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Norddeutsche Rundschau

20. August 2017 | 06:28 Uhr

Fahrbücherei : 50 Jahre rollende Lesekultur

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Eine bedrohte Art ist die Fahrbücherei im Kreis Steinburg nicht: Seit 1963 bringt der Bücherbus Lesestoff in die Dörfer. Angefangen hat es mit drei Gemeinden. Heute sind es 55 Gemeinden mit insgesamt 139 Haltestellen.

Wer eine Bücherei betritt, lässt den Lärm und das Leben draußen vor der Tür und taucht still ein in die Abenteuer von Harry Potter, in die Fantasien in „Shades of Grey“, die Geheimnisse des alten Ägyptens, den Krimi oder auch den Ratgeber zum perfekten Dinner. Es wird wenn überhaupt geflüstert, ein Husten unterdrückt und schweigend die Regal gesäumten Gänge entlang geschlichen. Verstaut man die bedruckte Fracht allerdings auf den wenigen Quadratmetern eines Busses, herrscht eine ganz andere Lesekultur. Wenn die Fahrbücherei des Kreises Steinburg anrollt, wird das eben noch menschenleere Dorf zum Leben erweckt. Mit der tutenden Willkommensmelodie des Busses gehen überall die Haustüren auf, Mütter mit Kindern, Ehepaare, Alt und Jung strömen mit stapelweise Büchern in den Bus und es wird gegrüßt, gelacht, getratscht – und das schon seit 50 Jahren im Kreis Steinburg.

Gunhild Seifert ist studierte Diplom-Bibliothekarin und hat lange in Berlin gelebt. Die Anonymität der Großstadtbüchereien hat sie hinter sich gelassen und ist seit fünf Jahren Leiterin der Fahrbücherei Steinburg. In ihren Augen ist der rollende Datenträger im Kreis alles andere als eine bedrohte Art, sondern fester Bestandteil in den 55 Gemeinden im Kreis Steinburg, die der Bücherbus regelmäßig ansteuert. „Der Bus ist zentraler Treffpunkt. In vielen Dörfern gibt es nicht mal mehr Läden, die Fahrbücherei ist das einzige, was geblieben ist“, so Gunhild Seifert. Deshalb komme der Bücherbus auch in Zeiten knapper Finanzen über die Runden.

Die Erfolgsgeschichte der Lesekultur auf Rädern im Kreis begann vor 50 Jahren, wie Fachbüchereileiterin Gunhild Seifert erklärt. Die Fahrbücherei wurde vom Büchereiverein Schleswig-Holstein gegründet. Zum ersten Mal stoppte der Bücherbus im Jahr 1963 im Kreis, angefahren wurden aber zunächst nur die drei Gemeinden Schenefeld, Puls und Holstenniendorf. Diese wurden damals von Rendsburg bedient, weil es den Stützpunkt in Steinburg noch nicht gab. Seit 1980 startet die Fahrbücherei von Itzehoe aus – mittlerweile mit dem dritten Bücherbus. Das Jubiläum wird am Mittwoch, 18. September, gefeiert (siehe Infokasten).

Das zwölf Meter lange und 2,50 Meter breite Gefährt mit 260 PS unter der Haube steuert Thorsten Zober durch die Dörfer zu insgesamt 139 Haltestellen. Zwischen 60 und 110 Kilometer legt er an einem Arbeitstag zurück. Auf dem Beifahrersitz immer dabei von früh bis spät ist Leiterin Gunhild Seifert. An Bord haben die Zwei rund 4000 Leihmedien, überwiegend Bücher, aber auch DVDs, CDs und Computerspiele. Der gesamte Bestand umfasst aber 30 000 Medien, davon bestehen rund 26 000 aus bedruckten Seiten. Was nicht in den Bus geht, wird im Magazin in Itzehoe gelagert, wo auch die Dritte im Team arbeitet. Verwaltungsangestellte Marion Schnell agiert im Hintergrund und sorgt dafür, dass Bücher wieder eingestellt oder bestellt werden. Auch was nicht im Fundus ist, können die Steinburger Leseratten bekommen. „Entleihbar ist alles, was in Schleswig-Holstein vorhanden ist“, informiert Gunhild Seifert. Selbst das E-book macht im Kreis Steinburg dem Bücherbus keine Konkurrenz – sondern ist ein Zusatzangebot der Fahrbücherei. Über die Homepage können sich die Leser auch digital mit Lesestoff versorgen.

So viele Bücher, so wenig Platz im Bus – wie trifft das Trio da seine Auswahl? „Das Angebot im Bus richtet sich vor allem am Interesse der Leser aus“, erklärt Gunhild Seifert, während sie einer älteren Dame entgegenlächelt. „Krimis – wie immer? Ich habe viel Neues hier.“ Was ihre 1693 Leser mögen, weiß Gunhild Seifert schon auswendig und macht extra Stapel fertig. Trotzdem stöbern die Kunden gerne in den abgeschrägten Regalen, die an jeder Wand bis zur Decke mit Büchern, DVDs, CDs und Spielen voll sind. Krimis, Fantasy-Romane, Biografien – alle eindeutig beschriftet – sind in alphabetischer Folge angereiht. „Ich kam schon als Kind her“, so eine Seniorin aus Dammfleth. Auch Elke Thumann ist eine treue Kundin und konnte auch schon ihren Nachwuchs begeistern. Sohn Marten (1) kann zwar noch nicht lesen, stürzt sich dafür aber mit Hingabe auf das große Plüschtier, während Schwester Svea (3) mit Freundin Jule Dierks (4) sofort die Bücherkiste für Kinder ansteuert. Auch Nadine von Schimmelmann (37) aus Bekdorf kommt jedes Mal mit Kind und Kegel. „Ich wohne um die Ecke. Am Anfang hatten wir noch Leinenbeutel dabei, mittlerweile brauchen wir aber bei all den Büchern einen Trolley.“ Im drei Wochen-Rhythmus steuert der Bus die Haltestellen an. In den Kalendern der Kunden ist der nächste Termin längst vorgemerkt.

>Informationen zur Fahrbücherei und den Fahrplan gibt es im Internet unter FahrbuechereiSteinburg@t-online.de.



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erstellt am 12.Sep.2013 | 18:01 Uhr

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