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Obdachlosen-Magazin : Arbeiten für einen großen Traum

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Die Alkoholsucht brachte Torsten Langermann einst fast ins Grab – inzwischen hat der Hinz-und-Kunzt-Verkäufer sein Leben im Griff.

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erstellt am 12.Jun.2017 | 05:00 Uhr

Er hatte keine Bleibe mehr, war dem Alkohol verfallen und stand zwei Mal kurz vor dem Tod. „Heute bin ich aus diesem Sumpf raus“, sagt Torsten Langermann, der zwei- bis dreimal in der Woche das Obdachlosen-Magazin „Hinz und Kunzt“ beim Famila-Markt vor dem Delftor verkauft. Der 54-Jährige hat wieder eine eigene Wohnung und sogar ein kleines Auto. Der Verkauf der Zeitschrift, mit dem er seine Grundsicherung aufbessert, ist für ihn wie eine feste Arbeit geworden.

„Das ist mein Stammplatz“, sagt Langermann stolz, als er im Eingangsbereich des Supermarkts seinen Klapphocker aufbaut, einige aktuelle Ausgaben des Magazins darauf ausbreitet und die offizielle „Hinz und Kunzt“-Weste überstreift. Kurz darauf kommen die ersten Leute vorbei und grüßen ihn freundlich. Seit zehn Jahren steht er an diesem Platz, zog vor vier Jahren extra für seinen Job nach Itzehoe.

Gebürtig stammt Langermann aus Wismar in Mecklenburg-Vorpommern. Er wuchs in der ehemaligen DDR auf dem Bauernhof seines Vaters auf, machte eine Ausbildung in der Landwirtschaft, später fand er Arbeit auf einer Werft. Doch dann ereilte ihn ein Schicksalsschlag: Im Jahr 1984 starb unerwartet sein Vater. „Das war ein richtiger Absturz für mich.“ Er suchte Trost im Alkohol. Wenige Jahre später folgte die nächste Schreckensnachricht: Mit der Wende wurde die Werft verkleinert, Langermann verlor seinen Job.

In der Hoffnung auf ein besseres Leben zog er in den Westen nach Lübeck, wo er nicht so recht Fuß fasste. 1995 ging er nach Hamburg, übernachtete zunächst in einer Obdachlosenunterkunft und später auch auf der Straße. „Da war ich richtig tief im Alkohol drin.“ Als ihm ein Kumpel von „Hinz und Kunzt“ erzählte, begann er nach einiger Zeit mit dem Verkauf des Straßenmagazins. „Von dem Geld habe ich Alkohol und Zigaretten gekauft.“ Wirklich besser wurde seine Situation nicht, und auch sein Gesundheitszustand verschlechterte sich. „Im Krankenhaus in Wandsbek war ich Stammgast.“ Beim vierten oder fünften Besuch riet ihm eine Ärztin, professionelle Hilfe zu suchen.

Langermann entschied sich für eine Langzeittherapie und zog auf den Ahornhof in Groß Offenseth-Aspern im Kreis Pinneberg. Eine schwere Entzündung der Bauchspeicheldrüse und der Milz bescherte ihm den nächsten Krankenhausaufenthalt. Nur um ein Haar gelang es den Ärzten, ihn vor dem Tod zu retten. Nach zahlreichen Gesprächen mit Therapeuten fasste der Patient einen Entschluss: „Ich werde nie wieder in meinem Leben einen Schluck Alkohol anrühren.“ Dabei ist es bis heute geblieben. Nach zwei Jahren Therapie und zwei weiteren Jahren in einer Wohngemeinschaft bezog er erstmals wieder eine Wohnung in Elmshorn. „Da musste ich mich erst mal dran gewöhnen, ein normales Leben zu führen.“ Er fand eine Stelle im Gartenbau, eine Arbeit, die ihm Spaß machte, ihn aber schnell an die körperlichen Grenzen führte. Schließlich bescheinigten ihm die Ärzte: Sein Gesundheitszustand ließ es nicht zu, körperlich zu arbeiten.

Langermann wurde zum Hartz-IV-Empfänger, wollte es aber nicht dabei belassen. Er erinnerte sich an seine „Hinz und Kunzt“-Zeit in Hamburg und begann, in der Nachbarstadt Schenefeld das Magazin zu verkaufen. Als er 2005 erneut in Lebensgefahr schwebte, weil ihm der Darm geplatzt war und er längere Zeit im Krankenhaus verbrachte, verlor er seinen Platz als Verkäufer. Wieder genesen, sah er sich nach einer neuen Möglichkeit um und kam auf Itzehoe: „Zuerst habe ich in der Feldschmiede gestanden, aber das wurde im Winter zu kalt.“ Seit 2007 steht er am Eingang des Famila-Markts.

Anfangs fuhr er noch mit dem Moped von Elmshorn nach Itzehoe, nach einiger Zeit reichte sein Erspartes für einen kleinen Gebrauchtwagen. Weil ihm die Fahrt auf Dauer zu weit wurde, entschied er sich schließlich vor vier Jahren, an seinen Arbeitsort umzuziehen. Seither lebt er in Itzehoe, wo er vor einiger Zeit seine Freundin kennen lernte und – wie er selbst sagt – ein geregeltes Leben führt. Die Kunden des Famila-Markts kennen den kleinen Mann mit dem freundlichen Lächeln mittlerweile: „Ich habe meine Stammkunden, die jeden Monat kommen. Wenn ich mal ein paar Tage nicht da bin, fragen mich die Leute, wo ich war.“

Zu seiner Vergangenheit hat er inzwischen Abstand gewonnen. Auf Partys trinkt er Mineralwasser statt Bier. „Das ist Korn in meinem Glas“, scherzt er dann, wenn ihn jemand darauf anspricht. Mit dem Wenigen, was er hat, ist er zufrieden. Als „Kind von der Küste“ hat er jedoch noch einen Traum: „Ich möchte einmal in meinem Leben noch eine Kreuzfahrt machen.“ Schließlich habe er als kleiner Junge in Wismar schon immer den Schiffen nachgeschaut. Für dieses Ziel spart Torsten Langermann jeden Cent, den er entbehren kann: „13 Jahre von meinem Leben habe ich weggeschmissen. Jetzt muss ich endlich meine Träume wahrmachen.“

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