zur Navigation springen
Norddeutsche Rundschau

19. Oktober 2017 | 04:21 Uhr

Arzt: Cannabis für Krebs-Patienten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Experten befürworten Freigabe mit enger Indikation

von
erstellt am 05.Mär.2015 | 16:44 Uhr

Gefährliches Rauschmittel oder sinnvolle Ergänzung für die Schmerztherapie? An Cannabis scheiden sich die Geister. Jetzt bekommt die Debatte um eine Legalisierung weiteren Stoff: Am Montag stellten die Grünen im Bundestag einen Gesetzentwurf vor. Dieser sieht vor, Erwachsenen Erwerb und Besitz von 30 Gramm Cannabis für den Eigenbedarf zu erlauben. Zuvor hatte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, als Ziel genannt, mehr Menschen den Zugang zu Cannabis zu ermöglichen.

Wie sind die Meinungen in Itzehoe? Sibylle Schmitte vom Sozialtherapeutischen Zentrum (STZ) fordert, zumindest schwerkranken Menschen den Zugang zu Cannabis zu erleichtern. Auch für Dr. Wolfram Kluge, Leiter der Schmerzambulanz am Klinikum, würde eine Freigabe für ausgewählte Patienten Sinn ergeben. Wichtig seien allerdings klare Vorschriften für die Abgabe.

Derzeit seien die so genannten Cannabinoide ausschließlich für Patienten mit spastischen Schmerzen in Kombination mit multipler Sklerose zugänglich, erläutert Kluge. Doch er könne sich einen Einsatz auch bei Tumor-Patienten vorstellen. „Das kann durchaus sinnvoll sein.“ Denn der Wirkstoff Tetrahydrocannabinol wirke appetitanregend, muskelentspannend, stimmungsaufhellend und schmerzlindernd. Die positiven Aspekte ließen sich nicht von der Hand weisen: „Wenn man vernünftig damit umgeht, ist es ein hilfreiches Medikament.“ Doch der Schmerztherapeut warnt: „Cannabinoide sind nicht ganz unproblematisch, man muss sehr vorsichtig damit umgehen.“ Entsprechend fordert Kluge eine klare und enge Indikation. Nicht jeder, der Schmerzen habe, dürfe Zugang zu Cannabis erhalten. Stattdessen müssten Leitlinien erstellt werden, die einen sicheren Umgang mit dem Wirkstoff gewährleisten.

Als „lange überfällig“ bezeichnet Sibylle Schmitte vom STZ die Freigabe von Cannabis für Schwerkranke. „Viele würden davon sehr profitieren.“ Denn es gehe darum, den Betroffenen zu helfen, ihre Symptome zu lindern und so ihre Lebensumstände zu verbessern. Sibylle Schmitte hat bei ihrer Arbeit regelmäßig mit Sucht-Patienten zu tun, kennt die Probleme, die durch den Konsum von Cannabis entstehen. 180 Menschen haben sie und ihre Kollegen im STZ im vergangenen Jahr beraten. „Ein hoher Anteil davon sind Cannabis-Konsumenten“, so Schmitte. Problematisch sei vor allem die psychische Abhängigkeit. Besteht ein problematischer Konsum, folge häufig eine soziale Verelendung. „Die Menschen bekommen dann nichts mehr auf die Reihe.“ Doch man müsse zwei Dinge unterscheiden: Menschen, die ein Suchtproblem haben, und solche, die Cannabis wegen einer schweren Erkrankung benötigen. „Das wird häufig in einen Topf geworfen“, so Schmitte.


Präparate sind derzeit sehr teuer


Für eine Abgabe im Rahmen eines Modellprojekts, etwa in Apotheken, spricht sich der Hamburger Verein Therapiehilfe aus, zu dem auch das Itzehoer STZ gehört. Derzeit sei der Kampf, legal Cannabis-Präparate zu erhalten, „furchtbar hart“, so Schmitte. Zudem sind die Präparate teuer, und die Kosten werden in der Regel nicht von den gesetzlichen Krankenkassen getragen. „Wenn die Kassen es übernehmen würden, sind die Menschen nicht mehr darauf angewiesen, sich strafbar zu machen“, sagt Schmitte.

Die Krankenkassen stehen der Möglichkeit, schwerkranken Patienten den Zugang zu Cannabis-Präparaten zu erleichtern, offen gegenüber. „Aus unserer Sicht kann eine kontrollierte und sichere Abgabe solcher Produkte in Einzelfällen sinnvoll sein“, sagt Dagmar Schramm von der DAK. Grundlage dafür sei die ärztliche Verordnung. AOK-Sprecher Jens Kuschel sagt: „Natürlich soll einem schwerkranken Menschen mit starken und nicht ausreichend therapierbaren Schmerzen der Zugang zu alternativen Therapien nicht verwehrt werden.“ Wie viele Patienten von einer Lockerung der Regelungen profitieren würden, können AOK und DAK derzeit noch nicht beziffern − ebensowenig wie die zu erwartenden Kosten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen