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Aus dem Gericht : 50 Sozialstunden wegen Bedrohung

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Glück für den Angeklagten: Da der Geschädigte nicht zum Prozess erschien, stellte die Richterin den Fall kurzerhand ein.

shz.de von
erstellt am 18.Dez.2013 | 05:08 Uhr

Egal ob Mann oder Frau, ob Angeklagter oder Zeuge – auf einen Tag am Amtsgericht in Itzehoe hat so kurz vor Weihnachten offenbar keiner mehr Lust, denn bei gleich vier von fünf Terminen bei Proberichterin Kristina Krause blieben die Angeklagten beziehungsweise Zeugen dem Gericht unentschuldigt fern. Gerichtspräsident Dr. Bernhard Flor kam umsonst. Er wollte die junge Proberichterin in Aktion erleben und benoten, doch das verhinderten die unwilligen Angeklagten. Was blieb war eine Folge von Neuterminierungen, Strafbefehlen und Ordnungsgeldern gegen die ferngebliebenen Zeugen, sowie eine Einstellung gegen Geldauflage in einem Fall.

Der einzig nicht in Glückstadt wohnende Angeklagte erschien vor Gericht. Der 53-Jährige ist Frührentner und lebt nach über 20 Jahren Obdachlosigkeit seit kurzem in Nordenham in einer Wohnung von Grundsicherung lebender Frührentner. Sein Sozialpartner im Leben ist ein Schäferhund. Er wachte vor dem Gericht über die Habe des Angeklagten, kompakt verstaut in einem großen Tramper-Rucksack, während Herrchen Richterin Krause gegenübertrat, sich wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen und Bedrohung verantworten musste. ,,Heil Hitler“ und ,,Sieg Heil", soll der Mann am 22. November 2012 betrunken in Glückstadt nachmittags auf offener Straße geschrien haben. Einen türkischen Mitbürger soll er zudem mit einem Küchenmesser in der Hand bedroht haben. ,,Dich stech ich ab“, soll er gebrüllt haben. Der Türke war als Zeuge geladen, blieb dem Gericht aber fern. Ihm drückte Krause kein Ordnungsgeld aufs Auge. Der Angeklagte gab an, dass er damals gerade in Berlin aus dem Gefängnis entlassen worden sei, er wollte in Glückstadt seinen Hund abholen. Es gab Stress um das Tier, der Türke hatte damit eigentlich nichts zu tun, stand lediglich im Weg. Die Polizei erschien, wies den Angeklagten aus der Stadt. „Ich bin mit meinem Hund auf dem schnellsten Weg zum Bahnhof und noch schwarz bis Pinneberg gefahren“, berichtete der Angeklagte. Er kann weder lesen noch schreiben, lebt allein mit seinem Hund, wird betreut.

Da der Geschädigte offenbar kein Interesse an der Strafverfolgung hatte – das schloss Krause aus seinem Fehlen –, stellte die Richterin den Fall kurzerhand gegen 50 Sozialstunden ein. Die möchte der Mann gern in einem Tierheim ableisten.

Bei den fehlenden Angeklagten entschied Amtsanwältin Stefanie Herrig das weitere Vorgehen. Eine wegen Unterschlagung – begangen im Juli 2012 in Glückstadt – angeklagte Frau aus Kollmar will Herrig sehen. So musste Richterin Krause hier neu terminieren. Der neue Prozessversuch findet nun am 20. Februar um 9 Uhr statt. Krause ordnete die polizeiliche Vorführung der Frau an. So wird die Polizei sich dann ab etwa 6 Uhr am Prozesstag auf den Weg machen, um die Anwesenheit der Dame zu garantieren.

Eine Nötigung, begangen Mitte Juni in Herzhorn und weitere zwei Straftaten, die Krause nicht nennen wollte, da die Anklage nicht verlesen wurde, warf Herrig einem Mann aus Glückstadt vor. Der hatte erst vor wenigen Monaten in einer anderen Sache einen Strafbefehl erhalten. Herrig beantragte erneut einen Strafbefehl, diesmal in Höhe von 600 Euro (60 Tagessätze à zehn Euro). Der Strafbefehl wurde umgehend von Kruse erlassen. Legt der Mann keinen Einspruch ein, wird der Strafbefehl 14 Tage nach Zustellung einem Urteil gleich rechtskräftig. Legt er Einspruch ein, kommt es erneut zum Hauptverfahren vor dem Itzehoer Amtsgericht.

Auch zwei als Bedarfsgemeinschaft zusammenlebende Männer aus Glückstadt blieben dem Gericht fern. Sie sollen die Arbeitsagentur (Arge) in Glückstadt von Januar bis August 2012 betrogen haben. Einer der beiden hatte einen Minijob, den er der Arge nicht meldete. Die erstattete Anzeige wegen Betrugs. Amtsanwältin Herrig beantragte Strafbefehl gegen die beiden Glückstädter. Richterin Krause erließ die Strafbefehle wie beantragt. Diesmal jeweils in Höhe von 450 Euro (45 Tagessätze à zehn Euro). Das entspricht jeweils eineinhalb Netto-Monatseinkommen der beiden nicht erschienen Angeklagten. Auch sie können Einspruch einlegen oder den Strafbefehl einfach akzeptieren.

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