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Norddeutsche Rundschau

22. November 2017 | 14:13 Uhr

Bootsbauer : Alte Holzschätze mit Seele

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Bootsbauer Günter Klingbeil (54) restauriert historische Segelschiffe. Ein Kamerateam filmt den Glückstädter bei der Arbeit

shz.de von
erstellt am 25.Apr.2014 | 17:00 Uhr

Ausgerechnet an diesem Morgen muss die große Lieferung kommen, auf die Günter Klingbeil schon seit Wochen gewartet hatte. Die Kartons stapeln sich in seinem kleinen Laden für Bootsausrüstung am Glückstädter Hafen fast bis an die Decke – und dass, wo sich doch das Fernsehen angemeldet hat. Der NDR ist mit seiner Sendung „Mein Nachmittag“ zu Gast in der Elbestadt und dreht neben Matjes-König Henning Plotz und dem Shantychor De Molenkieker auch ein paar Szenen über Günter Klingbeil. Denn der gelernte Bootsbauer verkauft in seinem Laden nicht nur alles, was man zum Segeln braucht, sondern restauriert nebenbei auch alte Holzboote. Für die Fernsehzuschauer soll er ein Ewer-Beiboot aus den 1960ern wieder in Schuss bringen – vor laufender Kamera.

Bevor es losgeht, ist noch eine Menge zu tun. Das Boot muss an den Drehort zum Rethövel gefahren werden und das Werkzeug hat er auch noch nicht abgeholt. Nebenbei springt er immer mal wieder schnell in den Laden, um ein paar Kunden zu bedienen. Den ganzen Tag geht das schon so, aber er kennt das. „Ob ich nun wegen des Fernsehens oder für 25 Kunden am Tag hin und her renne – das macht auch keinen Unterschied.“ Jetzt, im Frühjahr, ist für den Bootsbauer Hochsaison. Das Frühlingswetter lockt die Segler aufs Wasser, vor der Saison will jeder sein Boot noch auf Vordermann bringen.

Im Winter, wenn es ruhiger ist, hat der 54-Jährige Zeit für seine große Leidenschaft: alte Holzboote. Schon bei seiner Ausbildung in der ehemaligen Glückstädter Kremer Werft Ende der 1970er wurde ihm schnell klar, dass die modernen Yachten nichts für ihn sind. „Holzboote haben einfach eine ganz andere Seele“, sagt er. Auch, wenn ihre Pflege sehr viel aufwendiger sei. „Das Schwierige ist, dass es keine geraden Kanten gibt und dass jedes Boot anders ist. Dafür braucht man viel Gefühl.“

Ein gutes Beispiel ist das Abdichten eines Schiffsdecks aus Holz, das er an einem Modell zeigt. Die Abstände zwischen den einzelnen Planken werden mit Hanf abgedichtet, so wie früher. „Das riecht noch so richtig nach Schiff“, sagt Klingbeil und hält seine Nase in die Fasern. „Das ist gut fürs Piratenfeeling“, scherzt er. Beim Einschlagen des Hanfs ist Fingerspitzengefühl gefragt. „Es muss zwar fest sitzen, aber schlage ich es zu weit rein, drücke ich das Holz auseinander.“ Am Ende kommt eine Vergussmasse obendrauf. Früher war diese aus Harz und Teer, aber das sei immer „eine riesen Sauerei“ gewesen. Heute wird Kunststoff benutzt.

Nicht viele Werften in Deutschland sind noch auf historische Holzboote spezialisiert. „Der Markt dafür geht zurück“, sagt Klingbeil. An die modernen Yachten kann er sich nicht gewöhnen. „Ich drücke mich eigentlich immer vor Kunststoff. Aber das wird immer schwieriger, 90 Prozent der Boote heute sind ja nun mal aus Kunststoff.“

Alte Museumsschiffe waren es auch, die ihm damals die Entscheidung für den Beruf abgenommen haben. Denn eigentlich wollte der Sohn eines Bäcker-Ehepaares etwas ganz anderes machen. „Es gab damals drei Dinge, die ich gut fand: Schiffe, Segeln und Musikinstrumente. Zuerst wollte ich deshalb eine Ausbildung als Instrumentenbauer machen.“ Er stellte sich bei Steinway & Sons vor, dem Klavierbau-Unternehmen. Doch was er dort sah, änderte seine Meinung. „Das war irgendwie auch nur Fabrikarbeit – und das wollte ich nie machen“, erinnert er sich. Ausgerechnet der Personalchef – ein Segler – brachte ihn damals auf den Gedanken, der eigentlich auf der Hand lag. „Er fragte mich, wieso ich nicht Bootsbauer lerne, wenn ich so gerne mit Schiffen zu tun habe.“ Und das tat er.

Heute betreut er drei Schiffe in Glückstadt, darunter auch die Rigmor, das älteste fahrtüchtige Segelschiff Deutschlands. Mit einem Freund zusammen hat er außerdem ein kleines Kielboot. „Da muss aber noch eine Menge dran gemacht werden“, sagt er und lacht. Denn eines sei bei den alten Booten klar: Sie machen viel Arbeit. Abgeschreckt hat ihn das aber noch nie. „Man muss es einfach lieben.“

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