Berufsstart in der Corona-Krise : Azubiz-Messe am RBZ notwendiger denn je

Gut beraten: Jugendliche auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz können in der Region Steinburg und Dithmarschen mit einem starken Netzwerk aus Beratern und Ausbildungsmesse im Rücken aussichtsreiche Karrierepläne schmieden.
Gut beraten: Jugendliche auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz können in der Region Steinburg und Dithmarschen mit einem starken Netzwerk aus Beratern und Ausbildungsmesse im Rücken aussichtsreiche Karrierepläne schmieden.

Bundesweit ist die Ausbildungsquote nirgends so gut wie im Kreis Steinburg. Welche Rolle dabei die Ausbildungsmesse Azubiz spielt, erzählen die Berufsberater Kerstin Harms und Stefan Stolzenberger im Interview.

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05. Juli 2021, 13:01 Uhr

Itzehoe | Die Region Steinburg/Dithmarschen ist bundesweit spitze darin, Jugendliche in Ausbildung zu bringen. Aber nicht für alle Jugendlichen ist der Weg bis zum Unterzeichnen eines Vertrags einfach. Kerstin Harms, Berufs- und Studienberaterin in der Agentur für Arbeit, und Stefan Stolzenberger, Fallmanager U25 im Jobcenter, erzählen im Interview, wie sie auch schwierige Fälle meistern und welche wichtige Rolle dabei die Ausbildungsmesse Azubiz, die am 24. September am Regionalen Berufsbildungszentrum Itzehoe stattfindet, spielt.

Die Azubiz findet, nach aktuellem Stand, statt. Ist die Messe nach den Lockdowns notwendiger denn je?

Kerstin Harms: Die Azubiz ist notweniger denn je – aus verschiedenen Gründen. Es sind zum Beispiel sehr viele Ausbildungs- und Studienmessen sowie die Hochschulinfotage für Abiturienten ausgefallen. Berufsorientierung findet seit März 2020 fast ausschließlich in digitaler beziehungsweise virtueller Form statt. Es ist etwas anderes, ob ich nur am Bildschirm zuhöre oder selbst über die Messe gehe und Berufe „zum Anfassen“ habe. Dort kann ich mich mit Auszubildenden und Studierenden unterhalten, mit Arbeitgebern direkt ins Gespräch kommen und mich in diversen Ausbildungsberufen sogar vor Ort ausprobieren.

Stefan Stolzenberger: Wir haben mit zwölf Betrieben auf der Azubiz angefangen, nun sind es über 100. Auch für die Betriebe ist es unheimlich wichtig, die Jugendlichen für die berufliche Tätigkeit im Rahmen Ausbildung zu begeistern. Auf der Azubiz werden Jugendliche auf Augenhöhe abgeholt und das Ganze ist authentisch. Dadurch können wir uns vorstellen, dass viele Jugendliche, die noch letzte Unsicherheiten in der Berufswahl haben und vielleicht auch noch skeptisch manchen Berufsfeldern gegenüber stehen, aber dann die glücklichen fröhlichen Gesichter der Azubis im Arbeitsleben sehen und authentisch berichten können, warum sie sich für diese Ausbildung entschieden haben, doch sagen: Das gefällt mir!

Harms: Berufswahl ist ein bisschen wie Partnerwahl: Ich muss mit allen Sinnen Eindrücke aufnehmen können, um mich zu entscheiden. Und manchmal ist es dann auch der berühmte Zufall – vielleicht hätte ich noch 100 andere Türen, die auch passend gewesen wären, aber warum nicht diese eine nehmen, durch die ich gerade einen Blick geworfen habe? Es gibt in Deutschland fast 19.000 Studienangebote und über 300 anerkannte Ausbildungsberufe – ich kann gar nicht alle vorher kennen, ausprobieren oder auf meiner Plus-Minus-Liste abwägen.

Bringen Betriebe und Ausbildungssuchende zusammen: (v.l.) Shirin Schramm, Kerstin Harms (beide Agentur für Arbeit) und Stefan Stolzenberger (Jobcenter Steinburg).
Kristina Sagowski
Bringen Betriebe und Ausbildungssuchende zusammen: (v.l.) Shirin Schramm, Kerstin Harms (beide Agentur für Arbeit) und Stefan Stolzenberger (Jobcenter Steinburg).

Sollten die jungen Leute bei ihrer Entscheidung für einen Beruf also eher auf ihr Bauchgefühl hören?

Ich darf als Berufsberaterin und damit neutrale Ansprechperson und Coach den Jugendlichen keine Lösung „überstülpen“, von der ich meine, dass sie gut passt. Sie muss zu dem jungen Menschen passen und nicht zu meinen Vorstellungen, was zu ihm am besten passen würde. Ich steige gerne mit dem Selbsterkundungstool check-U in den Beratungsprozess ein. Hier werden Stärken, Kompetenzen und Interessen abgefragt. Es ist erwiesen, dass es wenig Sinn macht, nur auf die Stärken zu schauen – wenn ich für einen Ausbildungs- oder Studiengang kein Interesse habe, trotz gut ausgeprägter Kompetenzen, werde ich höchstwahrscheinlich nicht sehr erfolgreich sein oder gar abbrechen, weil die Motivation fehlt und ich unglücklich bin.

Sollten Jugendliche sich auch auf die Azubiz vorbereiten, eine Bewerbungsmappe mitnehmen beispielsweise?

Harms: Die allermeisten Bewerbungen laufen mittlerweile digital. Man kann aber einen Kurzlebenslauf mit Email-Adresse als Flyer gestalten und auf die Azubiz mitnehmen. Bei Interesse können Betriebe eine Bewerbung dann anfordern oder zum Praktikum einladen. Oftmals ist die Bewerbungsmappe eine echte Hürde – auch hier unterstützen wir seitens der Berufsberatung. Die Unternehmen schauen inzwischen aber weniger auf die perfekte Bewerbungsmappe oder gute Schulnoten, sondern auf die Softskills: Pünktlichkeit und wirkliches Interesse am Beruf. Und dieses Interesse kann man auf der Messe am besten zeigen: Hingehen, an den Ständen Fragen stellen und sich für ein Praktikum anbieten. Ich bekomme inzwischen vermehrt Rückmeldungen von meinen Schülern, dass sie nach einem dreitägigen Probepraktikum den Ausbildungsplatz bekommen haben, ohne sich vorher groß schriftlich beworben zu haben.

Hat sich die Pandemie auf die Zahl der Bewerber und Ausbildungsstellen ausgewirkt?

Harms: Zum ersten Mal seit der deutschen Einheit wurde die Marke von 500.000 neuen Ausbildungsverträgen bundesweit unterschritten, während gleichzeitig weniger Menschen einen Ausbildungsplatz suchen. Der ganze Veranstaltungsbereich hat zum Beispiel gelitten, die Tourismusbranche, Gastronomie, der Einzelhandel außer Lebensmittel und Baumärkte und andere mehr. Die Zahlen für den Kreis Steinburg sind aber gut! Stand 31. Mai 2021 gab es 866 Ausbildungsstellen, das sind 11,6 Prozent mehr als im Vorjahr, und 801 Bewerber, was einem Plus von 2,6 Prozent entspricht. Das Einzugsgebiet der Agentur für Arbeit Heide (Kreis Steinburg und Dithmarschen, Anm. d. Red.) hatte bundesweit die beste Ausbildungsquote in den letzten zwei Jahren. Es läuft sehr sehr gut.

Steinburger Betriebe halten an ihren Ausbildungsversprechen fest: Auch im vergangenen Jahr wurden keine Abbrecher verzeichnet, weil der Betrieb in Kurzarbeit  gegangen ist.
Bundesagentur für Arbeit
Steinburger Betriebe halten an ihren Ausbildungsversprechen fest: Auch im vergangenen Jahr wurden keine Abbrecher verzeichnet, weil der Betrieb in Kurzarbeit gegangen ist.

Wie erklären Sie sich das?

Stolzenberger: Das führen wir auf die Messe und auf die gute Vernetzung im Bereich Berufsberatung und Ausbildung zurück. Arbeitsagentur, Jobcenter und Jugendamt sind eng verzahnt. Wir sind stolz darauf, dass wir die Kooperationsvereinbarung und Ausbildungsmesse haben, um den Jugendlichen einen bunten Strauß der Hilfemöglichkeiten anzubieten. Ein Lehrer vom RBZ zum Beispiel klingelt auch mal bei den Schülern zu Hause, um zu sehen, was es für Probleme gibt.

Harms: Einerseits zeigen die Unternehmen im Bereich der Agentur für Arbeit Heide eine sehr hohe Ausbildungsbereitschaft und bilden auch über Bedarf aus. Andererseits erreichen wir auch wirklich alle Schüler aller Schularten, da wir an allen Schulen mit bis zu wöchentlichen Sprechtagen präsent sind. Herr Stolzenberger betreut außerdem Jugendliche, die ohne Schulabschluss von Zuhause ausgezogen sind.

Die Beratung ist sehr individuell und vertraut. Stefan Stolzenberger, Fallmanager U25 Jobcenter Steinburg

Stolzenberger: Ich mache seit 21 Jahren Jugendarbeit im Kreis Steinburg. Einige Jugendliche haben ihre Hürden, aber es ist nicht so, wie alle sagen, „die wollen nicht“. Sondern sie haben Problematiken, die bearbeitet werden müssen. Dann haben auch sie die Chance, mit der Berufsberatung und dem Jobcenter Wege zum passenden Beruf zu finden. Die Beratung ist sehr individuell und vertraut.

Wie sieht es mit Betrieben aus? Viele sind in der Pandemie an ihre Grenzen gestoßen.

Stolzenberger: Alle Steinburger Betriebe halten an ihren Ausbildungsversprechen fest. Auch im vergangenen Jahr wurden keine Abbrecher verzeichnet, weil der Betrieb in Kurzarbeit gegangen ist, sondern sie haben weiter ausgebildet.

Harms: Die Fachkräfte, die wir heute nicht ausbilden, werden uns morgen fehlen. Das wissen auch die Betriebe. Wir haben jetzt die geburtenstarken Jahrgänge, die demnächst vom Arbeitsmarkt verschwinden. Das geht durch alle Reihen, vom Handwerker bis zum Akademiker. Seitens der Agentur für Arbeit wurde für die Betriebe ein Anreiz geschaffen, auszubilden: Es gibt eine Ausbildungsprämie, wenn ein Betrieb nachweislich Einbußen durch Corona hinnehmen musste und trotzdem beziehungsweise zusätzlich ausbildet.

Weiterlesen: Planungen für Azubiz 2021 am RBZ Itzehoe laufen auf Hochtouren  

Weitere Infos zur AzubIZ: www.shz.de/azubiz

Die AzubIZ 2021 auf einen Blick

Was: Berufsinformationsmesse über Ausbildung und Studium
Wann: 24. September 2021, 8.30-13 Uhr
Wo: Regionales Berufsbildungszentrum Steinburg in Itzehoe, Juliengardeweg 9-13, 25524 Itzehoe
Geeignet für: Schulabgänger, Ausbildungs- und Studiensuchende sowie junge Erwachsene, Lehrer und Eltern
Eintritt: Kostenlos
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