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Norddeutsche Rundschau

15. Dezember 2017 | 07:41 Uhr

Alte Schule ist verkauft

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Investoren-Ehepaar aus Heiligenstedten will dort Wohngruppen für Behinderte und Wohnungen für Senioren bauen. Für den Kulturverein bedeutet es das Aus.

shz.de von
erstellt am 20.Nov.2015 | 00:36 Uhr

Tausende von Kindern haben dort im Laufe von mehr als hundert Jahren die Schulbank gedrückt: Im Frühjahr wird die 1885 als Knabenschule errichtete Bildungsstätte am Stadtpark aus dem Stadtbild verschwinden. Das Ehepaar Carola und Ralf Momsen aus Heiligenstedten hat das rund 4000 Quadratmeter große Areal gekauft. Auf dem Gelände sollen seniorengerechte Eigentumswohnungen und eine Wohngruppe für Menschen mit Behinderungen entstehen.

„Wir sind Käufer, Planer und gleichzeitig auch selbst Betroffene“, beschreibt Ralf Momsen eine eher ungewöhnliche Konstellation. Für den 47 Jahre alten Architekten ist letztlich die 16 Jahre alte schwerbehinderte Tochter die entscheidende Triebfeder für ein ehrgeiziges Projekt mitten im Stadtzentrum. Seine Motivation: „Auch Menschen mit einem Handicap sollen so lange und so weit wie möglich ein selbstbestimmtes und selbstständiges Leben führen können.“ Momsen weiß, dass viele Eltern vor dieser Frage stehen, wenn ihre behinderten Kinder allmählich erwachsen werden.

Geplant ist eine Wohngruppe für zehn bis zwölf behinderte Bewohner. Für die Betreuung soll auch eine Pflegerwohnung eingerichtet werden. Parallel dazu will Momsen Eigentumswohnungen mit zehn bis zwölf Wohneinheiten für ältere Menschen schaffen. Entscheidend sei letztlich der Standort gewesen. Die Alte Schule liegt nur wenige Schritte vom Marktplatz entfernt. Angrenzend gibt es mit dem Stadtpark Grünanlagen, und auch das nahe Hallenbad ist für diese Personengruppe attraktiv. Für Ralf Momsen ist das eine ideale Konstellation – auch was das Zusammenleben der späteren Bewohner betrifft. „Ältere Menschen auf der einen und Behinderte auf der anderen Seite können gut voneinander profitieren.“

Mit der vorhandenen Bausubstanz könne das allerdings nicht realisiert werden, meint Momsen und weist auf erforderliche Barrierefreiheit, energetische Erfordernisse und den Brandschutz hin. Sein Zeitplan: Im nächsten Frühjahr sollen die Gebäude abgerissen werden. Parallel dazu läuft die Planung. Für den Herbst ist die Tiefgründung vorgesehen. Anfang 2018 sollen die Gebäude fertig sein. In den Komplex könnte auch das Stadtarchiv integriert werden. Entsprechende Planungen will Ralf Momsen vornehmen. Dann müsste er sich nur noch mit der Stadt handelseinig werden.

Mit der Vertragsunterzeichnung, die noch von der Schulverbandsversammlung abgesegnet werden muss, geht eine jahrelange Hängepartie zu Ende. Bereits seit dem Jahr 2011 gibt es eine bis heute gültige Beschlusslage: Die Alte Schule wird verkauft. Immer wieder hatte es laut Bürgermeister Walter Schulz Interessenten gegeben. Konkret wurde aber nichts. Zuletzt waren die Gebäude zudem willkommenes Ausweichquartier für die Kindertagesstätte Schwalbennest. Übrigens: Auch die Planung für den gerade eingeweihten Schwalbennest-Erweiterungsbau stammt aus der Feder von Ralf Momsen, der auch schon für zahlreiche weitere öffentliche Projekte in der Region verantwortlich zeichnet.

Noch bis 31. Dezember wird das Gebäude vom eigens gegründeten Verein „Alte Schule – Bildung und Kultur Wilstermarsch“ genutzt. Die Akteure um Initiator Anton Brade hatten zwischen 9. März und 30. August ein im Norden bislang wohl einmaliges kulturelles Feuerwerk gezündet: „25 Wochen Tanz und Theater in der Wilstermarsch“. Es gab eine Fülle von Veranstaltungen, Workshops und Kursen. Im Anschluss lief das Programm als „KulturImbiss“ weiter. Dem Kulturverein war das Gebäude unter Mithilfe der örtlichen Volkshochschule mietfrei zur Verfügung gestellt worden. Lediglich Energiekosten mussten aufgebracht werden. „Wir haben vom Schulverband aus das Projekt immer sehr positiv begleitet“, sagt Walter Schulz. In letzter Minute habe der Kulturverein ebenfalls ein Kaufangebot auf den Tisch gelegt – allerdings nur für einen Teil des Schulgebäudes. Das sei mit der geltenden Beschlusslage und dem erklärten Ziel des Schulverbandes aber nicht in Einklang zu bringen gewesen, so Schulz weiter. Der Verband wäre dann auf einem Teilstück und auf den damit verbundenen Kosten sitzengeblieben. Dem Kulturverein, so betont der Bürgermeister, sei die Ausgangslage von Beginn an deutlich gemacht worden. Schulz hofft nun, dass das Kulturprojekt dennoch an anderer Stelle fortgesetzt werden kann. „Ich habe dem Verein auch mögliche Alternativstandorte aufgezeigt.“ Für die Stadt sei die Momsen-Planung letztlich die ideale Lösung. „Das passt hervorragend in unsere Infrastruktur.“

Die Reaktion des Kulturvereins: „Nach allem, was wir hier aufgebaut haben, und vor dem Hintergrund der Förderzusagen, die uns schon in Aussicht gestellt wurden, sind wir sehr enttäuscht. Doch wird der Verein weiterhin aktiv bleiben“, teilt Vorsitzender Anton Brade auf der Homepage mit. Das Programm „für den Kulturhunger zwischendurch“ werde aber in jedem Fall wie geplant bis zum Jahresende fortgesetzt.


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