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Unruhen in Lägerdorf 1923 : Arbeiter-Protest gewaltsam niedergeschlagen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

1923 forderten Unruhen in Lägerdorfer am 23. Oktober drei Todesopfer. Heute erinnert eine Tafel des Heimatverbands in der Rosenstraße an den Aufstand.

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erstellt am 24.Apr.2017 | 16:02 Uhr

Wer Lägerdorf über die Landesstraße 116 aus Richtung Breitenburger Schifffahrtskanal erreicht hat und an der Einmündung der Stiftstraße in die Breitenburger Straße angekommen ist, dem wird ein im Dreieck der beiden Wege stehender Findling nicht verborgen bleiben. Eingemeißelt in den Stein ist zu lesen: „Dem Oberfeldjäger Ingwer Boysen zum Gedenken – † 13. November 1923 – Er starb für Deutschland“. Über das, was mit dem Tod des Oberlandjägers in Verbindung steht, geben Lägerdorfer Anzeiger, Itzehoer Nachrichten und das Buch „Rotes Herz im grauen Ort“ der Lägerdorfer Sozialdemokraten Auskunft.

In die Ortsgeschichte eingegangen sind die Ereignisse vom Herbst 1923, bei denen auch Marie Ressel (eine Mutter von sieben Kindern) und Karl Paul Huhnke ihr Leben ließen, unter dem Titel „Lägerdorfer Unruhen“. Sie hatten ihren Ursprung in den sozialen Verhältnissen der jungen Weimarer Republik (1919-1933). In jenen Jahren stieg die Inflation in nie gekannte Ausmaße. Leidtragende waren das mittelständische Bürgertum, Arbeiter und ihre Familien. Erhöht hatte sich in den ersten Jahren der jungen Republik auch die Arbeitslosigkeit. Von 1922 auf 1923 stieg sie um ein Mehrfaches an. Auch in Lägerdorf – der Ort wurde wegen seines Einflusses durch die Kommunisten bald „Klein Moskau“ genannt – waren die negativen Auswirkungen der Krise zu spüren. Am Dienstag, den 23. Oktober 1923 entlud sich der Zorn auf der Straße. Darüber halten die Itzehoer Nachrichten zwei Tage später fest: „Am Dienstag sollte im Orte die Arbeitslosenunterstützung ausgezahlt werden. Da den Arbeitern die auszuzahlende Summe als zu gering erscheint, forderten sie eine größere Summe, die ihnen aber verweigert wurde. Da sich die Lage in dem Orte zuspitzte, wurden Landjäger zum Schutz des Ortes herbeigeholt, die mit den Arbeitern in heftige Auseinandersetzungen gerieten.“ Die Unruhen endeten in Gewalt. Oberlandjäger Boysen erhielt einen Bauchschuss, Oberlandjäger Grall wurde durch einen Schuss am Knie verletzt. Wie schwerwiegend die Verwundung von Ingwer Boysen war, zeigte sich drei Wochen später. Der in das Julienstift in Itzehoe eingelieferte Ordnungshüter erlag dort seiner schweren Verletzung am 13. November.

Über die Vorkommnisse am 23. Oktober liegt ein amtlicher Bericht vom nächsten Tag vor, den die Itzehoer Nachrichten am 25. Oktober veröffentlichen. Im Wortlaut heißt es: „Am gestrigen Vormittage verließ auf ein gegebenes Zeichen die Belegschaft der Werke in Lägerdorf die Betriebe und versammelte sich auf den Straßen des Ortes. Zur Auflösung der Versammlung wurde ein Landjägerkommando von 9 Landjägern eingesetzt, die zunächst auf die Menge beruhigend einzuwirken und sie zu zerstreuen suchte. Als die Landjäger darauf zur Verhaftung des Zementarbeiters Hoche schreiten wollten, der die Menge aufhetzte und mit den Worten ‚Entwaffnet die Hunde’ zum Widerstand reizte, wurden sie aus der Menge angegriffen. Zwei Landjäger wurden durch Schüsse verwundet, davon der eine hinterrücks aus einem Keller heraus. Er liegt schwer im Julienstift danieder. Daraufhin machte die Landjägerei von ihrer Waffe Gebrauch. Die Menge, die zum Teil mit Gewehren und Karabinern ausgerüstet war, führte ein regelrechtes Feuergefecht gegen die Landjägerei. Infolge dieser Sachlage wurde Militär eingesetzt, das nach kürzester Zeit den Widerstand brach, nicht ohne daß unter den Anführern blutige Verluste entstanden. Hierauf wurde der Ort nach den Führern abgesucht. Diese hatten es aber vorgezogen, sich in Sicherheit zu bringen. Eine Anzahl von Personen, die mit der Waffe in der Hand (an)getroffen worden waren, sind festgenommen worden und sehen schweren Strafen entgegen.“

Im Buch „Rotes Herz im grauen Ort – 125 Jahre Sozialdemokratie in Lägerdorf“, an dem Fritz Arnold Kunkelmoor sowie Ingolf Streich und Norbert Voß gearbeitet haben heißt es dazu: „Gegen Mittag treffen sich die Arbeitslosen in der Rosenstraße vor dem ‚Café Janson’ zu einer verbotenen Protestdemonstration. Bald trifft ein KPD-Kurier aus Hamburg ein und verbreitet die Nachricht über den siegreichen Aufstand der Hamburger Arbeiter. Daraufhin ertönen zu ungewohnter Stunde mehrere Fabriksirenen; überall im Ort stürzen die Einwohner aus ihren Wohnungen. Die Unruhe wird größer, die Stimmung in der Rosenstraße spitzt sich zu. Auf der oberen Stufe des Eingangs zum Café steht die 34jährige Elise Augustat und will eine Rede halten. Sie wird umringt von mehreren schießbereiten Landjägern, die sie verhaften wollen. Die Demonstranten versuchen jetzt, ihnen die Karabiner zu entreißen, wobei sich mehrere Schüsse lösen. Dabei werden der 20jährige Karl Huhnke und der Landjäger Ingwer Boysen erschossen. Das Handgemenge und die Schießerei weiten sich aus. Dabei wird auch Frau Ressel getötet. Die Landjäger verlieren die Kontrolle über die Revolte, die beängstigende Ausmaße angenommen hat. Da erscheint eine Hundertschaft Itzehoer Militär, angefordert vom Gemeindevorsteher, die an der Rosenstraße/Norderstraße in Stellung geht. Nach einigen vergeblichen Warnschüssen aus ihren Maschinengewehren schießen die Soldaten in die Menge. Schlagartig kehrt jetzt Ruhe ein, mehr als 30 Personen werden verhaftet. Mit schußbereiten Waffen durchstreifen die Uniformierten noch den ganzen Tag über und auch in der Nacht den Ort, um einem erneuten Aufstand zuvorzukommen.“

Offenbar stehen die „Lägerdorfer Unruhen“ in engem Zusammenhang mit den Ereignissen in in Hamburg. Dort stürmten um 5 Uhr morgens Kampfgruppen die Polizeireviere. 30 Minuten nach dem Beginn des Aufstands hatten die Arbeiter rund 170 Gewehre und Munition erbeutet, mit denen weitere Kämpfer bewaffnet wurden.

In den Wochen nach den Lägerdorfer Unruhen befasste sich die Justiz mit den Geschehnissen, und am 19. Dezember 1923 folgte im stark bewachten Amtsgericht Itzehoe der Prozess gegen 26 Personen, die in unterschiedlichem Maße angeklagt waren. Die Angeklagten bestritten ihre Schuld, wurden aber dennoch zu Freiheitsstrafen zwischen sechs Wochen und acht Monate verurteilt. Nicht mitverhandelt wurde bei dem Prozess am 19. Dezember die Tötung von Ingwer Boysen. „Gegen die sonstigen Beteiligten (…) wird noch später verhandelt werden“, berichtet der Lägerdorfer Anzeiger am 22. Dezember 1923. In seiner Ausgabe vom 15. Januar 1924 heißt es dann: „In der Sitzung vom 12. Jan. wurde weiterverhandelt über die Lägerdorfer Sache, Tötung des Oberlandjägers Boysen. Zunächst wurde der Kreisarzt vernommen. Er sagt aus, daß er im Bein des verstorbenen Boysen kein Geschoss gefunden hat. Auch die Untersuchung durch Röntgenstrahlen hatte ein negatives Ergebnis. Es wurden dann neue Zeugen vernommen. Der Staatsanwalt beantragte dann gegen Gn., der die tödlichen Schüsse auf Boysen abgegeben haben soll, wegen vorsätzlicher Tötung die Todesstrafe. Gegen Wa., der auf die Landjäger acht Schüsse abgegeben hat, beantragte er wegen versuchten Mordes, Besitz von Waffen und Aufruhrs eine Zuchthausstrafe von 9 Jahren und zehn Jahren Ehrverlust, sowie auf Stellung unter Polizeiaufsicht. Gegen Fe., der beschuldigt war, einen Landjäger zu entwaffnen versucht zu haben, hinsichtlich dieser Anklage Freisprechung, dagegen wegen Teilnahme an verbotener Versammlung 9 Monate Gefängnis. Gegen Frau Au. beantragte er wegen Aufruhrs 1 Jahr und 3 Monate Gefängnis, sowie 5 Jahre Ehrverlust. Um 5 Uhr wurde folgendes Urteil gesprochen: Gn. wurde von der Anklage auf vorsätzliche Tötung freigesprochen, wegen Landfriedensbruchs und Aufruhrs zu 7 Monaten Gefängnis, abzüglich 2 Monate Untersuchungshaft verurteilt. Wa. bekam wegen versuchten Totschlags, Aufruhrs und Landfriedensbruchs 5 Jahre 1 Monat Zuchthaus. Fe. bekam wegen Landfriedensbruchs und Aufruhrs 6 Monate Gefängnis. Frau Au. wurde freigesprochen.“






 

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