Flüchtlinge : Ankunft in der neuen Heimat

Erste gemeinsame Wohnung nach viereinhalb Jahren: Mohammed Karim und Latife Azimi mit Taghi und Hasti.
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Erste gemeinsame Wohnung nach viereinhalb Jahren: Mohammed Karim und Latife Azimi mit Taghi und Hasti.

Nach langer Flucht: Wie Familie Azini ihren ersten Tag von der Ausländerbehörde in Itzehoe bis zur eigenen Wohnung in Glückstadt erlebt.

shz.de von
16. Januar 2015, 05:00 Uhr

Als der Fahrer der Steinburger Ausländerbehörde die große Kiste mit Obst, Brot und Keksen in den Transporter verstaut, entspannt sich Latife Azimis Gesicht. Zum ersten Mal an diesem Tag wirkt die 50-jährige Afghanin erleichtert. Seit viereinhalb Jahren lebt Latife Azimi mit ihrem Mann Mohammad Karim Azimi (58), Sohn Taghi (18) und Tochter Hasti (17) auf der Flucht. Vom Iran über die Schweiz und Dänemark bis Neumünster verlief ihre Reise. Mindestens genauso lange hat die Familie keine gemeinsame Unterkunft mehr gehabt. Latife Azimi hat mit ihren Kindern auf der Flucht viel Schlimmes gesehen, wie sie sagt. Doch mit dem Willkommensgeschenk aus dem Sozialkaufhaus in Glückstadt scheint es langsam bei ihr anzukommen: In wenigen Minuten wird die Familie eine eigene Wohnung in Glückstadt betreten und dort zusammen wohnen.

Der Tag beginnt für die Familie mit dem 9.25-Uhr-Zug von Neumünster über Elmshorn nach Itzehoe. Nur mit dem nötigsten Gepäck, Rucksäcken und Taschen, auf denen „I love Neumünster“ steht, kommen sie an. Taghi Azimi hat einen Kartenausdruck aus dem Internet in die Hand gedrückt bekommen, damit sie vom Bahnhof zur Ausländerbehörde in der Viktoriastraße finden. Der Weg ist nicht weit. Und es ist nicht das erste Mal, dass sich die Azimis in einem neuen Land orientieren müssen.

Die Odyssee beginnt vor rund 20 Jahren zu einer Zeit, als die Taliban in Afghanistan noch keine große Rolle spielen. Mohammad Karim Azimi und Latife Azimi wohnen zu dieser Zeit in Herat, im Westen des Landes, wo der Iran an Afghanistan grenzt. Mohammad Karim Azimi gehört zu den Mudschahedin, die ihr Land als militärisch organisierte Gruppe verteidigen. Er hat eine leitende Funktion an einem Kontrollposten, bis er eines Tages einen Befehl verweigert und erst in den Untergrund und dann in den Iran abtauchen muss. Dort lebt die Familie einige Jahre, bis ihre Flucht beginnt. Zunächst versuchen die Eltern, die Tochter über Schlepper aus dem Land zu bekommen. Sie gelangt in die Schweiz und kommt in einem Camp für minderjährige Flüchtlinge ohne Eltern unter. Etwa drei Jahre lebt Hasti Azimi dort. Sie lernt die französische Sprache und hat dennoch keine gute Erinnerung. Denn ihren Eltern, die einige Monate später mit Bruder Taghi in die Schweiz einreisen können, wird der Kontakt zur Tochter untersagt. Latife Azimi stehen die Tränen in den Augen, als ihre Tochter davon erzählt. Sobald ein Treffen ermöglicht wird, flüchtet die Familie, um wieder zusammen zu sein. Jetzt hoffen die Azimis in Deutschland neuanzufangen.

12.30 Uhr: In der Ausländerbehörde Itzehoe bekommen die Azimis einen Stempel in ihren Ausweis, damit sie sich in Steinburg frei bewegen und auch Hamburg besuchen können. Der ehrenamtliche Dolmetscher Daud Assad hilft ihnen dabei, die notwendigen Formulare zu verstehen. Dann geht es mit einem durch die Behörden organisierten Fahrdienst zum Sozialamt nach Glückstadt, etwa eine halbe Stunde dauert die Fahrt. „Wie schön!“, entfährt es Taghi Azimi, als der Kleinbus den Glückstädter Marktplatz quert. Im Sozialamt wird die Familie mit einem herzlichen Lächeln von Sabine Budde, Maike Riemann und Katharina Schmidt begrüßt. Damit die Familie noch ihr Willkommenspaket im Sozialkaufhaus bekommt, wird dort extra angerufen. „Danke schön“ – Taghi Azimi sagt es auf Deutsch, leise, so dass es fast untergeht, als Sabine Budde den Wohnungsschlüssel aushändigt.

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