Castoren aus Sellafield : AKW Brokdorf: 2020 kommt der Atommüll zurück

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So sieht es im Inneren des Brokdorfer Zwischenlagers aus: Die noch leere Betonhalle mit einem Muster-Castorbehälter kurz nach der Fertigstellung im Jahre 2007. Inzwischen stehen 30 Behälter mit abgebrannten Brennelementen in dem Gebäude. Bis zu 100 passen rein.

So sieht es im Inneren des Brokdorfer Zwischenlagers aus: Die noch leere Betonhalle mit einem Muster-Castorbehälter kurz nach der Fertigstellung im Jahre 2007. Inzwischen stehen 30 Behälter mit abgebrannten Brennelementen in dem Gebäude. Bis zu 100 passen rein.

In weniger als zwei Jahren sollen die ersten von sieben Castoren aus dem britischen Sellafield ins Zwischenlager rollen.

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14. Juni 2018, 06:30 Uhr

Brokdorf | Alternativlos, sicher und – für wie lange auch immer – zeitlich befristet. So lassen sich die Aussagen der verantwortlichen Akteure auf einer ersten großen Informationsveranstaltung zur geplanten Aufnahme von Atommüll aus dem britischen Sellafield im Zwischenlager am Kernkraftwerk Brokdorf zusammenfassen. In einer hochkarätig besetzten Runde kündigten alle Beteiligten ein Höchstmaß an Information für die betroffene Bevölkerung an.

Die ist offenbar auch dringend notwendig. Ältere Teilnehmer erinnern sich noch an die erbitterten Auseinandersetzungen auf der Straße, als Behälter mit abgebrannten Brennelementen zur Wiederaufarbeitung ins französische La Hague oder nach Sellafield gebracht wurden. Wasserwerfer trieben bei bitterer Kälte Demonstranten auseinander, Atomkraftgegner spielten mit den Sicherheitskräften Katz und Maus, ketteten sich an Bahngleisen im Bahnhof Wilster oder in Brunsbüttel fest. Jetzt kommt der Atommüll zurück.

Der Zeitplan bis 2050

2005: Bundesumweltminister Jürgen Trittin stoppt alle Castortransporte.

2007: Das Zwischenlager in Brokdorf  ist fertig.

2013: Ein Gesetz zur Suche und Auswahl eines Standortes für ein Endlager für Wärme entwickelnde radioaktive Abfälle wird verabschiedet.

2020: Sieben Castoren mit Atommüll aus dem britischen Sellafield rollen nach Brokdorf.

2021: Das Kernkraftwerk Brokdorf geht endgültig vom Netz.

2031: Ein Endlager-Standort soll feststehen.

2047: Die Genehmigung für das Zwischenlager Brokdorf läuft ab.

2050: Das Endlager soll den Betrieb aufnehmen.

Völkerrechtlich ist Deutschland verpflichtet, den von noch verwertbaren Teilen befreiten und in gläserne Kokillen eingeschmolzenen hochradioaktiven Abfall zurückzunehmen. Erwartet werden insgesamt 26 Castoren, die auf vier Standorte verteilt werden sollen. „In Brokdorf werden es definitiv nicht mehr als sieben“, versichert Wolfgang Cloosters. Der Abteilungsleiter für Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium spricht von einer „fairen Lastenteilung“. Parallel laufe die Suche nach einem Endlager auf Hochtouren. Ein Standort dafür soll 2031 gefunden sein, die Inbetriebnahme 2050 folgen.

Für Brokdorf hieße das schon jetzt: Die 2047 auslaufende Betriebsgenehmigung für das Zwischenlager müsste verlängert werden. Glaubt man den auf dem Podium und im Publikum sitzenden Experten, wäre das kein Problem. Es gebe keinerlei Anzeichen, dass die dann bis zu 40 Jahre eingelagerten Castoren zu einem Problem werden könnten. In anderen Ländern werde sogar schon über Standzeiten von bis zu 300 Jahren diskutiert.

„Ich dachte hier entsteht eine Ritterburg“

So weit soll es aber nicht kommen. „Brokdorf wird nicht zum Atom-Klo werden“, verspricht Cloosters auf eine besorgte Nachfrage hin. Und: „Wenn es aus Sicherheitsgründen angezeigt ist, wird die Messlatte für die Zwischenlager immer höher gehängt.“ Klares Ziel sei es, die Lager „so schnell wie möglich zu räumen“.

Bedenken, die 93 mal 27 Meter große und bis zu 24 Meter hohe Betonhalle könne nicht sicher genug sein, versucht Roland Wink zu zerstreuen. „Beim Bau habe ich damals gedacht, hier entsteht eine Ritterburg“, verweist der Leiter des Zwischenlagers auf die besonders dicken Mauern. Die Lagerstätte, so wurde allseits versichert, sei gegen alle denkbaren Risiken gewappnet, auch gegen mögliches Hochwasser. Aktuell stehen in dem Gebäude 30 Castorbehälter aus dem Brokdorfer Betrieb. 100 passen hinein. Insgesamt rund 80 Stellplätze braucht KKW-Betreiber Preußen Elektra für eigene Zwecke. Ein Anbau oder gar ein zusätzliches Gebäude sind nicht vorgesehen.

Sieben solcher Castoren vom Typ HAW 28M, gefüllt mit in Glaskokillen eingeschmolzenem Atommüll, kommen nach Brokdorf.
Gesellschaft für Nuklear Service
Sieben solcher Castoren vom Typ HAW 28M, gefüllt mit in Glaskokillen eingeschmolzenem Atommüll, kommen nach Brokdorf.
 

„Es gibt auch gar keine weiteren Abfälle mehr“, stellt Guido Knott klar. Der Vorsitzende der Geschäftsführung von Kraftwerksbetreiber Preußen Elektra äußert „volles Verständnis für alle Fragen vor Ort“ und verspricht „kontinuierliche und dauerhafte Informationen“. Knott spricht von der Notwendigkeit der gesellschaftlichen Befriedung des Themas. Dazu gehöre aber auch, Standorte nicht noch einmal in Frage zu stellen. Ebenso „nicht verhandelbar“ sei für ihn aber auch das festgeschriebene Ende der Laufzeit des Brokdorfer Meilers zum 31. Dezember 2021.

Die Verantwortung für das Zwischenlager geben Wink und Knott zum Jahreswechsel allerdings an die vom Bund betriebene Gesellschaft für Zwischenlagerung ab. Deren Kommunikationschef Burghard Rosen verweist auf 25 Jahre Erfahrung mit dem Thema. „Wir haben das Fachpersonal und eine bewährte und solide Technik.“ Die Zwischenlagerung in der heute betriebenen Form hat sich nach seiner Einschätzung bestens bewährt. Rosen versichert: „Die Abschirmung ist sicher. Bei allen erdenklichen Situationen kann es zu keiner Freisetzung von Radioaktivität kommen.“ Im übrigen würden die Anlagen permanent nachgerüstet.

Und falls es doch einmal zu einer Beschädigung eines Castorbehälters kommt? „Dann kommt ein speziell ausgebildeter Schweißtrupp und macht einen zusätzlichen Deckel drauf.“ Ab 2020 sollen die Castoren anrollen. Auf welchem Weg, ist noch unklar.

Letzte Zweifel versucht dann noch einmal Wolfgang Cloosters zu zerstreuen und richtet dabei den Blick nach vorne: „Man sollte bei dem Thema jetzt nicht alles mies reden, sondern endlich anpacken.“

Elke Göttsche als gastgebende Brokdorfer Bürgermeisterin ist mit dieser ersten Runde zufrieden: „Unsere Erwartung umfangreicher Informationen wurde voll erfüllt.“ Wie die Gemeinde allerdings mit ihrem eigenen Beschluss umgehen solle, dass ausschließlich in Brokdorf entstandener Atommüll hier auch eingelagert werden dürfe, müsse die Gemeindevertretung noch beraten.

Konsens muss her

Ein Kommentar von Volker Mehmel

Mehr an Informationen, Offenheit und besten Absichten als das, was jetzt in Brokdorf präsentiert wurde, kann man eigentlich kaum erwarten. Das ist auch gut so. Dass die schon genug gebeutelte Region an der Unterelbe so bald wie möglich eine Antwort auf die Endlagerfrage braucht, steht auch außer Frage. Entscheidend dafür wird ein gesamtgesellschaftlicher Konsens sein, den es bei dem Thema in der Vergangenheit nie gegeben hat. Vielleicht haben sich die Zeiten hier ja geändert. Gleichwohl ist es natürlich immer hilfreich, wenn es Menschen gibt, die mal den Finger in die Wunde legen.

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