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Sprachkurs : „Am schwersten ist die Grammatik“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Im Integrationskurs der Volkshochschule lernen Flüchtlinge deutsche Sprache und Kultur.

von
erstellt am 24.Jun.2016 | 05:00 Uhr

„Wer ist auf dem Foto zu sehen?“ – „Der Bahnhof.“ – „Nein, wer?“ – „Menschen.“ – „Was für Menschen?“ – „Kinder.“ – „Das ist richtig.“ Laut und deutlich artikuliert Deutschlehrerin Jessica Schwichtenberg ihre Fragen, die sie den 14 Teilnehmern des Alpha-Integrationskurses in der Volkshochschule stellt. Alle haben die Norddeutsche Rundschau aufgeschlagen vor sich liegen. Anhand der Fotos versucht die Dozentin, mit ihren Schülern ins Gespräch zu kommen. Mit einfachen Worten wie „Bahnhof“ und „Kinder“ sind die Flüchtlinge bereits vertraut. Beim Versuch zu erklären, dass die abgebildeten Kinder an einem Projekt für Blinde teilnehmen, hält sich Schwichtenberg demonstrativ die Hände vor die Augen. Die Teilnehmer nicken, sie haben verstanden.

Die Volkshochschule Itzehoe ist eine von landesweit 70 Einrichtungen, die an dem Projekt unserer Zeitung „Willkommen in Schleswig-Holstein“ teilnimmt. Drei Monate lang lesen die Flüchtlinge, die in Schwichtenbergs Kurs unterrichtet werden, täglich die Norddeutsche Rundschau. Lesen sei dabei relativ, so die Lehrerin: „Der Alpha-Integrationskurs ist speziell für Teilnehmer zugeschnitten, die noch nicht mit dem lateinischen Alphabet vertraut sind. Entsprechend ist die Zeitungslektüre eigentlich noch zu schwer, aber die Fotos bieten gute Gesprächsanlässe.“

Neben der Arbeit mit der Zeitung stehen daher vor allem Grammatik-Übungen und das Erlernen des Alphabets auf dem Programm. Morgen wird ein Test über den Buchstaben „V“ geschrieben. „Vogel“, „Vater“, „ Visum“ – die Schüler müssen nicht lange überlegen, um die entsprechenden Wörter aufzuzählen.

Zehn Syrer, drei Eritreer und ein Iraker sitzen in dem Kurs. 19 Jahre alt ist der jüngste Schüler, 52 der älteste. „Am schwersten ist die Grammatik“, sagt Omar Hamkadio (36), der aus Aleppo in Syrien stammt. In seiner Heimat arbeitete er als Maler, in Itzehoe war er bereits eine Zeit lang bei einem Sicherheitsdienst angestellt. Nach dem Sprachkurs werde es leichter, eine Arbeit zu finden, so seine Hoffnung. „Am schnellsten lerne ich durch Sprechen.“

Dass Unterhaltungen und Gespräche mehr bringen als bloßes Vokabeln-Pauken, weiß auch Lehrerin Jessica Schwichtenberg. So oft wie möglich unternimmt sie daher Exkursionen mit ihren Schützlingen. Gestern gab es eine Stadtführung durch das Zentrum Itzehoes. „Kirche“, „Kindergarten“, „Störschleife“ sind Begriffe, die den Asylbewerbern hängen geblieben sind. Andere Ausflüge führten sie bereits in den Supermarkt oder in das Möbelhaus. „Wir versuchen, mit so viel Original-Material zu arbeiten wie möglich“, sagt Schwichtenberg. Die Münsterdorferin leitet schon seit zehn Jahren Integrationskurse. Früher hatte sie meist mit Bürgern anderer EU-Staaten zu tun, seit dem vergangenen Jahr sind es hauptsächlich die Flüchtlinge aus dem arabischen und afrikanischen Raum. „Die Methoden sind weiterhin die gleichen“, so Schwichtenberg. Dennoch gebe es plötzlich neue Herausforderungen. „Oft habe ich es mit traumatisierten Menschen zu tun, die bei bestimmten Themen anfangen zu weinen oder aggressiv reagieren.“ Feinfühligkeit sei gefragt.

Bewusst versucht Schwichtenberg, die im Integrationskurs nicht nur Sprache, sondern auch deutsche Kultur vermitteln soll, Bezüge zu den Herkunftsländern ihrer Schüler zu finden. In der aktuellen Ausgabe der Norddeutschen Rundschau hat sie etwas Passendes entdeckt: Ein Bericht handelt von der Eröffnung eines syrischen Markts in Itzehoe. „Lecker!“, entfährt es einer Teilnehmerin, als sie die Lebensmittel in der Auslage auf dem Foto sieht. Mit „Fleisch“, „Obst“ und „Gemüse“ hat sie schnell die passenden Vokabeln parat. Diesmal ist allerdings ihre Lehrerin ratlos: „Wie heißt der Inhaber des Ladens? Mit dem syrischen Namen müssen Sie mir jetzt einmal helfen.“

Info: 213 Flüchtlinge in elf Sprachkursen

Nach aktueller Gesetzgebung haben Asylbewerber mit Aufenthaltsgestattung ein Recht auf den Besuch von Integrationskursen. Ein Jahr lang lernen sie die deutsche Sprache und bekommen einen umfassenden Einblick in die deutsche Kultur. Die so genannten Alpha Integrationskurse – „Alpha“ steht für „Alphabetisierung“ – richten sich an Teilnehmer, die noch nicht mit dem lateinischen Alphabet vertraut sind oder noch gar nicht lesen und schreiben können. Sie dauern drei Monate länger. Daneben haben Asylbewerber die Möglichkeit, so genannte Staff-Kurse (Starterpaket für Flüchtlinge) zu besuchen, die erste Grundlagen von Sprache und Kultur vermitteln. Momentan werden an der Volkshochschule Itzehoe 213 Flüchtlinge in fünf Integrationskursen, drei Alpha-Integrationskursen, einem Staff-Kurs, einem berufsbezogenen Sprachkurs und einem Vorkurs für Bleibeberechtigte unterrichtet.

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