Phänomen Wacken : Akute Manie im Viervierteltakt

Traditioneller Auftakt: Die „Metalheads“  bejubeln  den Auftritt der Wackener Feuerwehrkapelle („Firefighters“).
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Traditioneller Auftakt: Die „Metalheads“ bejubeln den Auftritt der Wackener Feuerwehrkapelle („Firefighters“).

Podiumsrunde zum Thema Wacken steht im Mittelpunkt einer Distriktversammlung der norddeutschen Rotarier.

shz.de von
23. Juni 2014, 12:11 Uhr

Die Diagnose fällt eindeutig aus: „Was wir hier in Wacken erleben, ist ein Fall von akuter Manie.“ Dr. Arno Deister muss es wissen. Er ist Chef der Psychiatrie am Klinikum Itzehoe. Schmunzelnd klärt er aber auch gleich auf: Behandelt werden müsse das nicht.

Wacken ist offenbar in jeder Hinsicht ein Phänomen. Diese Erkenntnis nahmen am Sonnabend auch Vertreter von 72 Rotary-Clubs aus ganz Deutschland mit auf den Heimweg. „Ein ungewöhnliches Thema für eine Distrikt-Konferenz“, tuscheln sich Teilnehmer der Veranstaltung im Fraunhofer-Institut ISIT zu. Als dann zum Auftakt ein kurzer Wacken-Film mit angemessener Lautstärke gezeigt wird, geht noch einmal ein Raunen durch die Runde. Dabei haben Wacken Open Air und Rotarier sehr viel mehr Gemeinsamkeiten, als man denken mag. „Das Gefühl der Gemeinschaft ist der rotarischen Idee nicht ganz fremd“, leitet Stephan Richter, Sprecher der Chefredakteure im Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag, eine Podiumsrunde ein, die zu einem der Höhepunkte des Rotarier-Treffens wird.

Zurück zu Arno Deister: „100 000 Menschen, die sich wie ein Organismus bewegen – das ist wirklich faszinierend.“ Er hat auch eine Erklärung für das Phänomen: So wachse in einer immer globaler werdenden Welt der Wunsch nach gemeinschaftlichem Erleben auch als eine Art Ausgleich zu der Vereinzelung in der Gesellschaft. Deister weiter: „Gemeinsame Kleidung, gemeinsamer Rhythmus und ein Ereignis, wo man von der ersten Sekunde an dazu gehört: Das fehlt im Alltag in vielen Bereichen.“

Während die Psyche beim Wacken Open Air keinerlei Schaden nimmt, sieht es in anderen medizinischen Sparten anders aus. „Wir haben vor Ort einen Hauptverbandsplatz eingerichtet. Hier werden jedes Jahr 3000 bis 5000 Besucher versorgt und betreut“, berichtet Dr. Michael Kappus, ärztlicher Diriektor am Klinikum Itzehoe. Aber auch er kann das Festival und seine Besucher nur in den höchsten Tönen loben. „Anfangs dachte ich schon: Was sind das für furchteinflößende Leute. Aber das sind alles nette und freundliche Menschen.“ Kappus spricht von einer insgesamt „familiären und freundschaftlichen Atmosphäre“. An normalen Wochenenden habe er da im Klinikum auch schon ganz andere Erfahrungen gemacht. Da kämen in die Ambulanz häufig „hoch schwierige, mitunter auch aggressive Persönlichkeiten“. Die Metalheads hingegen würden geduldig und gut gelaunt im Wartezimmer auf ihre Behandlung warten. „Und einige schicken uns als Dankeschön hinterher sogar noch eine Ansichtskarte.“

Das Phänomen Wacken ist wohl nur mit seiner Entstehungsgeschichte zu erklären. Beobachter der ersten Stunde ist der Landtagsabgeordnete Hans-Jörn Arp. Er erinnert sich an eine Zeit, als auf den Dörfern noch Zeltfeste und Motorradtreffen das Bild prägten. Und dann sollte es das erste Heavy-Metal-Konzert geben. „Wir dachten erst: Was sind das für Bombenleger. Aber dann merkten wir ganz schnell: Das sind lauter nette Leute.“ Aus ein paar hundert sind in 25 Jahren 75 000 geworden. Hinzu kommen noch einmal rund 12 000, die in irgendeiner Form für das Festival arbeiten. „Dorf und Festival sind gemeinsam gewachsen“, umschreibt Arp das Erfolgsrezept. Genau deshalb würde das Festival auch an keinem anderen Ort in Deutschland funktionieren. „Da gäbe es sofort drei Bürgerinitiativen.“ In Wacken hingegen sei die Bevölkerung „zu 97,9 Prozent stolz auf das Festival“. Und alle profitierten auch davon. Ohne den Massenansturm an wenigen Tagen wäre, so Arp, das Freibad gar nicht mehr zu finanzieren. Und dass die Einwohner in den Genuss eines schnellen Internets kämen, hätten sie dem Umstand zu erdanken, dass einmal im Jahr Tausende von Medienvertretern bedient werden müssen. Arp listet weiter auf: „Die Kinder verdienen sich ein Zubrot durch Bier-Transporte und bei den Bauern gilt unser Ortstarif BAT, bar auf Tatze.“ Die Feuerwehrkapelle gebe sogar schon Autogramme.

Dominick Hüper vom WOA-Management verrät den Rotarieren ein weiteres Geschäftsgeheimnis: „Natürlich sind wir ein Unternehmen, und die Idee soll auch honoriert werden. Wir könnten bestimmt 30 000 Karten mehr verkaufen. Aber wir wollen gar nicht weiter wachsen.“ Auch beim Veranstalter stehe nämlich nicht Gewinnoptimierung, sondern die Community der Metalfans im Mittelpunkt. Hüper: „Und wir haben auch eine sehr große soziale Ader“, was sich in vielen großen und kleinen Spenden und Unterstützungen für die Region niederschlägt.

Einig sind sich alle Diskussionsteilnehmer, dass Wacken auch deshalb so gut funktioniert, weil Veranstalter und Gemeinde eine ganz besondere Willkommenskultur für die Besucher aus aller Welt entwickelt hätten.

Am Ende der Runde konfrontiert Moderator Stephan Richter die Teilnehmer mit einem Fragespiel – zum Beispiel nach der beim Festival entwickelten Lautstärke. 110 Dezibel sind es mitunter, was einem startenden Düsenjet entspricht. Aber auch hier sieht Dr. Arno Deister kaum Probleme. „Wenn man vor der Bühne steht, ist das eher ein Ganzkörpererlebnis. Die Lautstärke merkt man nicht in den Ohren, sondern mehr im Bauch.“ Dominick Hüper weist zudem daraufhin, dass man natürlich die strengen Auflagen der Ordnungsbehörden einhalte. Am Ende noch die Frage nach dem musikalischen Takt von Heavy Metal. Hans-Jörn Arp weiß es spontan nicht. „Ich habe dort ja auch noch nicht getanzt. Da kann man ja auch eher nur hüpfen.“ Für Musikfreunde: Die Metalheads bewegen sich im Viervierteltakt. Vier Tage lang im Zustand akuter Manie.

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