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Als der Raddampfer „Primus“ in der Stör versank

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Kapitän Herbert Karting zeichnet in seinem neuen Buch die Geschichte der Itzehoer Schifffahrt nach

Jahrhunderte lang war die Stör Itzehoes Lebensader, beeinflusste weitgehend Wachstum und Wohlergehen der Stadt. Zeitweilig hatte Itzehoe den nach Lübeck zweitgrößten Binnenhafen Schleswig-Holsteins. Die Störschleife mit den ragenden Schiffsmasten bestimmte das Stadtbild. Heute beleben, bei nur noch geringem Schiffsverkehr, vor allem Sportboote den Fluss.

„Ohne Schifffahrt wäre Itzehoe nicht zu dem Industriestandort geworden, zu dem es sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hatte“, schreibt Herbert Karting im Vorwort seines neuen Buches „Itzehoer Schifffahrtschronik“. Der Kapitän und frühere Elblotse, durch zahlreiche Veröffentlichungen ausgewiesener Kenner der deutschen Kleinschifffahrt, schildert auf 500 Seiten die, so der Untertitel, „maritime Geschichte der Stadt und ihres Hafens, ihrer Kaufleute, Schiffer, Reeder, Schiffbauer und deren Fahrzeuge bis zur Gegenwart“.

Gewohnt gründlich recherchiert, glänzend geschrieben, mit 536 Abbildungen, darunter vielen Raritäten, eindrucksvoll illustriert, ergänzt und vertieft die „Chronik“ Itzehoes geschriebene Stadtgeschichte um ein wichtiges Kapitel. „Eine wahre Fundgrube“, urteilt Professor Dr. Lars U. Scholl, Vorsitzender der Deutschen Seefahrtsgeschichtlichen Kommission, in einem Geleitwort.

Wie sehr Itzehoe mit der Stör und damit der Schifffahrt verbunden war, zeigt ein Blick in die frühe Stadtgeschichte: Die Störinsel mit der Neustadt wird zur Keimzelle der Stadt. Das Stapelrecht von 1260 legt fest,„dass alle Schiffer, die von der Elbe und von der Wilster-Au die Stör aufwärts bis Etseho mit ihren Schiffen kommen, ihre Waren dort stapeln und den Einwohnern und Gästen zum Kauf anbieten müssen“.

Handel und Wandel entwickeln sich im 16. und 17. Jahrhundert. Es gibt Schiffsverkehr mit Ostfriesland, den Niederlanden und den Ostseegebieten. 1609 ist ein besonderes Jahr: Auf dem Schweinebrook, im Westen der Stadt, entsteht eine königliche Schiffswerft. Ausgeführt werden müssen die Arbeiten von Bewohnern der Marschen, die nicht nur sich selbst, sondern auch Leute, Pferde und Wagen zur Verfügung zu stellen haben. Der erste Neubau ist ein prächtiges Orlogschiff mit 40 Kanonenpforten und 226 Mann Besatzung. Doch schon die Jungfernfahrt wird zum Fiasko: Bei Heiligenstedten gerät das „Wunderwerk der Schiffbaukunst“ auf Grund. Selbst König Christian IV. eilt an die Unglücksstelle. Mit viel Mühe gelingt die Weiterfahrt.

Das 19. Jahrhundert bringt der Itzehoer Schifffahrt raschen Aufschwung. 1833 besitzt Itzehoe eine, wie die Chronik vermerkt, „beachtliche Flotte von 29 Fahrzeugen“, vier davon in der Küstenfahrt beschäftigt. Viel Ärger macht das vor der Stör verankerte Zollwachtschiff. Mit der Gründung der „Itzehoe-Hamburger Dampfschiffahrts-Compagnie“ aber bricht eine neue Zeit an. Der eiserne Raddampfer „Itzehoe“, später umbenannt in „Die Stoer“, bricht zu regelmäßigen Fahrten in die Hansestadt auf. Jeden Montag, Mittwoch und Freitag fährt der Dampfer ab Itzehoe und kehrt an den darauf folgenden Tagen um 10 Uhr zurück. Im Hochsommer geht es schneller: Um 6 Uhr ab Itzehoe, um 14.30 Uhr wieder zurück. „Eine Leistung, die auch heute noch beachtlich wäre“, urteilt Karting. „Nicht umsonst galt ‚Die Stoer‘ als schnellstes Schiff der Unterelbe“. Bis 1846, dann kommt mit dem Aufkommen der Eisenbahn das Aus.

Jedoch nicht lange, mit dem Raddampfer „Primus“ gibt es bald wieder eine Verbindung nach Hamburg. 1902 kommt es auf der Elbe zu einem schrecklichen Unglück. In der Nacht zum 21. Juni kollidiert der Dampfer in Höhe von Nienstedten mit dem Tender „Hansa“. An Bord sind über 200 Fahrgäste, meist Mitglieder einer Liedertafel, die in Cranz ihr Sommerfest gefeiert haben. Die „Primus“ sinkt, 103 Menschen ertrinken.

Mit Itzehoe, seinen Häfen und der Schifffahrt aber geht es wie mit des Kaisers legendärem Schnurrbart: steil nach oben. Schiffe werden gebaut, Reedereien gegründet, Hafenanlagen ausgebaut, Betriebe siedeln sich an. Darüber berichtet die Chronik mit vielen Einzelheiten, aufschlussreich ergänzt durch Tabellen, Listen und Statistiken. Besonders eindrucksvoll: Das mehrere hundert Seiten umfassende Kapitel „Itzehoer Schiffe und ihre Schicksale“. Wer in Itzehoe Schiffe baute, wer sie bereederte, ist ebenso lückenlos erfasst wie die jüngere Hafengeschichte.

Beendet wird die Chronik mit einem Nachruf. Trotz vieler Bemühungen gelingt es nicht, „Hermann“, dem letzten Ewer Itzehoes, als Denkmal an die maritime Vergangenheit der Stadt eine würdige Bleibe zu sichern. Nun überlebt er in Hamburg.

Das Buch wird ebenfalls überleben. Oder, wie Professor Scholl urteilt: „Herbert Karting hat sich um die Erhaltung des Wissens über Itzehoes maritime Vergangenheit verdient gemacht. Der Chronik ist eine breite Leserschaft zu wünschen.“

>Herbert Karting: „Itzehoer Schifffahrtschronik“, Die maritime Geschichte der Stadt und ihres Hafens, ihrer Kaufleute, Schiffer, Reeder, Schiffbauer und deren Fahrzeuge bis zur Gegenwart. 480 Seiten, 536 Abbildungen, Edition Falkenberg, Bremen, 79,90 Euro.


















































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erstellt am 15.Apr.2015 | 11:15 Uhr

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