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in der Psychiatrie : Auf dem Weg zurück ins Leben

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

„Es ist anders als unter Gesunden“, sagt die 50-jährige Birgit K. über das Leben im psychiatrischen Zentrum bei Glückstadt. Therapien bestimmen ihren Alltag.

Seit über 30 Jahren leidet Birgit K. an psychischen Problemen. Die 50-jährige Hamburgerin ist eine der Bewohner des Integrationsbereichs im psychiatrischen Zentrum der Vitanas Gesellschaft. Rund 110 Patienten mit psychischen Beschwerden sind in dieser Abteilung untergebracht und sollen ihren Weg zurück in das gesellschaftliche Leben finden. Birgit K. lebt seit Januar dieses Jahres in der Einrichtung in der Engelbrechtschen Wildnis. Krankenhausbesuche seien auf Grund ihrer Probleme an der Tagesordnung gewesen, zuletzt habe sie in einer psychiatrischen Einrichtung in Hamburg gelebt. „Doch das passte nicht so richtig“, begründet sie ihren Schritt, in das Zentrum nahe Glückstadt zu wechseln. „Hier bin ich sehr zufrieden.“

Die 50-Jährige lebt in einer Wohngruppe mit sechs Mitbewohnern: Sie hat ihr eigenes kleines Zimmer mit Schlafcouch; Bad und Aufenthaltsraum teilt sie sich mit ihren Mitbewohnern. Der Umgang sei locker, aber distanziert: „Es ist anders als unter Gesunden“, sagt Birgit K. „Man ist doch etwas zurückhaltender.“ Dennoch habe sie inzwischen eine gute Freundin in der Einrichtung gefunden, mit der sie regelmäßig Spaziergänge unternimmt. Wichtigster Vertrauenspartner sei für sie ihre Bezugsperson, die ihr offiziell von der Einrichtung an die Seite gestellt wird: „Sie ist sehr nett.“

Ihr Tagesablauf ist geprägt von verschiedenen Therapien und dem gemeinsamen Mittagessen in der Wohngruppe. Drei Mal am Tag müsse sie sich ihre Medikamente bei der Ausgabestelle abholen.

Regelmäßig nimmt Birgit K. an der Ergotherapie teil, wo kreative Beschäftigung im Vordergrund steht, wie zum Beispiel Töpfern. Im Moment werden passend zur Jahreszeit Engel und Weihnachtsmänner hergestellt, die auf einem öffentlichen Weihnachtsbasar vergangene Woche reißenden Absatz fanden.

Die kreative Arbeit ist kein Selbstzweck, wie Therapeutin Birgit Schreeg erklärt: „Wir arbeiten hier an Zielen, wie zum Beispiel dem Aufbauen von Nähe und Distanz, der Selbstständigkeit und dem Organisationstalent.“ Demzufolge komme es nicht auf Produktivität, sondern auf den persönlichen Wert der Tätigkeit an: „Bei der Arbeit öffnen sich die Leute und wir können gemeinsam an Zielen arbeiten.“

„Die Arbeit lenkt ab, und man macht sinnvolle Sachen“, sagt Susanne S., die gerade dabei ist, eine Tonschale mit dem Pinsel zu glasieren. Die 40-jährige Itzehoerin lebt seit einem Jahr in der Einrichtung. Auf Anraten ihrer Ärzte entschied sie sich wegen Drogenabhängigkeit und Depressionen in das psychiatrische Zentrum zu gehen. Gespräche mit Psychologen, die persönliche Betreuung und nicht zuletzt die Arbeit würden ihr helfen, persönliche Fortschritte zu machen: „Mein Selbstbewusstsein hat sich verbessert..“

Genau wie S. stammen viele der Bewohner aus der näheren Umgebung: aus dem Kreis Steinburg, den Nachbarkreisen, aus Hamburg und von der anderen Elbeseite aus Niedersachsen. „In der Regel finden sie über Ärzte oder gesetzliche Betreuer ihren Weg zu uns“, sagt Anja Eibner, stellvertretende Leiterin. „Wir versuchen, jeden Bewohner dort abzuholen, wo er steht, und ihn auf dem Weg zu einem selbstständigen Leben zu unterstützen.“ Dazu sind 62 Erzieher, Ergotherapeuten, Sozialpädagogen und Psychologen in der Einrichtung beschäftigt. Hinzu kommen Pflege-, Küchen- und Reinigungspersonal. Sie betreuen Bewohner mit Krankheitsbildern wie Psychosen, Depressionen, Zwangs- oder Angsterkrankungen, Suchtproblemen und Persönlichkeitsstörungen. Die Einrichtung sei keine Klinik sondern eine Wohneinrichtung, betont Anja Eibner. Bis auf wenige Ausnahmen werden die Bewohner alle über die Sozialhilfe finanziert.

Der Bereich Arbeit und Beschäftigung nimmt einen relativ großen Raum in der Einrichtung ein. Neben der Keramikwerkstatt hat das psychiatrische Zentrum auch eine Tischlerei, eine Schlosserei und eine Gärtnerei, in der Bewohner arbeiten. Ihre Erzeugnisse sind überwiegend für den Eigenbedarf bestimmt, manchmal werden auch kleinere externe Aufträge angenommen. Weitere Kreativgruppen werden zum Beispiel für Kochen, Stricken und Holzarbeiten angeboten.

Wie lange die Bewohner bleiben, richtet sich nach der persönlichen Entwicklung jedes einzelnen. Regelmäßig würden Berichte geschrieben, sagt Anja Eibner. „Wir haben manche Bewohner, die nur einige Monate bei uns bleiben, und manche, die für viele Jahre bleiben.“

Birgit K. kann nicht einschätzen, wie lange sie im psychiatrischen Zentrum verweilen wird: „Am liebsten möchte ich alles so schnell wie möglich schaffen und zurück nach Hamburg in die eigene Wohnung ziehen. Aber so weit bin ich noch nicht.“

 

 

 

 

 

 

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erstellt am 28.Nov.2014 | 12:00 Uhr

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