250 Nieten für das Schleusentor

Mit voller Kraft stemmt Steffen Liedke den Nietrevolver auf das heiße Stück Stahl und formt den überstehenden Rest zu einem Rundkopf.
Mit voller Kraft stemmt Steffen Liedke den Nietrevolver auf das heiße Stück Stahl und formt den überstehenden Rest zu einem Rundkopf.

Sachsen beherrschen seltenes Handwerk zum Reparieren der Nordkammer / Stahlbauer tauschten 1,5 Tonnen Stahl

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20. Mai 2011, 08:11 Uhr

Brunsbüttel | Es klingt wie ein Presslufthammer, wenn Steffen Liedke sich mit voller Kraft auf den Nietrevolver stützt und den überstehenden leuchtend orangefarbenen Stahlstift zu einem runden Kopf formt. Gleichzeitig hält Klaus Kreßmann von unten mit einem Stahlrohr dagegen, um genügend Druck aufzubauen. Schraube für Schraube wird so von den Mitarbeitern der Firma Dobritzsch aus Zschornewitz (Sachsen) durch Nieten ersetzt.

Insgesamt haben die Sachsen bis gestern rund 250 Nieten neu gesetzt und 1,5 Tonnen Stahl ausgetauscht, um den Havarieschaden im Schleusentor der Nordkammer zu reparieren. "Nieten ist eine alte Technik, die gute Kenntnisse erfordert und die nur noch wenige beherrschen", erzählt Rainer Gosch, Diplom-Ingenieur der Schiffsbetriebstechnik. Bundesweit, so schätzt er, gibt es fünf, die noch nieten können, das Material dafür vorhalten und Personal entsprechend ausbilden.

Die Schleusentore, gebaut im Jahr 1912, werden von rund 80 000 Nieten zusammengehalten. Bei Reperaturarbeiten werde heute noch darauf geachtet, dass die neuen Teile nicht angeschweißt, sondern per Nieten befestigt werden. Der Vorteil: "Fährt ein Schiff gegen ein Tor, so reißen die Nieten auf wie ein Reißverschluss. Der Schaden ist örtlich begrenzt und geringer als bei geschweißten Sachen, weil sich da viel mehr Material verformen würde", erklärt Gosch. Deshalb lohne sich das Nieten langfristig, wenn auch die Anschaffung teurer ist als das Schweißen.

Die Reparatur am kanalseitigen Tor der Nordkammer kostet zwischen 35000 und 40000 Euro und dauerte mit Nieten und Vorarbeiten rund drei Wochen. Doch bald schon fahren die Stahlbauer die fast 500 Kilometer lange Strecke erneut in den Norden - im Herbst reparieren sie das Tor, das Anfang April bei starkem Nebel von einem Containerschiff unter niederländischer Flagge gerammt wurde. Bis Ende des Monats soll das elbseitige Tor aus der Werft zurück und die Kammer wieder frei für den Schiffsverkehr sein.

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