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Stadtgeschichte : 50 Jahre die Seele des Geschäfts

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Kurz vor Toresschluss bei der Firma Kruse in Wilster feiert Dörthe Urlaub ein selten gewordenes Arbeitsjubiläum.

shz.de von
erstellt am 20.Mär.2016 | 16:00 Uhr

50 Jahre lang war sie die gute Seele des Geschäfts. In wenigen Wochen geht für Dörthe Urlaub aber viel mehr als eine Ära zu Ende. Mit der Schließung des Traditionsbetriebes Kruse verschwindet aus dem Stadtbild ein Stück Geschichte, die mit einem Tante-Emma-Laden in der Schmiedestraße ihren Anfang genommen hatte.

„Damals haben wir noch den Senf aus großen Töpfen herausgedrückt und portionsweise für zehn Pfennige verkauft“, erinnert sich die heute 73-Jährige an die Anfänge in den Nachkriegsjahrzehnten. Gemeinsam mit ihrem im vergangenen Jahr verstorbenen Bruder Peter war das Geschäft immer ihr Zuhause. Gelernt hatte die gebürtige Wilsteranerin eigentlich Chemielaborantin, erzählt sie und bedient zwischendurch noch rasch einen Kunden, der trotz Mittagspause im Laden aufgetaucht ist. Leider, so bedauert sie, habe die Post gerade geschlossen. „Aber wenn Sie nur Briefmarken brauchen....?“ Dörthe Urlaub ist auf alles vorbereitet. Sie holt die Marken aus einer Schublade, gibt schnell Wechselgeld zurück. Und ein freundliches Wort hat sie natürlich auch immer parat.

Dabei musste die so gar nicht wie eine Rentnerin wirkende quirlige Frau gerade in den letzten Jahren viele Schicksalsschläge verkraften. Den frühen Tod von Bruder Peter, zwei Jahre zuvor war Schwägerin Angelika verstorben. Hinzu kam der schleichende Niedergang eines alteingesessenen Einzelhandelgeschäftes. Gegen Supermärkte auf der grünen Wiese, die nachhaltigen Veränderungen im Konsumverhalten und schließlich gegen den Online-Handel konnte auch Dörthe Urlaub mit noch so herzlicher Kundennähe nicht mehr anarbeiten.

Bis in die 1980er Jahre hinein war Kruse ein klassischer Tante-Emma-Laden. Hauptstandbein waren Lebensmittel, dazu gab es ein umfassendes Sortiment für Dinge des täglichen Bedarfs. Immer ganz groß geschrieben: Hausbesuche als Kundenservice. „Ich weiß heute noch bei vielen Haushalten von welchen Tellern dort gegessen und aus welchen Tassen getrunken wird“, erinnert sich Dörthe Urlaub gerne an diese Zeiten.

Mit dem Vormarsch der Supermärkte konzentrierte sich Kruse immer mehr auf hochwertige Sortimente, bis auch in diesem Segment der Markt nach und nach wegbrach. „Durch die Erkrankung und den Tod meines Vaters wurde der Prozess der Neuausrichtung des Geschäfts vorzeitig beendet“, bedauert auch Neffe Christoph Kruse. Umso mehr lobt er das Mitarbeiterteam, dass „in schwierigen Zeiten Verantwortung übernommen und Zusammenhalt bewiesen habe“. „Wir haben uns nie gestritten, es gab nie ein böses Wort“, schwärmt auch seine Tante von einer „großen Familie und einem Superteam“. Selbst der Umstand, dass ihr selten gewordenes Arbeitsjubiläum nun mit der Schließung des Geschäfts zusammenfällt, ist Dörthe Urlaub nicht anzumerken. „Man kann ja ohnehin nicht dagegen ankämpfen“, hakt sie den Niedergang eines alteingesessenen Einzelhandelsgeschäfts ab und fügt entschlossen hinzu: „Ich bin ja auch ein Stehaufmännchen.“

Bis zur letzten Minute wird Dörthe Urlaub für ihre Kunden da sein – wobei sie schon jetzt täglich Worte des Bedauerns hört. Aus dem Stadtbild verschwinden wird sie persönlich natürlich nicht. Ihre politische Heimat hat sie in der CDU gefunden, in ihrem Ortsverein genießt sie den Ruf der „Kümmertante“. Und die sportliche 73-Jährige – unter anderem ist sie auch noch Jugendwartin in ihrem geliebten Tennisclub – wird wie immer viel mit dem Fahrrad unterwegs sein. Tischtennis, Handball und sogar Fußball hat sie in jungen Jahren gespielt. Das hält sie bis heute fit. Eigentlich ist Dörthe Urlaub immer irgendwie in Bewegung. Künftig sicher auch ohne den täglichen Weg ins Geschäft. Und auch der war immer mehr Leidenschaft als Broterwerb. „Eigentlich habe ich die 50 Jahre ehrenamtlich gearbeitet“, sagt sie. Und: „Ich habe das immer auch für mein Wilster getan.“

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