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Mindestlohn : 8,50 Euro: Für Gastwirte eine große Herausforderung

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Restaurant-Besitzer in Glückstadt klagen über steigende Kosten und viel Bürokratie. Gewerkschafter betonen dagegen: „Die Regelung war längst überfällig.“

Wenn es um den Mindestlohn geht, stöhnen die Gastronomen: Selbstverständlich halten sie eine bessere Bezahlung ihrer Angestellten für angemessen, aber gestiegene Lohnkosten und die neue Pflicht, Arbeitszeiten genauestens aufzuzeichnen, stellen besonders kleine Betriebe vor große Herausforderungen. „Die Lohnkosten für einzelne Angestellte sind teilweise um 20 bis 25 Prozent gestiegen“, sagt Dieter Lassmann, Inhaber des Restaurants „Alte Mühle“ am Hafen. „Das sind enorme Schritte, wenn man bedenkt, dass Tarifparteien sonst um ein oder zwei Prozent hart verhandeln.“

Lassmann muss seit Januar vier von seinen 13 Mitarbeitern ein höheres Gehalt zahlen. Eine Abwaschkraft habe beispielsweise im vergangenen Jahr noch 7,50 Euro bekommen. Jetzt sind es 8,50 Euro. Doch damit ist es nicht getan: „Es wäre ja ungerecht, wenn eine ungelernte Abwaschkraft 8,50 Euro erhält und ein ausgebildeter Koch genau so viel“, sagt Lassmann. Er müsse also weitere Staffelungen der Gehälter nach oben schaffen und sie auf zehn bis 13 Euro heraufsetzen. Davon seien noch einmal drei Mitarbeiter in seinem Betrieb betroffen.

Angestellte entlassen musste Lassman bisher noch nicht, ebenso wenig wie Kai Babin-Ebell und Olaf Wendler, die Inhaber des Ratskellers am Markt. „Dennoch mache ich mir natürlich jetzt viel mehr Gedanken, wen ich überhaupt einstelle“, sagt Babin-Ebell. Bislang habe er als Küchenhilfen immer auch mal Arbeitnehmer eingestellt, die nur schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt hatten – „aus sozialer Verantwortung heraus“. Das müsse er sich in Zukunft gut überlegen. „In der Regel arbeiten diese Leute nicht so schnell, dass ich ihnen 8,50 Euro zahlen könnte.“

Nachdem die Löhne nun gestiegen seien, achte er genauer auf eine straffe Organisation der Arbeit und reagiere allergischer bei Fehlern seiner Angestellten. Das gehe zu Lasten der Stimmung im Betrieb.

Dieter Lassmann weist auf ein weiteres Problem hin, dass ihm viel größere Sorgen bereitet: Die Dokumentationspflicht. Während bislang die Angestellten wöchentlich oder monatlich ihre Stundenzettel einreichten konnten, muss nun ihre Arbeitszeit genau dokumentiert werden, inklusive Arbeitsbeginn, Pausen und Dienstschluss.

Lassmann zeigt einen Ordner mit entsprechenden Formularen, den er hinter der Theke bereitliegen hat. Am Ende eines jeden Monats muss er anhand der Aufzeichnungen die Gehälter der Mitarbeiter berechnen und die Formulare archivieren. Denn für mögliche Kontrollen müssen sie zwei Jahre lang aufbewahrt werden. „Das ist ein enormer bürokratischer Aufwand.“

Der Vorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands im Kreis Steinburg (DEHOGA), Ernst-Otto Prüß, pflichtet ihm bei: „Selbst an Tagen, an denen man keinen einzigen Gast im Betrieb hat, ist man trotzdem mit der Verwaltung beschäftigt.“

Auch das Leisten von Überstunden, wie es bislang in der Gastronomie üblich gewesen sei, sei in Zukunft nicht mehr ohne Weiteres möglich, klagt Lassmann. „Bei den Matjes-Wochen wurden auch mal zwölf oder vierzehn Stunden am Tag gearbeitet“, sagt er. Die Überstunden seien dann in den ruhigen Wintermonaten abgebaut worden. Nun müssten sie innerhalb weniger Wochen ausgeglichen oder ausbezahlt werden. Insbesondere in diesem Punkt verlangt der DEHOGA eine Lockerung der Vorschriften. Auf einer Beiratssitzung im März solle weiter darüber beraten werden, sagt Ernst-Otto Prüß.

Gewerkschafts-Vertreter können die Klagen der Gastronomen nicht nachvollziehen. „Es war höchste Zeit, dass vernünftige Regelungen in der Gastronomie geschaffen wurden“, sagt Lutz Tillack, Geschäftsführer der Gewerkschaft für Nahrung, Genuss und Gaststätten (NGG) in der Region. Die Dokumentationspflicht sei unverzichtbar, über zehn Stunden am Tag habe schon vorher niemand arbeiten dürfen. Weil aber in Zukunft nicht mehr nur die Gewerbeaufsicht, sondern auch der Zoll kontrolliere und Sanktionen von bis zu 500 000 Euro drohen, würden die Regelungen nun endlich von den Gastronomen beachtet.

Der DEHOGA hat seine Mitglieder bereits gewarnt, dass spätestens ab März mit Zollkontrollen gerechnet werden müsse. Drei Kontrollen hat es laut Ernst-Otto Prüß im Kreis Steinburg bereits gegeben.

Dieter Lassmann, Olaf Wendler und Kai Babin-Ebell sind darauf vorbereitet. Ihre Konzepte zur Umsetzung und Finanzierung des Mindestlohns werden sie weiter perfektionieren. „Ich muss das erst einmal eine Zeit lang laufen lassen und ausprobieren“, sagt Babin-Ebell. Die Preise seiner Menüs musste er bislang noch nicht erhöhen und auch in der Alten Mühle kostet der Grünkohl mit Kochwurst erst einmal weiterhin 13,70 Euro – wie bisher. „Im Moment ändere ich daran noch nichts“, sagt Dieter Lassmann. Dass er aber in Zukunft die Preise noch anheben müsse, will er nicht ausschließen.

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erstellt am 20.Feb.2015 | 05:00 Uhr

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