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Norddeutsche Rundschau

18. November 2017 | 07:45 Uhr

ERINNERUNGEN : Als 15-Jährige in den Krieg zogen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

23 Gymnasiasten der Kaiser-Karl-Schule wurden vor 70 Jahren als Marinehelfer nach Sylt geschickt. Vier von ihnen erinnern sich jetzt beim Besuch in Itzehoe.

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erstellt am 24.Apr.2014 | 17:00 Uhr

Eben saßen sie noch auf der Schulbank, im nächsten Moment mussten sie im Krieg dienen. Und sie waren erst 15 Jahre alt. 23 Gymnasiasten von der Kaiser-Karl-Schule wurden Anfang 1944 als Marinehelfer nach Westerland eingezogen. 70 Jahre später trafen sich nun Hugo Ohlsen (86), Peter Horns (86), Dr. Hermann Fölster (85) und Heinz Kappenberg (86) in der KKS-Mensa wieder.

In der Untersekunda wurde ihre Schullaufbahn jäh unterbrochen. Die KKS-Schüler wurden nach Sylt gebracht und ausgebildet als Wachhabende und Telefonisten. „Hauptsächlich machten wir Dienst in einer Stabsbatterie“, schildert Hugo Ohlsen. Diese verfügte über acht Flakbatterien und zwei feste Festungsbatterien, „wir waren im Haupgefechtsstand“. Doch viel zu kämpfen gab es nicht: Die Flugzeuge, die mit ihren Bomben Richtung Hamburg und Kiel unterwegs waren, flogen zu weit entfernt an Sylt vorbei. Dennoch hatten Botschaften von der Insel martialisch zu enden, erinnert sich Dr. Hermann Fölster aus Schobüll: „Sylt hält Stellung und wird gehalten bis zum letzten Mann.“

Die Schüler aus Itzehoe waren erst auf dem Weg dazu, Männer zu werden. Und in diesem Einsatz hätten sie zum ersten Mal Kontakt mit dem weiblichen Geschlecht gehabt, erzählt Hugo Ohlsen. Marinehelferinnen hätten gleichzeitig Dienst gehabt, alle drei bis vier Jahre älter als die Gymnasiasten – „das muss man sich mal vorstellen, in welcher Gefahr wir waren!“ An den Befehlsübermittlern hätten die Schüler gesessen, links und rechts eine Frau. „Und wir hatten Nachtdienst!“ In den augenzwinkernden Erinnerungen der früheren Marinehelfer spielt auch der Name Anita eine nicht unerhebliche Rolle...

Der Nachtdienst hatte noch andere Folgen: „Da fiel der Unterricht am Tag ziemlich flau aus“, sagt Ohlsen. Ein Lehrer der KKS war den Schülern hinterhergeschickt worden, und auf seinen morgendlichen Gruß hin musste die Antwort natürlich lauten: „Heil Hitler, Herr Studienrat!“ Doch als die Jugendlichen eine schlechte Nachricht über den Vater eines Mitschülers erreichte, antworteten sie eines Morgens mit „Guten Morgen, Herr Studienrat!“ Ärger gab es nicht, im Gegenteil: Am nächsten Tag habe auch der Lehrer mit „Guten Morgen“ gegrüßt, schildert Ohlsen.

Natürlich bekamen die 15-Jährigen eine erste militärische Ausbildung. Marschieren und Singen gehörte dazu – und schon stimmt Peter Horns in der KKS-Mensa das Lied „Wie oft sind wir geschritten auf schmalem Negerpfad“ an. Das Exerzieren wurde so gelenkt, dass die Gruppe beim schmetternden „Heia, Safari“ im Innenhof war – so konnte der Vorgesetzte oben am Fenster zuhören. Und auch Wachen mussten die Jugendlichen übernehmen: „Wir haben auch in den Dünen in Ausgucklöchern gestanden und nach Westen geguckt“, berichtet der Itzehoer. Der Erfolg war eindeutig: „So lange wir auf Sylt waren, hat kein Engländer die Insel betreten.“

Diese Zeit dauerte bis August 1944 – dann wurden die KKS-Schüler in eine Flakbatterie in Krummendeich bei Freiburg auf der anderen Elbseite verlegt. Bei gutem Wetter sei die Kirche des Einsatzortes von Brokdorf aus zu sehen gewesen, sagt Ohlsen. „Da haben wir die Geschütze bedient.“ Das geschah zu zehnt, Ohlsen trug die Nummer 1 und stellte nach Anweisungen aus dem Leitstand die Höhe ein. 7000 bis 8000 Meter habe die Reichweite betragen, „die Engländer flogen auf 9000 Metern“. Im ganzen Krieg hätten sie nur ein Flugzeug abgeschossen, eine britische Lancaster, die auf der anderen Elbseite abgestürzt sei.

Russische „Hilfswillige“ unterstützten an den Geschützen, schwere Aufgaben gingen zudem an die kräftigeren Schüler. So wie Peter Horns: Als Ladekanonier musste er die rund 50 Pfund schweren Geschosse einsetzen, teils Dutzende Male in der Nacht. „Das war natürlich kein Zuckerschlecken“, sagt der 86-Jährige. Er war immer der Älteste und als hoch gewachsener Mann vorn – „und ich war der Kleinste“, wirft Ohlsen ein.

In Krummendeich bekamen die jungen Helfer ihre Ausbildung am Geschütz, unter dem sie im Bunker auch schliefen. Ohlsen verwahrt ein selbst in Sütterlin geschriebenes Handbuch, Horns kann die gesamte Kette immer noch auswendig und rattert sie im Maschinengewehr-Tempo herunter. „Wenn wir es nicht konnten, ging es einmal zum Deich und zurück“, schildert er. Aber: „Wir kamen ja von der KKS – wir hatten alle was im Kopf.“

Lebhaft erinnert sich Horns an die Weihnachtsfeier 1944 in Krummendeich. Der Deutschlehrer – ein Fähnrich, der gern posierte wie Napoleon – hatte ihn und Ohlsen dazu auserkoren, aus Goethes Faust zu deklamieren. Letzterer gab den Faust, Oberhelfer Horns mit seinen rund zwei Metern Körpergröße war Gretchen. „Das gab einen Lacherfolg, als wir auf die Bühne kamen“, erinnert er sich. „Verstanden haben die davon nicht viel“, aber für den gelungenen Auftritt bekam die Gruppe ein Radio. „Da haben wir schon mal fremdländische Musik gehört“, berichtet Ohlsen schelmisch. Benny Goodman war nicht genau das, was sich die Vorgesetzten für tugendhafte deutsche Jugend wünschten.

Dann kam die Nachricht aus Berlin: Hitler war „gefallen“. Einige Soldaten hätten Tränen in den Augen gehabt, berichtet Hermann Fölster. „Wir Marinehelfer nahmen die Nachricht ziemlich gelassen auf.“ Als die Engländer nahten, wurden Vorbereitungen getroffen: Gewehre, Munition, Handgranaten, Panzerfäuste, Maschinengewehre, Stahlhelme und Gasmasken legte die Mannschaft auf einen Haufen im Hof, holte auch die Flak-Munition aus den Bunkern. Dann rief der Batteriechef die Helfer zu sich und erklärte, er wolle sie entlassen: „Wir sollten unsere Uniformen und sonstigen Kleidungsstücke mitnehmen und zusehen, dass wir irgendwie nach Hause kämen“, erzählt Fölster. Die Älteren seien schon früher abberufen worden, schildert Ohlsen. Er und andere mussten sich beim Arbeitsdienst in Uetersen melden.

In Krummendeich wurden die Jugendlichen vom Koch mit Lebensmitteln und Schnaps versorgt und machten sich auf den Weg zum Elbstrand – denn sie hatten beobachtet, wie sich Landser mit Booten übersetzen ließen. Sie hatten Glück: „Ein Schiffer hatte abends wieder Landser nach Niedersachsen gebracht, und wir Jungs konnten mit ihm zurückrudern“, berichtet Fölster. Dafür bekam er den Schnaps. Am späten Abend kamen die Schüler in St. Margarethen an und mussten von der Straße, denn es herrschte Curfew – Ausgangssperre. In einer Gastwirtschaft konnten sie in einem Saal auf Stroh schlafen. Tags darauf nahm sie ein Milchbauer mit, empfahl aber, die Hoheitszeichen von den Uniformen zu reißen. „Mit einem etwas unguten Gefühl haben wir es getan“, so Fölster. Englische Panzer rasselten über die Straßen, auf Nebenwegen zog die Gruppe Richtung Itzehoe. Auf der Störbrücke bei Oelixdorf habe die Heimatwehr sie in Empfang genommen. Fölster nannte seinen Namen, und die Antwort lautete: „Dann bist du der erste Heimkehrer.“ Er lief zu seinem Onkel in Oelixdorf, der Vater konnte telefonisch benachrichtigt werden. Er holte den Sohn ab, über Feldwege ging es nach Hause.

Zwei Jahre nach Kriegsende machten die ehemaligen Marinehelfer ihr Abitur, aber nicht alle. Hugo Ohlsen wurde Maler, Peter Horns eröffnete ein Schlachtergeschäft in der Brunnenstraße – heute steht dort das Holstein-Center. Hermann Fölster wurde Landwirtschaftsdirektor in Husum, und Heinz Kappenberg ist immer noch aktiv: „Ich habe viele Berufe“, sagt der 86-Jährige. Als Schifffahrtskaufmann sei er beteiligt gewesen, als es darum ging, Schiffe aus dem Suez-Kanal zu befreien. 14 Schiffe, darunter die „Nordwind“ und die „Münsterland“ aus Deutschland, waren dort acht Jahre lang vom Sechs-Tage-Krieg 1967 bis zwei Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg eingeschlossen. Zudem ist Kappenberg Getreidehändler – deshalb lebe er vier Monate im Jahr in China, zwei Monate im indischen Bombay und einen Monat in Südbrasilien. „Wir haben acht verschiedene Nationen in unserem Büro in Hamburg“, schildert er. „Das hält einen jung.“ Wie Ohlsen auch war Kappenberg aktiver Fußballer im Itzehoer SV. Der fünfte Ehemalige, der noch lebt, ist Wissenschaftler Dr. Arno Burmester (86) aus der Nähe von Lütjenburg. Er konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht zum Treffen kommen.

„Diese Zeit als Flakhelfer hat uns sehr geprägt“, sagt Hermann Fölster. Immer wieder trafen sich die früheren KKS-Schüler, zuerst in Westerland. „Dann wurde uns das zu teuer“, sagt Hugo Ohlsen. So finden die Wiedersehen seit Jahren in der Heimatgegend statt, ein fröhlicher Austausch von Erinnerungen. Das ist möglich, weil keiner aus der Klasse dem Krieg zum Opfer fiel: „Für uns war das ein bisschen ein Kinderspiel“, so Ohlsen. Aber der ernste Hintergrund ist allen bewusst. Bekannte aus der Zeit in Westerland seien in eine Flakbatterie auf Helgoland verlegt worden. „90 Prozent sind umgekommen – es hätte uns auch treffen können.“

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