Hundehalter : Am Deich: Hunde fallen Schafe an

Dr. Sybille Petersen vom Nabu und Schäferin Sabine Kröger ärgern sich über die vielen freilaufenden Hunde am Deich.
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Dr. Sybille Petersen vom Nabu und Schäferin Sabine Kröger ärgern sich über die vielen freilaufenden Hunde am Deich.

Sybille Petersen vom Nabu und Schäferin Sabine Kröger schlagen Alarm: Hundehalter zeigen sich uneinsichtig.

shz.de von
15. Juli 2015, 17:00 Uhr

Eine Frau mit einem großen Hund kommt Sabine Kröger und Dr. Sybille Petersen auf dem Weg zwischen Deich und Elbe am Bielenberger Hafen entgegen. Als die Schafe hinter dem Zaun den Hund entdecken, weichen sie ängstlich zurück. „Sie müssen Ihren Hund hier anleinen“, ruft Petersen der Frau zu. Doch die zuckt nur mit den Schultern und antwortet in barschem Tonfall, ihr Hund gehe nicht auf die Schafe. „Das ist wieder einer dieser Sprüche“, sagt Sabine Kröger resigniert. „Die höre ich hier ständig.“

Sabine Kröger ist Schäferin. Ihr und ihrem Mann gehören die rund 2000 Schafe, die zwischen der Kollmaraner Grundschule und dem Störsperrwerk auf den Deichen grasen. Immer wieder kommt es vor, dass unangeleinte Hunde die Schafe jagen, sie in die Enge treiben oder sogar angreifen. „Allein dieses Jahr hatten wir schon drei gerissene Schafe“, sagt Sabine Kröger. Der jüngste Fall ereignete sich am 20. Juni in Glückstadt, als ein Husky einem Schaf starke Bisswunden zufügte. „Wir mussten das Tier über längere Zeit medizinisch versorgen. Es hat zwar überlebt, aber bis heute warten wir darauf, dass die Besitzerin die Rechnung bezahlt.“ Immer wieder hört sie von Hundebesitzern, die Schafe würden von Wölfen angegriffen. „Aber wir haben die Bissspuren überprüfen lassen. Unsere Schafe werden eindeutig von Hunden angefallen.“

Andere Folgen sind weniger augenfällig, aber deshalb nicht weniger schlimm für die Tiere: Etwa 150 Schafe erleiden im Jahr Fehlgeburten, weil sie durch die Hetzjagd der Hunde zu großem Stress ausgesetzt werden. „Außerdem entdecken wir beim Scheren immer wieder zahlreiche Bissstellen an den Flanken und am Hals der Tiere“, erzählt Sabine Kröger. Häufig weist sie die Hundehalter darauf hin, dass die Vierbeiner am Deich angeleint werden müssen. „Aber die Leute reagieren fast immer aggressiv, sagen, ihre Hunde wollten nur spielen, bräuchten Auslauf und würden sowieso nichts tun.“ Natürlich treffe das auf den Großteil der Hunde zu – „aber wenn sich der Jagdtrieb dann doch durchsetzt, ist es zu spät.“ Einige leinten ihren Hund auf den Hinweis der Schäferin auch an, „aber sobald ich um die Ecke gebogen bin, lassen sie ihn wieder laufen.“ Den Hunden macht Kröger keinen Vorwurf – „das sind die Leute am anderen Ende der Leine, die es besser wissen sollten.“

Besonders am Wochenende beobachtet Sabine Kröger am Deich rund um den Bielenberger Hafen richtige Aufläufe von Hundebesitzern. „30 bis 40 Hunde in der Stunde sind da nichts – und die allermeisten sind nicht angeleint.“ Besonders die auswärtigen Besucher aus dem Kreis Pinneberg oder Hamburg würden das Verhalten ihrer Hunde beim Anblick der Schafe oft nicht einschätzen können. „Aber auch die Einheimischen halten sich nicht an die Regeln.“ Dabei weisen gut sichtbar aufgestellte Schilder überall darauf hin, dass in dem Gebiet Leinenzwang herrscht.

Wenn Schafe angegriffen werden, leiden nicht nur die Tiere, sondern auch der Küstenschutz. Schließlich übernehmen die Schafe auf den Deichen eine wichtige Aufgabe und sorgen mit ihren Tritten für eine Verdichtung des Bodens und halten die Grasnarbe kurz. Sabine Kröger beobachtet, dass Schafe die Deichabschnitte meiden, an denen sie besonders oft angegriffen oder gejagt werden. „Als damals der Orkan Christian am Hafen in Kollmar große Löcher in die Deiche gerissen hat, war es überall dort am schlimmsten, wo die Schafe sich nur selten aufhalten.“

Und dann sind da noch die Vögel. Denn nicht nur die Schafe sind von freilaufenden Hunden bedroht. Die Schilfflächen, die gleich neben dem Parkplatz am Bielenberger Hafen beginnen, sind Naturschutzgebiet und dürfen nicht betreten werden. Dort nisten zahlreiche Boden- und Schilfbrüter. „Aber viele Hundebesitzer nutzen das Watt bei Ebbe als Hunde-Freilauffläche“, sagt Sybille Petersen vom Nabu. Die nistenden Vögel würden von den Hunden aufgeschreckt und ließen ihre Brut im Stich. „Die Küken überleben das natürlich nicht.“ In Glückstadt habe das schon dazu geführt, dass viele Vogelarten im Deichvorland rund um den Fähranleger nicht mehr brüten würden. „Früher gab es hier Kibitze, Rotschenkel und Austernfischer. Denen ist das inzwischen zu unruhig geworden. Dabei ist das Vorland sogar EU-Vogelschutzgebiet.“

Maike, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist gerade mit ihrem Hund am Deich unterwegs. Sie hat ihn angeleint. Dass die Anleinpflicht mit dem Schutz der anderen Tiere zu tun hat, wusste sie aber noch nicht. „Ich kann verstehen, dass die Schafe und Vögel geschützt werden müssen und finde es auch nicht gut, wenn die Hunde überall dort ihr Häufchen machen, wo später Kinder spielen“, sagt sie. „Ich verstehe aber auch die Hundebesitzer, die einen Ort suchen, an dem sie ihre Hunde auch mal frei herumlaufen lassen können.“ Das Problem kennt auch die Schäferin Sabine Kröger. Sie findet, die Gemeinden sollten die Hundesteuern dafür einsetzen, sichere Auslaufflächen für Hunde zu schaffen.

Die Mitarbeiter des Glückstädter Ordnungsamtes werden auf dieses Thema immer wieder angesprochen. Fachbereichsleiter Dr. Lüder Busch: „Die Bürger wollten gerne, dass wir im Stadtpark eine Fläche für die Hunde einzäunen. Aber der Stadtpark steht unter Denkmalschutz, den wollten wir nicht durch Zäune verunstalten.“ Die Einrichtung einer Hundeauslauffläche an anderer Stelle ist im Moment nicht angedacht. Die Stadtverwaltung wäre aber zu Gesprächen bereit, wenn Hundehalter Ideen für die Schaffung einer solchen Fläche haben.

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