vermeintliche Tierschützer auf. „Ich wüsste gar nicht, wo ich das Zeug herkriegen sollte.“ Ehlers weiß aber auch: Täglich muss er mit einer unangemeldeten Kontrolle durch die Behörden rechnen. Und dafür will er gerüstet sein. „Dann stehen plötzlich vier Autos vor der Tür.“

Inzwischen hat der Landwirt das Büro gewechselt und sitzt mit seiner Frau Svenja am Küchentisch. Die Tagespost wird gesichtet. „Jetzt gibt es noch eine neue Liste: den Antibiotika-Index“, führt er fast nahtlos die Beispiele landwirtschaftlicher Dokumentation fort. Dieser immerhin kann er auch etwas Positives abgewinnen. Vielleicht lassen sich damit ja die Produktionsabläufe im Schweinestall optimieren. Und auf Optimierung ist der Hof Ehlers mehr denn je angewiesen. Aktuell bekommt er pro Kilogramm Milch 28 Cent und beim Schwein für jedes Kilogramm Schlachtgewicht 1,35 Euro. „Das reicht gerade für eine schwarze Null und dafür, dass der Betrieb läuft“, macht Ehlers deutlich, dass die mit den Marktpreisen jetzt keine großen Sprünge zu machen sind. Einfluss könne er darauf ohnehin nicht nehmen. „Wir liefern nur ab.“

„Das Geld wird am Schreibtisch verdient“, weiß Ehlers um die vielen kleinen Stellschrauben beim Ein- und Verkauf, um den Hof so betreiben zu können, dass am Ende auch noch eine finanzielle Lebensqualität für die große Familie herauskommt. Gerade hat er einen Stall in der Nachbarschaft für weitere 500 Schweine gepachtet. „Betriebswachstum ist vorprogrammiert“, sagt er die künftige Entwicklung wohl nicht nur auf seinem Hof voraus. Gleichzeitig brauche man dafür aber auch noch Leute und die kosten auch Geld. „Und da muss man mehr als den Mindestlohn zahlen“, weiß Ehlers nur zu gut, dass in der Landwirtschaft auch gute Mitarbeiter eher Mangelware sind.

Eike Ehlers saust über den Hof, wirft noch schnell einen Blick in einen Teil des Schweinestalls, der gerade auf wohlige 18 Grad hochgeheizt wird. Mittags erwartet er eine neue Ferkellieferung. „Eigentlich habe ich als Betriebsleiter kaum noch Zeit zum Arbeiten“, berichtet der Bauer weiter von seinen vielschichtigen Aufgaben. Mitunter freut er sich, wenn er einfach mal nur den Schweinestall sauber machen kann und dabei den Kopf frei bekommt. Als Chef ist er nämlich auch noch für die Arbeitssicherheit seiner Mitarbeiter verantwortlich.

Immerhin gibt es technische Erleichterungen. Das Handy ist stets griffbereit, der Informationsaustausch per What’s App ist unkompliziert. „Jetzt gibt es neu auch noch die Tierhalter-App. Aber die kommt von der Pharmaindustrie“, schmunzelt Eike Ehlers – wohlwissend, dass hier natürlich handfeste Interessen dahinter stecken. Der Staat hingegen, so moniert er in einem Atemzug, sammele doch nur immer mehr Daten, von denen eigentlich keiner genau weiß, wozu es gut ist. Ehlers fühlt sich hier in guter Gesellschaft mit Ärzten und Pflegekräften, die ebenfalls unter der Dokumentationswut stöhnen. Groll auf die Behörden hegt er aber nicht. „Da arbeiten auch nur Menschen, die ihren Job machen.“ Und die meisten Fehler auf den Betrieben würden ja auch ohne Absicht passieren. „Oder durch Betriebsblindheit“, ergänzt Ehlers. Ach so, die Nitrat-Bilanz muss er auch noch machen. Noch eine Dokumentation.

Ob die Arbeit auf dem Hof im Winter nicht deutlich entspannter sei  ? „Statt 120 Prozent im Sommer müssen wir jetzt nur 80 Prozent geben. Da ist auch mal Luft für eine längere Mittagspause.“ Oder für einen Besuch beim Kreisbauerntag. Dazu lädt der Steinburger Bauernverband morgen nach Wilster ein. Auf dem Podium: Agrarminister Robert Habeck. Was er den Grünen in einem Vier-Augen-Gespräch als erstes fragen würde? Eike Ehlers, sonst nie um eine schnelle Antwort verlegen, muss nun doch einen Moment nachgrübeln. Und dann seine Frage an den Grünen-Minister, der so gerne von der Agrarwende spricht: „Welche Perspektive habe auch als konventioneller Landwirt eigentlich noch  ? Und wo stehe ich mit meiner Familie und meinen Betrieb in zehn Jahren  ?“ Wie die Antwort von Habeck ausfallen würde, weiß Ehlers nicht. In jedem Fall erhofft er sich aber für sich und seine Berufskollegen mehr Wertschätzung durch die Gesellschaft. „Unsere Arbeit wird uns permanent von Öko-Verbänden madig gemacht. Und das nervt.“

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