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20-Millionen-Euro-Loch in der Wilsteraner Unterwelt

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Tausende von Schäden: Kanalsystem im Stadtgebiet ist ein einziger Flickenteppich

shz.de von
erstellt am 05.Jun.2015 | 09:14 Uhr

Es dürfte einer der größten finanziellen Kraftakte in der Geschichte der Stadt Wilster werden: Weil das unterirdische Kanalsystem sich nach eingehender Untersuchung eher als eine Art Flickenteppich präsentiert, müssen in den nächsten Jahren rund 20 Millionen Euro in eine umfassende Sanierung gesteckt werden. Diese ernüchternde Rechnung machte Gutachter Jörg Reese vom Itzehoer Ingenieurbüro Siebert und Partner den Mitgliedern des städtischen Bauausschusses auf. Die einzig gute Nachricht: Es besteht kein ganz dringender Handlungsbedarf.

Hintergrund für die jetzt drohende Kostenlawine ist die so genannte Selbstüberwachungsverordnung. Sie gibt den Kommunen erstmals vor, dass sie ihr Kanalnetz umfassend dokumentieren und dann auch instandhalten müssen. „Die Bestandspläne hatten eher den Charakter von Strichzeichnungen“, startete Reese seine Analyse, die letztlich alle Sünden der Vergangenheit offenbarte. Per Kamerainspektion war jeder einzelne Schaden an den Leitungen für Schmutz- oder Regenwasser aufgenommen worden. Am Ende summierte sich das auf tausende von großen und kleinen Schäden.

Allein die Bestandsaufnahme war schon eine Mammutaufgabe. 17,8 Kilometer Schmutzwasserleitungen und 19 Kilometer Regenwasserkanäle mussten unter die Lupe genommen werden. Dazu kamen sechs Kilometer Mischwasserkanäle – vorwiegend im Stadtzentrum und um die Kirche herum. Abgerundet wird das Bild durch insgesamt rund 3700 Anschlussleitungen. Wie überfällig die genaue Bestandsaufnahme war, wird aber nicht nur am Schadensbild deutlich. So verfügt die Stadt Wilster über rund zehn Kilometer Rohrleitungen, von denen sie bislang noch gar nichts wusste, weil sie in den alten Plänen nicht vorkamen.

Und das bekamen die Inspekteure in der Wilsteraner Unterwelt zu sehen: durch eindringendes Grundwasser verkrustete Rohrleitungen, sich Bahn brechendes Wurzelwerk, sich kreuzende Leitungen oder gar Kompletteinbrüche und immer wieder Verbindungen, die nach dem heutigen Stand der Technik als nicht fachgerecht eingestuft werden. In einem Fall war ein Stutzen sogar einfach mit einer Plastiktüte abgedichtet worden. Fazit von Reese: „Das ist ein enormes Schadensbild, das sich über das gesamte Stadtgebiet verteilt.“

Drei verschiedene Sanierungstechniken gibt es aus Sicht von Reese – je nach Schaden. So könnten punktuell vorhandene Schäden mit vergleichsweise geringem Aufwand per Spachtel- oder Fräsroboter beseitigt werden. In anderen Fällen könnten neue Leitungen eingezogen werden. Bei starken Setzungen komme man allerdings um aufwendige und entsprechend teure Tiefbauarbeiten nicht herum. Reese: „Irgendwann fordert der schwierige Baugrund in der Wilstermarsch eben seinen Tribut.“

Den finanziellen Sofortbedarf bezifferte der Gutachter mit rund einer Million Euro. Nach und nach müssten dann die übrigen Schäden beseitigt werden. Jörg Reese empfahl den Kommunalpolitikern dringend, das Thema auch nicht auf die lange Bank zu schieben: „Eine zügige Sanierung spart auf Dauer viel Geld.“

Nach den Hiobsbotschaften hatte Jörg Reese aber auch noch eine gute Nachricht. Bei einer hydraulischen Berechnung kam heraus, dass das Fassungsvermögen des städtischen Kanalnetzes ausreichend bemessen ist. Reese: „Das passt so.“ Große Überflutungen zum Beispiel bei starken Regenfällen seien daher nicht zu befürchten. Einzig im Bereich des Schulzentrums könnte sich ein Stau beim Abfluss von Wassermassen ergeben.

Das Bauamt will nun nach der Sommerpause eine Prioritätenliste für die erforderlichen Arbeiten am Kanalnetz vorlegen. Roman Stöckmann, Chef im technischen Bauamt: „Das Netz ist flächendeckend sehr schlecht – aber nicht so, dass sofort Straßen gesperrt werden müssen.“

Am Ende wird die Sanierung ohnehin von den Einwohnern bezahlt werden müssen. Das Kanalnetz wird über den Gebührenhaushalt abgerechnet. Selbst Mieter werden das zu spüren bekommen – über weiter steigende Betriebskosten.

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