Abschied von einer besonderen Schule

Lächeln fällt schwer: Renate Frie vor den Abschlussschülern des letzten Jahrgangs, der die Fachschule verlässt.
Foto:
1 von 3
Lächeln fällt schwer: Renate Frie vor den Abschlussschülern des letzten Jahrgangs, der die Fachschule verlässt.

Erzieherausbildung künftig am Regionalen Berufsbildungszentrum: Fachschule für Sozialpädagogik schließt zum Monatsende

von
15. Juli 2015, 05:00 Uhr

Ingenieurin wollte sie werden, dann wurde Antje Kluger schwanger. Jetzt hat die 38-Jährige aus Tornesch drei Kinder im Alter von sieben, sechs und drei Jahren. Sie arbeitete als Tagesmutter, aber: „Ich habe festgestellt, dass ich mehr möchte.“ Also begann sie eine Ausbildung als Erzieherin an der Fachschule für Sozialpädagogik im Berufsfortbildungswerk. Doch ob das weiter funktioniert, weiß sie nicht.

Denn die Fachschule gibt es am Monatsende nicht mehr. Sie wird nach 21 Jahren geschlossen, die Ausbildung wird vom Regionalen Berufsbildungszentrum des Kreises Steinburg (RBZ) übernommen. Der Grund: Neue Lehrer müssten auch an der Fachschule ein Referendariat absolviert haben, das aber sei der kleinen privaten Schule nicht möglich, so Leiterin Renate Frie. Der anstehende Generationswechsel sei unter diesen Bedingungen nicht zu schaffen. Auch sie selbst, die seit der ersten Stunde dabei ist, wird 65 und geht in den Ruhestand. Sehr ambivalent seien ihre Gefühle, sagt Renate Frie: „Es ist auch ganz viel Traurigkeit, ganz viel Ärger, dass so etwas Besonderes nicht mehr existiert.“ Denn die familienfreundlichen Unterrichtszeiten – nur bis mittags sowie ein langer Tag bis in den späten Nachmittag – werden ersetzt durch die Zeiten einer öffentlichen Schule.

Das Modell lockte Teilnehmer aus mehreren Landkreisen, aktuell sind es rund 70. Immer mehr sei auch das Interesse am inhaltlichen Konzept gewachsen, das mit viel Spielraum für die Gestaltung entwickelt worden sei, sagt Renate Frie. Rund 450 staatlich anerkannte Erzieher hat die Schule bisher hervorgebracht, dabei sei auch das Stärken der Persönlichkeit und das ressourcenorientierte Arbeiten ein wesentlicher Teil der Ausbildung gewesen. Viele Schüler sind älter, die Ausrichtung in den psychiatrischen und heilpädagogischen Bereich wuchs. So sind die Absolventen längst nicht nur in Kindergärten tätig, sondern auch in der Kinder- und Jugendhilfe, in der offenen Jugendarbeit, aber auch in Senioreneinrichtungen.

Eine Klasse ist gerade verabschiedet worden, die Mittelstufe macht am RBZ noch nach dem alten Modell ihren Abschluss, von Renate Frie als Dozentin begleitet. Eine Kollegin wechselt an die Berufsschule, eine geht in Altersteilzeit, eine verließ die Fachschule bereits, als die Schließung klar war. Die Sekretärin wechselt zum Berufsfortbildungswerk, so sind alle Mitarbeiterinnen versorgt. Sorgen macht sich die Leiterin aber um die Schüler: Auch wenn die Fachschule längst für Jüngere geöffnet ist, Vorrang haben die Teilnehmerinnen – viele Männer sind nicht dabei – mit Kindern: „In der Mittelstufe haben wir 100 Prozent.“ Der längere Unterricht am RBZ, dazu in der Oberstufe insgesamt 20 Wochen Praktikum in Vollzeit, „damit ist natürlich jeglicher Teilzeitcharakter hin“, sagt Renate Frie. Ohne soziales Netz gehe es nicht.

Antje Kluger hat es: „Im Moment hängt die ganze Familie mit drin.“ Aber was jetzt komme, sei schwer planbar. Das RBZ kenne seine Lehrkapazitäten noch nicht, ein Stundenplan fehlt deshalb noch und kann sich auch wieder ändern. Sie müsse abwarten, ob es sich regeln lasse, sagt die dreifache Mutter. Und wenn nicht? „Dann muss ich abbrechen. Es wäre eine Enttäuschung, wenn es nicht weiterginge, weil ich Kinder habe.“ Das treffe einen Personenkreis, der besonders gut für die Ausbildung geeignet sei, ärgert sich Renate Frie. „Es passt politisch überhaupt nicht in die Zeit.“

zur Startseite
Karte

Kommentare

Leserkommentare anzeigen