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Norddeutsche Rundschau

22. Oktober 2017 | 23:15 Uhr

Abschiebungen gehen Helfern zu Herzen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Mehr als 100 Freiwillige kümmern sich in der Wilstermarsch um die Neuankömmlinge aus den Krisengebieten

shz.de von
erstellt am 15.Feb.2016 | 09:48 Uhr

An freiwilligen Helfern mangelt es in der Wilstermarsch nicht. Genau 104 Frauen und Männer, die sich ehrenamtlich um die im Amtsbereich untergebrachten Flüchtlinge kümmern, standen auf der Einladungsliste für ein Helferfest in Wewelsfleth. Ein großer Teil von ihnen war auch gekommen – um Erfahrungen auszutauschen und um sich auf den neuesten Stand zu bringen. Während die Zahl der Helfer genau registriert ist, weiß man beim Amt allerdings nicht genau, um wie viele Flüchtlinge es eigentlich gerade geht. Im Leistungsbezug, so berichtete Ordnungsamtsleiter Thorsten Franck, seien aktuell genau 174. Tatsächlich dürften es aber einige mehr sein, weil anerkannte Flüchtlinge aus den Amtsakten verschwinden.

Auch die Zahl der zum Beispiel in Wohngruppen in Wilster untergebrachten minderjährigen Kinder und Jugendlichen kennt die Amtsverwaltung nicht. Diese würden von den Jugendämtern auf Kreisebene betreut. Hinzu kämen Flüchtlinge, die mittlerweile über die Jobcenter laufen und in Wilstermarschgemeinden leben – oder vielleicht auch nicht mehr.

Fest steht allerdings, dass der Zustrom erheblich zugenommen hat. 2012 zählte die Amtsverwaltung ganze vier Flüchtlinge, 2013 waren es zehn und 2014 schon 31. Im vergangenen Jahr wurden 136 Neuankömmlinge untergebracht, in den ersten Wochen dieses Jahres schon 21. „Eine Prognose, wie es weiter geht, gibt es aber nicht mehr“, so Franck. Zwar seien bis Ende April deutlich weniger Zuweisungen angekündigt. „Dann wird das Thema aber wieder rasant an Fahrt aufnehmen.“

Erneut warb die Amtsverwaltung vorsorglich um die Bereitstellung von Wohnraum. „Im Umgang mit den Asylbewerbern gibt es keinerlei Probleme, und das Amt zahlt auch immer pünktlich die Miete.“ Demnächst soll ein Gesprächstermin mit dem Haus- und Grundeigentümerverein stattfinden. Darüber hinaus gebe es auf Amtsebene immer wieder Besichtigungstermine.

„Ohne Sie wären wir aufgeschmissen“, zollte Thorsten Franck abschließend den vielen Helfern ein dickes Lob, dem sich Amtsvorsteher Helmut Sievers nur anschließend konnte: „Wir sind froh und stolz, solche Helfer zu haben. Jeder gibt sein Bestes und das ist nicht selbstverständlich.“ Sievers warnte allerdings auch davor, bei allem lobenswerten Engagement die „eigenen Kräfte nicht zu überschätzen“. Das Lob an die Amtsverwaltung zurück gab Karl-Wilhelm Steenbuck. Der Wilsteraner ist Helfer der ersten Stunde und sprach von einer ausgezeichneten Zusammenarbeit mit der Kommunalbehörde. Das schließt auch die Arbeit von Knud Jüstel mit ein, der als ebenfalls ehrenamtlicher Flüchtlingsbeauftragter in der gesamten Wilstermarsch Ansprechpartner ist. „Es klappt alles gut“, umschrieb er kurz und knapp sein Betätigungsfeld. „Wir haben inzwischen eine Reihe von Flüchtlingen, die als Dolmetscher fungieren. Zwei sind sogar schon als Lehrer aktiv“, sieht Jüstel zahlreiche Fortschritte. Einen Schwerpunkt will er auch weiterhin auf Verkehrsunterricht legen, was in den Reihen der Helfer auf Zustimmung stieß.

Wie sehr das Schicksal der in der Marsch untergebrachten Menschen den Freiwilligen aber auch zu Herzen geht, wird vor allem in den Fällen deutlich, wo eine Rückführung in als sicher eingestufte Herkunftsländer bevorsteht. „Ich muss jetzt eine Familie nach Neumünster begleiten“, berichtete Silke Pahl aus Wewelsfleth. „Das fällt schon schwer. Ich war ja sogar bei der Geburt eines Kindes dabei.“ „Wir müssen uns auch darauf einrichten, dass es Abschiebungen gibt“, weiß auch der Wilsteraner Thomas Wulff. Seine Anregung: Mit solchen Fällen konfrontierte Helfer sollten sich zum Erfahrungs- und Gedankenaustausch zusammentun.

Laut Thorsten Franck stehen im Amtsbereich derzeit zehn Menschen auf der Liste mit sicheren Herkunftsländern, müssen also mit einer Rückkehr in ihre Heimatländer rechnen. Enge Bindungen mit Helfern werde es künftig allerdings nicht mehr in diesem Umfang geben, da die Personengruppe aus den entsprechenden Ländern nicht mehr auf die Kommunen verteilt werde, sondern in den Landesunterkünften bleiben solle.

Wie sehr anerkannte Flüchtlinge aber mit ihrer neuen Heimat zusammenwachsen, wurde an anderen Beispielen deutlich. So hatte Thorsten Franck beobachtet, dass unter den Helfern bereits „Flüchtlinge der ersten Generation“ befinden, die sich um ihre Landsleute kümmern. „Einige machen auch schon einen Schulabschluss, ein anderer gerade eine Lehre bei einem Tischler in Itzehoe.“ Positives wird auch für die demografische Entwicklung vermeldet. Allein in Wewelsfleth waren zuletzt drei schwangere Frauen gemeldet. „Es ist ein Junge, gesund und munter“, verbreitete sich noch beim Helferfest eine erste Erfolgsmeldung.

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