Ein Artikel der Redaktion

Neumünster "Wir waren ein verschworener Haufen"

Von Arne Schmuck | 01.06.2013, 03:59 Uhr

Heute vor zehn Jahren schrieb der VfR mit dem "Wunder von Emden" ein Stück Fußballgeschichte / Petersen erzielte das entscheidende Tor

"Das ist ein historischer Tag. Angesichts unserer bescheidenen Möglichkeiten ist das, was wir hier fabriziert haben, ein Weltwunder." Es war der 1. Juni 2003, als Trainer Bernd Gerulat diesen Satz sagte. Das ist heute auf den Tag genau zehn Jahre her. Kinder, wie die Zeit vergeht, möchte man jetzt denken. Denn es war der Tag, an dem der VfR Neumünster sensationell den Aufstieg in die damals drittklassige Fußball-Regionalliga Nord schaffte. Es war das viel zitierte "Wunder von Emden", das noch heute (nicht nur) in den Reihen der Rasensport-Fans für eine Gänsehaut sorgt.

Erstmals in seiner Historie spielte der Traditionsclub fortan gegen Teams aus dem Westen und Osten der Republik. Diverse Ex- und spätere Bundesligastars sowie mehrere Ex- und spätere Erst- sowie Zweitligisten stellten sich anschließend an der Geerdtsstraße vor: Eintracht Braunschweig, der FC St. Pauli, Dynamo Dresden, der Wuppertaler SV, Rot-Weiß Essen, Preußen Münster der SC Paderborn oder der Chemnitzer FC - um nur einige zu nennen. Und so war der 1. Juni 2003 gleichbedeutend mit dem größten Erfolg des VfR neben dem Aufstieg in die erstklassige Oberliga Nord im Jahr 1955 überhaupt. Gleichzeitig war es einer der größten Triumphe einer Mannschaft in der Geschichte von Sport-Neumünster. Der Courier blickt zurück.

Dass Rasensport den Aufstieg schaffte, war aus zweierlei Gründen eine Riesenüberraschung. Zum einen galt der für die nicht aufstiegsberechtigten Amateure des FC St. Pauli nachgerückte Vizemeister der Oberliga Hamburg/Schleswig-Holstein in den Duellen mit dem Niedersachsen-Titelträger Kickers Emden als krasser Außenseiter. Zum anderen verlor Lila-Weiß am 29. Mai 2003 das Hinspiel gegen die Ostfriesen auf eigenem Platz mit 1:2. Frank Löning, heute Kapitän des Zweitligisten SV Sandhausen, und Torjäger Sergej Zimin trafen für die Gäste, ehe Arne Westphal per Freistoß in allerletzter Minute noch verkürzte. "Wer weiß, was dieser Treffer noch wert sein wird", unkte damals so manch einer unter den 4432 Zuschauern an der Geerdtsstraße. Und tatsächlich sollte Westphals Geniestreich dem VfR den Weg ebnen.

Durch Kai Lass ging Rasensport in Emden nach gut einer halben Stunde in Führung, Stefan Meseberg erhöhte kurz nach dem Wiederbeginn gar auf 2:0 für den Underdog aus Schleswig-Holstein. "Da merkte plötzlich jeder: Hier geht was", erinnert sich VfR-Mittelfeldmann Torsten Petersen an die Partie bei brütender Hitze im Dr.-Helmut-Riedl-Stadion. Jener Petersen, der acht Minuten vor Ablauf der regulären Spielzeit die Lila-Weißen in die Regionalliga schießen sollte.

Ehe der Mann mit dem schütteren Haar sich in den VfR-Geschichtsbüchern verewigen konnte, hatte sein Team eine Schrecksekunde nach der anderen zu überstehen. Denn vor offiziell 4700 Besuchern - Insider gingen von 7000 Fans im proppenvollen Stadion aus - entfachten die Kickers nach dem zweiten Gästetor einen höllischen Druck, sodass sich eines der dramatischsten Spiele entwickelte, das Norddeutschland je gesehen hatte. Der Courier schrieb seinerzeit vom "Herzinfarkt-Fußball". Zwei Mal trafen die Hausherren "Alu", einmal klärte Sven Jahnsen auf der Neumünsteraner Torlinie. Nachdem sich Jahnsen in der 67. Minute wegen groben Foulspiels die Rote Karte des damaligen Bundesliga-Schiedsrichters Matthias Anklam (Hamburg) abgeholt hatte, wurde es aus VfR-Sicht brutal. Binnen fünf Minuten glichen Zimin (73.) und Bernd Gerdes (77.) für Emden zum 2:2 aus. Rasensport war raus. Eigentlich. Denn einer der selten gewordenen Gegenangriffe der "Veilchen" stürzte Ostfriesland in ein Tal der Tränen. In der ihm eigenen staksigen Art setzte sich Sven Beck auf rechts durch und bediente Meseberg, der auf und davon lief. Seine Hereingabe mutierte zur Maßvorlage für Petersen, der im zweiten Versuch zum 2:3 traf und den 400 mitgereisten VfR-Anhängern in der 82. Spielminute endgültig einen Puls jenseits der 200 bescherte. "Ich habe mir diesen Treffer immer wieder bei youtube angeschaut", strahlt "Toto" Petersen noch heute, wenn er auf "das Wunder von Emden" angesprochen wird. Beinahe hätte ausgerechnet er noch für die Wende gesorgt. "Emden hatte in der Nachspielzeit eine Riesenchance, weil ich den Ball im Mittelfeld vertändelte", weiß Petersen, der sich bei seinem Torwart André Friedrichs bedanken konnte, lenkte die Nummer 1 des VfR doch den da raus resultierenden Zimin-Kopfstoß an den Pfosten - das war der Schlussakt eines Spiels, das man einfach miterleben musste, um noch in 30, 40 oder 50 Jahren in voller Inbrunst davon erzählen zu können.

"Es läuft mir noch heute heiß und kalt den Rücken herunter, wenn ich daran denke", verrät der damalige VfR-Coach Gerulat - von Haus aus eher ein emotionsloser Mensch. "Wir waren ein verschworener Haufen, doch niemand hatte mit einem Aufstieg gerechnet. Mich macht das heute noch stolz", erzählt Gerulat. Kurios irgendwie, dass gleich zwei Protagonisten einen Tag vor dem Rückspiel in Emden Geburtstag hatten: Gerulat wurde damals 44, Petersen 30. Das war ein gutes Omen. Bei ihren gestrigen Wiegenfesten dürfte beim Gedanken an "das Wunder von Emden" der eine oder andere Blick in die Ferne geschweift sein. Denn ein Wunder schafft selbst der VfR nicht alle Tage.