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Schneekatastrophe 1978 : Abwarten und Grog trinken

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Rekordwinter 1978/79 war für die Menschen in Schleswig-Holstein eine riesige Herausforderung, aber die Erinnerungen an diese verschneiten Wochen sind nicht nur negativ.

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erstellt am 24.Apr.2017 | 16:05 Uhr

Es gibt unzählige Geschichten vom Winter 1978/79 – ein Winter, der Norddeutschland und damit auch Schleswig-Holstein eine Schneekatastrophe sondergleichen bescherte. Zahlreiche dramatische Erzählungen und Berichte lassen sich zu diesen eisigen Wochen finden: Menschen, die völlig von der Außenwelt abgeschnitten waren, ohne Strom, Heizung und Wasser. Spektakuläre Rettungsaktionen mit Hubschraubern, ein zugefrorener Nord-Ostsee-Kanal und leider gab es auch Kältetote zu beklagen. Wenig verwunderlich also, dass die Norddeutsche Rundschau in ihrer Ausgabe vom 3. Januar 1979 vom „weißen Monster“ sprach, das es zu bändigen galt. Es war eine ganz besondere Wetterkonstellation, wie Meteorologe Sven Taxwedel von wetterwelt.de erklärt. „Es handelte sich um eine so genannte Grenzwetterlage“, sagt er. Und die wiederholte sich dazu in einem sehr kurzen Zeitraum.

Dabei hatte es unmittelbar nach den Weihnachtsfeiertagen des Jahres 1978 überhaupt nicht danach ausgesehen, dass Väterchen Frost derart hart zuschlagen würde. Die Temperaturen lagen zum Teil deutlich über null Grad. Durch das Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Luftmassen änderte sich das Bild schlagartig. Wobei so mancher Steinburger dem Schneetreiben zunächst mit einiger Gelassenheit entgegenblickte. „Ich habe das in den Tagen um den Jahreswechsel noch gar nicht als so dramatisch empfunden“, sagt der damalige Landwirt und spätere Glückstädter Schulleiter Herbert Frauen, der seinerzeit in Herzhorn seinen Hof bewirtschaftete. „Wir waren soweit gut versorgt und haben es uns mit Grog vorm Kamin gemütlich gemacht“, erinnert sich Frauen. „Wir haben gewartet bis es besser wurde. Mehr konnten wir ja nicht machen.“ Spätestens aber mit der zweiten Welle Mitte Februar wurden die Meldungen dramatischer. Frauen erinnert sich beispielsweise daran, dass der damalige Bürgermeister von Borsfleth beim Schneeräumen von einem Radlader überfahren und tödlich verletzt wurde. Frauens eigene Schwägerin musste hochschwanger von Hohenfelde nach Elmshorn gebracht werden, um von dort mit einem Hubschrauber nach Hamburg transportiert werden zu können. Und in seinem Stall wurden die Kühe langsam aber sicher unruhig. „Die haben manchmal ganz schön geschrien, sodass meiner Frau auch etwas mulmig wurde“, so Frauen. Berührt habe ihn später das Schicksal eines Landwirtskollegen auf der Insel Föhr, der durch Schnee und Eis nahezu alles verlor. „Das mach einen natürlich schon nachdenklich. Da fühlt man mit und ist gleichzeitig froh, dass es einen selber nicht so schlimm getroffen hat“, sagt er.

 


Unheimlich große Hilfsbereitschaft und Solidarität

Seine Ställe blieben von Frostschäden weitgehend verschont. „Einmal hatten wir Stromausfall und mussten mit der Hand melken.“ Und auch die Entmistung habe den Minusgraden hin und wieder nicht standgehalten. „Wir waren zwar richtig abgeschnitten, aber Strom und Wasser liefen, das Telefon funktionierte und wir hatten genug zu essen“, berichtet Frauen. Und wenn einmal etwas fehlte, wurde sich in der Nachbarschaft geholfen. Diese Hilfsbereitschaft beeindruckt Herbert Frauen heute noch und lässt ihm rückblickend sogar zu dem Schluss kommen, dass seine Erinnerungen an diesen Horrorwinter eher positiv als negativ seien: „In dem Moment, in dem die Not einsetzt, entsteht eine Gemeinschaft mit einer gewaltigen Solidarität.“ Diesen Eindruck hat der Herzhorner im Übrigen nicht exklusiv. Auch Schleswig-Holsteins ehemaliger Ministerpräsident Peter-Harry Carstensen erinnert sich an die große gegenseitige Unterstützung. „Wir hatten plötzlich eine Situation, dass wir auf Nachbarschaft angewiesen waren. Da habe ich begriffen, wie wichtig es ist, dass man Freunde in der Nachbarschaft hat. Wir in unserer kleinen Gemeinde waren in der Lage uns selbst zu helfen“, blickt Carstensen zurück. Herbert Frauen erinnert sich an schöne Abende, Geburtstage und an eine Silvesterfeier im Kreise von Menschen, mit denen man ansonsten vielleicht nicht gefeiert hätte.


Zeitungszustellung wurde zu einem Abenteuer

Bisweilen problematisch war es, sich über die aktuelle Wetterlage zu informieren. Auf dem Hof von Herbert Frauen indes war der Informationsfluss gewährleistet. Weil der Strom nicht ausgefallen war, konnte die Familie per Radio die neuesten Entwicklungen verfolgen. Auf die Zeitung konnte man sich in diesen Wochen nicht immer verlassen, denn viele Straßen, auch die Autobahnen, sowie Wege und Zufahrten waren schlichtweg nicht passierbar. „Die Verwehungen ließen den Schnee teilweise bis zu drei, vier Meter hoch auftürmen“, sagt Frauen. Dass die Mitarbeiter der Norddeutschen Rundschau dennoch alles gegeben haben, um eine Zeitung zu produzieren und sie auszuliefern, zeigt eine Reportage, die am 4. Januar erschien. „280 Kilometer über vereiste Straßen für die Zeitung“, lautete die Überschrift. Ein Redakteur begleitete Verlagsfahrer Rüdiger Vohs auf seiner Tour. „Die Fahrt wurde ein gewagtes Unternehmen. Mit 60 Stundenkilometern, mehr schliddernd als rollend erreichte Vohs 55 Minuten später als sonst die Druckerei in Rendsburg“, hieß es darin. Die Rundschau wies in ihren Ausgaben mehrmals darauf hin, dass es bei der Zustellung zu Verspätungen kommen kann. Unserem Verlagsfahrer Rüdiger Vohs half eine grundsolide Gelassenheit, diese Ausnahmesituation zu meistern. Eine Gelassenheit, die viele Schleswig-Holsteiner auszeichnete – in diesen Tagen als das „weiße Monster“ zuschlug.

 

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