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Nordfriesland Der Pest folgte der nasse Tod

Von hn | 13.01.2012, 08:37 Uhr

"Grote Mandränke" zerstörte vor 650 Jahren 44 Kirchspiele / "Geburtsstunde" des modernen Nordfriesland

Die historischen Aufzeichnungen sprechen eine eindeutige Sprache. Von "tempestas magna" (großem Sturm), "inundatio maxima" (größter Überschwemmung), "Grote mandranck in Vreslande" ist dort die Rede. Vor 650 Jahren, am 16. Januar 1362, brachen auf dem Höhepunkt eines dreitägigen Orkans die Deiche in Nordfriesland und an vielen anderen Orten entlang der Küste.

Das 14. Jahrhundert war eine schwierige Zeit, die von einer generellen Klima-Verschlechterung in Europa geprägt war, so Albert Panten, führender Kenner der regionalen mittelalterlichen Überlieferung. In der Mitte des Jahrhunderts entvölkerte der Schwarze Tod, die Pest, ganze Landstriche. 1350 erreichte die Seuche auch die nordfriesischen Utlande, die sich zwischen dem Bereich des heutigen Sylt und der Eidermarsch vor der Festlands-Geest weit nach Westen erstreckten. Die Deiche waren seinerzeit nicht höher als zwei bis zweieinhalb Meter. Viele Menschen, deren Arbeitskraft eigentlich für den Unterhalt der Deiche gebraucht worden wäre, waren der Pest zum Opfer gefallen. Auf die ungenügenden Schutzwerke traf dann in der Schicksalsnacht eine vom Sturm entfachte rasende Flut.

In zeitgenössischen Chroniken, aus denen die eingangs wiedergegebenen Zitate stammen, spiegelt sich das katastrophale Geschehen wider. Bis nach Ostfriesland sind erhebliche Schäden dokumentiert. Von 100 000 Toten wurde gesprochen. Diese Angabe ist sicherlich übertrieben, aber es ist eine in jener Zeit übliche Art, die schiere Unübersehbarkeit der Opferzahl zum Ausdruck zu bringen.

Die friesischen Utlande waren eine wirtschaftlich besonders starke Region. In der Landwirtschaft wurden Überschüsse erzielt, der Handel mit Salz, das aus Torf gewonnen wurde, brachte Gewinne. Hier ließen sich gute Steuereinkünfte erzielen. So weist Albert Panten auf Nicolaus Bruns hin, von 1350 bis 1367 Bischof von Schleswig. Dieser ließ 44 im Bereich des heutigen Nordfriesland gelegene Kirchspiele auflisten, aus denen ihm nach der Flut von 1362 keine Einnahmen mehr zuflossen. 32 davon lagen in der Propstei "Strandensi", also im Bereich der späteren Inseln Pellworm und Nordstrand. Der Untergang des sagenumwobenen Rungholt, das in dieser Liste verzeichnet ist, hat Symbolkraft für die gesamte Katastrophe von 1362.

In der Folge der Flut, die Rungholt das Verderben brachte, bildete sich zugleich ein offener Meereszugang zur Südwestecke der schleswigschen Geest heraus. Hier entwickelte sich Husum innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem wichtigen Handelsort. Große Teile des von der Flut losgerissenen und aufgewühlten Landes lagerten sich an neuen Stellen ab.

Vor der Geestkante entstand so ein breiter Streifen fruchtbaren Marschbodens, der in den folgenden Jahrhunderten in zahlreichen Eindeichungen gesichert und für die Bewirtschaftung gewonnen wurde. Als weltweit einmaliger Landschaftstypus wuchsen auf der mittelalterlichen, nun verwüsteten Kulturoberfläche - ebenfalls durch Sedimentation - die nordfriesischen Halligen heran. Die gesamte Küste gewann eine neue Gestalt.

Die großen Sturmfluten bilden viel eher als Kriegs- und Herrschaftsdaten die Epochengrenzen der nordfriesischen Geschichte, hebt das Nordfriisk Instituut in diesem Zusammenhang hervor. Das gilt in besonderem Maße für die "Grote Mandränke" von 1362, die "Geburtsstunde des modernen Nordfriesland".

In der nächsten Ausgabe der vom Nordfriisk Instituut herausgegebenen Vierteljahresschrift "Nordfriesland" wird ein Aufsatz von Albert Panten zu dem Thema erscheinen. Die Flutkatastrophe und die bis heute ungebrochene Bedeutung des Küstenschutzes für Nordfriesland sind außerdem Thema eines Film- und Vortragsabends in der vom Institut ausgerichteten Reihe "Husum. Kreisstadt der Nordfriesen" am Freitag, 23. März, von 19 Uhr an im Husumer Kino-Center.