Döblin-Haus Wewelsfleth : Achterbahnfahrt für die Zuhörer

Warf noch Rätsel auf: Carmen Buttjer.
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Warf noch Rätsel auf: Carmen Buttjer.

Autorenlesung bietet dreimal schwere Kost – und dabei reichlich Diskussionsstoff.

shz.de von
29. Mai 2018, 05:05 Uhr

Die Frühjahrslesung im Wewelsflether Döblin-Haus hinterließ in der trotz des lauen Sommerabends randvoll besetzten Küche eher ratlose Zuhörer. Das begann schon bei der ersten Stipendiatin, die Proben aus ihrer aktuellen Arbeit servierte. „Ich habe angesichts des Wetters extra einen leichten Text ausgewählt“, schürte Rabea Edel die Hoffnung auf ein angenehmes Zurücklehnen. Dann jedoch entführte die studierte Literaturwissenschaftlerin ihre verblüfften Zuhörer in ein tiefes schwarzes Loch. In diesem nämlich fristen ihre Protagonisten ein scheinbar kümmerliches Dasein.

Die von Rabea Edel als Ich-Erzählerin dargebotene Familiengeschichte handelt von einer Mutter und deren kleiner Tochter. Die Autorin gewährte tiefe Einblicke in ein wenig erstrebenswertes Seelenleben. Zwischendurch erklärte sie noch rasch die astrophysikalischen Besonderheiten der schwarzen Löcher, in dem offenbar die gesamte Familie gefangen ist. Selbst der Ur-Großonkel, der sich in einen unterirdischen Bunker in den kanadischen Wäldern verkrochen hat. „Vielleicht hatte er Kinder, die aussehen wie kleine Maulwürfe.“ Sätze wie diese machen Hoffnung auf ein insgesamt rundes Endprodukt. In jedem Fall erwarten den Leser klare, prägnante und kurze Sätze. Hier schlägt ganz offensichtlich auch die journalistische Erfahrung der Berlinerin durch.

Eher verblüffend war der Werdegang der zweiten Stipendiatin. Carmen Buttjer hat Möbel- und Industriedesign studiert, kam erst spät zum Schreiben. „Ich habe mich vorher nicht getraut.“ Die Entstehung ihres Debütromans könnte bei all jenen, die wissen wie schwer es ist, gedruckte Gedanken auch an den Leser zu bringen, fast schon Neidgefühle wecken. Eine eher unfertige, 40 Seiten lange Kurzgeschichte sei beim Ullstein-Verlag gelandet, der darauf 350 Seiten zum Thema anforderte. Es wurde das Erstlingswerk „Fuchsteufelsstill“. In Wewelsfleth präsentierte sie die im Werden befindliche Geschichte eines 67-Jährigen, der in seinen Erinnerungen gefangen ist, und dazu einen elfjährigen Jungen, der nicht mehr baden will, seit er die verschrumpelte Haut eines Toten gesehen hat. „Ich versuche, über Gegenstände die Welt zu erklären“, erläuterte die Autorin. Dazu muss man wohl die Fertigstellung des Romans abwarten.

Zum Schluss gab es noch ganz schwere Kost. In ganzen drei, fast endlos erscheinenden Sätzen zeigte Ulrich Schlotmann die fast schon in Vergessenheit geratenen Möglichkeiten der deutschen Sprache auf. „Das ist einfach Prosa“, erklärte er schmunzelnd, nach dem der Klang einer grammatikalischen Achterbahnfahrt halbwegs verhallt war, wobei auch so manchem Zuhörer leicht schwindelig geworden sein dürfte. Sie wurden immerhin auch Ohrenzeugen eines offenbar über viele Jahre des Grübelns entstandenen Satzes von dem auch Schlotmann meinte: „Für den Literaturmarkt ist das kein Produkt.“ Irgendwie rundete sein Versuch, die Welt sprachlich in ihrer ganzen Komplexität zu erklären, einen gelungenen Abend ab, bei dem sich Carola Jansen, Antje Lentze-Brühs und Hausdame Desiree Tiemann einmal mehr als aufmerksame Gastgeberinnen zeigten.

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