Am frühen Morgen verhaftet

Verhaftet: Die SA holt Wilhelm Schubert ab.  Foto: legband/Das mahnmal
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Verhaftet: Die SA holt Wilhelm Schubert ab. Foto: legband/Das mahnmal

Heute vor 80 Jahren: Wie die SA gegen Lokalpolitiker vorging

shz.de von
15. April 2013, 03:59 Uhr

itzehoe | Es war eine der entwürdigendsten Aktionen in der Stadtgeschichte, heute vor 80 Jahren: Am 15. April 1933 führten SA-Männer sieben prominente Lokalpolitiker teils im Schlafanzug und wohl unter Trommelschlag durch die Stadt. Für fast alle bedeutete das Ereignis bis 1945 das Ende ihrer Berufslaufbahn. Wer waren die Männer, warum wurden sie verhaftet, was geschah mit ihnen?

Familie Rohde hatte noch nicht gefrühstückt, der Vater rasierte sich. Da flogen Steine durch die Fenster. "Dann wurde es ruhig. SA-Leute kamen die Treppe herauf und erklärten, sie müssten meinen Vater in Schutzhaft nehmen, es wäre für seine eigene Sicherheit." So beschrieb später Ingeborg Dietzmann-Rohde, die Tochter des Itzehoer Bürgermeisters Adolf Rohde, wie die Nationalsozialisten die Absetzung ihres Vaters einleiteten.

Auf dem Itzehoer Rathaus wehte seit dem 6. März die Hakenkreuzfahne. Doch der seit 1919 amtierende Bürgermeister Rohde war offiziell noch im Amt. Den neuen Machthabern war der Demokrat, Mitglied der Deutschen Volkspartei (DVP), ein Dorn im Auge.

Um 7 Uhr morgens sammelten sich in der Gaststätte Freudenthal in der Jahnstraße SA-Stürme aus Oldendorf und St. Margarethen. Sie marschierten zur Ritterstraße 31 und bauten sich vor dem Haus des Bürgermeisters auf. Während Adolf Rohde in einem Auto weg gefahren wurde, nahmen die SA-Männer in Itzehoe noch weitere Persönlichkeiten in Haft: Oberstadtsekretär Wilhelm Schubert (Oelixdorfer Straße 68), Berufsschuldirektor Paul Schmidt (Sandberg 144?), Rektor der Klosterhofschule Thomas Hagenah (Gutenbergstraße 15), Studienrat an der Kaiser-Karl-Schule Dr. Bruno Voltmer, die SPD-Stadträte Christian Lohse (Hindenburgstraße 5) und August Diebenkorn (Elmshorner Straße 12) sowie den Landwirt Fritz Hilbert.

Voltmer wurde gleich wieder entlassen, die Verhaftung habe sich als Irrtum herausgestellt, schreibt Stadthistoriker Johann Rathmann. Voltmer war auch Spielleiter der Speeldeel und Verfasser plattdeutscher Theaterstücke oder lokalhistorischer Publikationen. Nach dem Krieg leitete Voltmer, nunmehr Lehrer im Ruhestand, ehrenamtlich die Stadtbücherei, baute zudem bis 1949 die Volkshochschule auf. In Itzehoe, so schreibt Kay Dohnke 1981 im Steinburger Jahrbuch, habe Voltmer "heute keinen guten Ruf" wegen der Zusammenarbeit mit den Besatzungsbehörden. Der Nachruf der KKS fiel sehr kurz aus. Seine Bücher sucht man in der Stadtbücherei heute vergeblich.

Adolf Rohde wurde nach Oldendorf gebracht, die anderen sechs wurden im Itzehoer Polizeigefängnis festgehalten, kamen aber bald wieder frei. Drei Tage nach der Aktion wurde der NSDAP-Stadtrat Hermann Nappe zum kommissarischen Bürgermeister ernannt. Rohde musste seine Dienstwohnung verlassen und kaufte das Haus von Thomas Hagenah in der Gutenbergstraße. Der Rektor war "wegen seiner Verbindung zur SPD" beurlaubt worden und zog nach Hamburg.

Wilhelm Schubert war Vorsitzender der Itzehoer SPD und der Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung. Er verzichtete auf seine Mandate in Stadt, Kreis und Land, auch die SPD-Stadträte Christian Lohse und August Diebenkorn gaben auf, da ihnen, so Stadthistoriker Rudolf Irmisch, "eine weitere Mitarbeit sinn- und zwecklos zu sein" schien.

Nach dem Krieg arbeiteten sowohl Schubert als auch Diebenkorn wieder sehr aktiv mit, unter anderem als stellvertretende Bürgermeister. Schubert wurde 1959 die Würde eines Stadtältesten verliehen. Schon im Sommer 1945 wurden die Johannes- und die Horst-Wessel-Straße in Adolf-Rohde-Straße umbenannt. In Wellenkamp wurde die Hermann-Schmidt zur Christian-Lohse-Straße.

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