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Anfänge einer Partei : Als die Grünen laufen lernten

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wie mehr als 20 Männer und Frauen vor 40 Jahren die Wilstermarsch retten wollten.

Wenn er daran denkt, muss er heute noch ein bisschen schmunzeln: „Stoltenberg und Brümmer hauen die Wilstermarsch in Trümmer.“ Das stand auf einem Transparent, mit dem Helmut Reich gegen Industrieansiedlungen an der Elbe zu Felde zog. Feindbilder waren der Ex-Ministerpräsident und der Ex-Landrat des Kreises Steinburg. Es waren die 1970er Jahre, als man für das größte Industriegebiet im Norden hunderte von Marschbewohnern aus Büttel umsiedelte und im nahen Brokdorf die ersten Demonstrationen gegen den Bau des Kernkraftwerks tobten.

Gemeinsam mit mehr als 20 Frauen und Männern beschloss der seit 25 Jahren in Itzehoe lebende Wilsteraner damals den Marsch durch die Institutionen. Heute vor genau 40 Jahren wurde die „Grüne Liste unabhängiger Wähler zur Erhaltung der Wilstermarsch“ gegründet. Mit durchschlagendem Erfolg und im Rückblick als eine Art Initialzündung für die grüne Bewegung, die erst Jahre später in der Gründung einer Bundespartei mündete.

„Dabei waren fast die gesamte Ärzteschaft aus der Wilstermarsch und auch Pastoren“, erinnert sich Helmut Reich an die erste Versammlung am 16. September 1977. Insgesamt 20 Bürger aus allen Teilen der Marsch wählten damals Dr. Boie Eggers zum 1. Vorsitzenden der neuen Wählerbewegung. Zum Vorstand zählten ferner Hans-Heinrich Timmann, Uwe Carstensen, Horst Götze, Gerhard Kloppenburg, Magret Wolter und eben Helmut Reich. „Dabei war ich vorher eigentlich für Atomenergie und habe auch Stoltenberg gewählt“, erinnert sich der gelernte Schmiedemeister und Maschinenbauer an seine politische Kehrtwende. Bei einer Informationsveranstaltung seien ihm die Augen geöffnet worden. „Und je mehr ich wusste, umso mehr wurde ich zum Gegner.“ Reich kam zu dem Ergebnis: „Das will ich meinen Kindern nicht antun.“

Leicht sei die Zeit nicht gewesen. Zwar habe man sich über unzählige Sympathisanten gefreut. „Das waren eigentlich alle, die ein bisschen über den Tellerrand blicken konnten.“ Das Gros der Gegner von Kraftwerk und Industrie habe aber lieber im Verborgenen bleiben wollen. Für jemanden wie Helmut Reich sei das daher immer auch ein Spießrutenlaufen gewesen.

Wie sehr die Grüne Liste die althergebrachte Parteienlandschaft durcheinander wirbelte, wurde bei den ersten Kommunalwahlen deutlich. Mit Renate Eggers, Hartmut Meincke und Horst Götze sowie später als Nachrücker Helmut Reich holte die neue Bewegung auf Anhieb 17,7 Prozent und zog mit drei Mitgliedern in die Ratsversammlung ein. Mit einem Stimmenanteil von 6,65 Prozent gab es plötzlich auch drei grüne Kreistagsabgeordnete. Zuvor hatte die Grüne Liste noch auf den Zusatz mit der Erhaltung der Wilstermarsch verzichtet. „Sonst hätte uns in Kellinghusen ja keiner gewählt.“ Auch im Itzehoer Rat war die neue Liste vertreten. Acht Jahre arbeitete die Grüne Liste dann im Rat der Stadt mit. Noch heute ist Helmut Reich ein bisschen stolz darauf, dass auf der Erfolgsliste der Bau des Hallenbades steht. „Wir wollten etwas für die Lebensqualität in der Stadt tun.“ Ein Förderverein habe im Vorfeld unglaubliche 100  000 Mark für den Bau zusammengetragen. „Ich war der Grüne, der Böse“, erinnert Reich sich an die Jahre in der Ratsversammlung.

Dabei habe man sich nach den Sitzungen aber immer auch noch auf ein Bier zusammensetzen können. „Und ein Grüner bin ich eigentlich nie gewesen“, betonte Reich, dass er sich hauptsächlich für eine lebenswerte Marsch habe einbringen wollen. Das machte er auch in späteren Jahren noch. Als Vorsitzender der Steinburger Wanderer spricht er in Sachen Umwelt gerne Klartext, gegen den drohenden Bau von Kohlekraftwerken überreichte er Unterschriftenlisten.

40 Jahre nach seinem ersten Engagement ist er mit dem Erreichten nicht wirklich zufrieden. Immerhin: „Die können heute nachts nicht mehr alles rauspusten.“ Und: „Brokdorf ist das letzte in Deutschland gebaute Kernkraftwerk.“ Dafür hatte Helmut Reich auch an vorderster Front gekämpft. „Wir haben Marscherde gegen die vergitterten Fenster der Wasserwerfer geworfen. Dann mussten die sich immer erst einmal selbst frei spritzen.“ Für gewalttätige Auseinandersetzungen vor dem Bauzaun hatte er aber nie Verständnis. „Die Chaoten sind einfach gekommen. Wir haben sie nicht eingeladen.“

Auch wenn der Betrieb in Brokdorf in wenigen Jahren beendet wird, blickt Reich mit Sorge auf seine alte Heimat. Seine Befürchtung: Das Zwischen- wird zum Endlager. „Und dann ist da immer noch die Lüge vom billigen Atomstrom. Das muss noch tausende von Jahren bezahlt werden.“ Dennoch seien der Kampf und die Gründung der Grünen Liste richtig gewesen. „Es muss immer auch Leute geben, die aufdecken, gegen etwas angehen und andere mitreißen.“ Wie viele seiner Mitstreiter von damals wolle er heute aber auch seinen Lebensabend ein wenig genießen.  

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