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Wer wird Oberbürgermeister? OB-Wahl in Neumünster: Das müssen Sie wissen

Von shz.de | 23.04.2015, 15:35 Uhr

In der viertgrößten Stadt in SH wird am 10. Mai gewählt. Wer sind die Kandidaten? Und wie geht es der Stadt?

Neumünster – die angeblich gefährlichste Stadt Schleswig-Holsteins. Neumünster – die neue Shopping-Metropole des Landes. Die Stadt im Herzen Schleswig-Holstein hat ein ambivalentes Image und sucht einen neuen oder vielleicht auch alten Oberbürgermeister. Am 10. Mai tritt Dr. Olaf Tauras zur Wiederwahl an. Was Sie über die Wahl wissen müssen:

Wer sind die Kandidaten?

Mehr Informationen:

FAQ Neumünster Wahl 2015 Kandidaten

 Olaf Tauras ist seit dem 1. September 2009 Oberbürgermeister von Neumünster. Er tritt am 10. Mai zur Wiederwahl an. Der 47-Jährige gehört keiner Partei an, wird aber von der CDU, den Grünen und der FDP unterstützt.Tauras ist gebürtiger Westfale. Er wuchs in Münster auf, studierte dort Politikwissenschaft, Neuere und Osteuropäische Geschichte sowie Germanistik. 1996 promovierte er mit der Dissertation „Der Ausschuss der Regionen. Institutionalisierte Mitwirkung der Regionen in der EU“.Die Karriere führte Tauras in den Norden. Nach Stationen bei SNetLine in Kiel und hamburg.de wurde er 2002 Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur Neumünster.Tauras ist verheiratet, lebt aber getrennt von seiner Frau in Gadeland.

 Elke Christina Roeder ist die größte Herausforderin von Amtsinhaber Olaf Tauras. Sie ist neu in Neumünster. Von 2006 bis Ende Oktober 2014 war die 47-Jährige Bürgermeisterin im niedersächsischen Bad Pyrmont. Ihre Wahl als – damals parteilose – Kandidatin der SPD  im konservativen Bad Pyrmont sei eine Sensation gewesen, sagt die gelernte Bankkauffrau und Juristin selbst. Erst während ihrer Amtszeit trat sie 2011 in die SPD ein.Wie kam Roeder nach Neumünster? Im Mai 2014 verfehlte sie die Wiederwahl in Bad Pyrmont. Da fragte SPD-Landeschef Ralf Stegner persönlich an, ob sie nicht nach Neumünster kommen wolle. Nach einer Bedenkzeit sagte sie Ende Juli zu.Roeder wurde in Sim­mern im Huns­rück (Rheinland-Pfalz) gebo­ren. Aufgewachsen ist sie in Wentorf bei Hamburg. Erste Eindrücke von Neumünster hat sie gesammelt: Sie staunt, wie grün die Stadt ist. Neumünster habe Potenzial. Die Böcklersiedlung  sei ein „tolles Beispiel für Stadtentwicklung“.Mittlerweile wohnt Roeder in Neumünster in der Gartenstadt. Ihr Mann kommt nicht mit. „Aber das war er auch nicht in Bad Pyrmont oder in meiner Londoner Zeit für RWE“, sagte Elke Christina Roeder.

 Der AfD-Kandidat ist 41 Jahre alt, verheiratet und Vater von vier Kindern. Schmidt ist der Neffe vom jüngst verstorbenen Stadtpräsidenten Friedrich-Wilhelm Strohdiek und in Neumünster geboren. Er wohnt in Scharbeutz und war 2013 Bundestagskandidat im Wahlkreis Ostholstein, wo er sich auch als Kreissprecher und stellvertretender Landessprecher der AfD Schleswig-Holstein engagiert.Beruflich war Schmidt, der nach einer Bäckerlehre Betriebswirtschaft und Multimediamanagement studierte, nach eigenen Angaben als Vertriebsdirektor namhafter deutscher Unternehmen tätig. „Wir sind keine Protest-, sondern eine Verantwortungspartei“, sagt Schmidt und sieht sich und die AfD „als Alternative zu den Verkrustungen der Altparteien, zu Steuerverschwendung und Bürgerferne“. Auch in Neumünster gebe es politische Rituale, eingefahrene Gleise und Denkverbote. „Wir wollen diese aufbrechen“, so Schmidt, der seine vermeintliche Außenseiterchance nutzen will.Bei der Bundestags- und Europawahl erreichte die AfD mit knapp 5 und mehr als 7 Prozent in Neumünster jeweils Spitzenwerte.

 Mark Proch sitzt seit 2013 für die NPD im Stadtrat Neumünster. Bei den Kommunalwahlen vor zwei Jahren hatte die NPD erstmals einen Sitz im Rat erobert. 408 Neumünsteraner hatten für die Rechtspartei gestimmt. Außerdem ist er stellvertretender Kreisverbandsvorsitzender in Neumünster-Segeberg.Proch ist als Wortführer aber vor allem auf der Straße aktiv. Er versucht, die Pegida-Proteste nach Schleswig-Holstein zu bringen. Als Administrator betreut er den größten Ableger auf Facebook: „Shegida – Schleswig-Holsteiner gegen die Islamisierung des Abendlandes.“Proch wurde 1965 geboren, ist verheiratet und hat ein Kind.Da die NPD mit Proch bereits in der Ratsversammlung vertreten ist, muss der Neumünsteraner im Gegensatz zu anderen Einzelkandidaten keine Unterstützungsunterschriften für seine Kandidatur beibringen.Schon im Vorfeld der Wahl sorgt Proch für Aufsehen. Nicht bei einem Wahlkampfauftritt in Neumünster, sondern auf Facebook. Lesen Sie, wie das Netz den NPD-Kandidaten für Neumünster vorführt.

Gewählt ist, wer  mehr als die Hälfte der abgegebenen gültigen Stimmen auf sich vereint – und sei es auch nur eine Stimme mehr als der Konkurrent oder die Konkurrentin. Gibt es am 10. Mai keinen Sieger oder keine Siegerin, findet am 31. Mai eine Stichwahl zwischen den beiden stärksten Bewerbern statt.

Facebook, Twitter & Co

Neumünster: Der OB-Wahlkampf im Internet

Meinung – Thorsten Geil
Wahlkampf findet längst nicht mehr nur auf der Straße statt. Im Vorfeld der Oberbürgermeister-Wahl sind die vier Kandidaten zwar alle im Internet zu finden, aber in der Intensität ist sehr deutlich eine Zweiklassengesellschaft zu erkennen. Nur Dr. Olaf Tauras und Elke Christina Roeder spielen auf der Klaviatur des Netzes und nutzen zumindest einige der Möglichkeiten.

Elke Christina Roeder



Die SPD-Kandidatin hat eine eigene Internetseite (www.elke-christina-roeder.de), die regelmäßig aktualisiert wird. Neben ihrem ausführlichen Lebenslauf setzt sie ihre politischen Schwerpunkte unter den Überschriften Mehr Familie, Mehr Bildung, Mehr Arbeit, In guter Nachbarschaft, und natürlich weist sie auf ihre Termine hin. Roeder transportiert hier ihre Inhalte und setzt auch Links zu Medienberichten über sich und die SPD. Prominent platziert ist ein Kontaktformular, über das man ihr eine E-Mail schreiben kann. Private Angaben sucht man vergeblich; nicht einmal über ihren Familienstand gibt sie Auskunft.

Im sozialen Netzwerk Facebook hat sie eine Fan-Seite. Dort berichtet sie mehrmals täglich über ihre Termine. Ihre Berichte werden regelmäßig von anderen Usern gelobt und „geliked“; viele davon kennt man als Sozialdemokraten.

Ihr „Mann fürs Grobe“ scheint bei Facebook „Sven Rotmütz“ zu sein. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich ein Blogger mit Ortskenntnissen, der (oft mit Augenzwinkern) gegen andere Parteien und Olaf Tauras stänkert. Dessen Beiträge teilt Elke Christina Roeder regelmäßig auf ihrer Seite. Kritische Kommentare von anderen Teilnehmern finden sich so gut wie nicht. Roeders Fanseite hat 1216 Fans.

Dr. Olaf Tauras



Auf seiner Homepage (www.tauras.de) gibt der Amtsinhaber regelmäßig Neuigkeiten bekannt, hauptsächlich von seinen Terminen. In der Rubrik „Über mich“ erfährt man seinen Lebenslauf und etwas über sein Verhältnis zu Neumünster. Außerdem erfährt der Nutzer, dass Tauras verheiratet ist und getrennt von seiner Frau in Gadeland lebt.

Tauras stellt sein Wahlprogramm in voller Länge zur Verfügung (auch in türkischer Sprache) und bietet zu jeder Zwischenüberschrift ein Frageformular an. Einige der Fragen hat er (samt Antwort) auch veröffentlicht.

Diverse bekannte Unterstützer geben in einer Rubrik ihre Statements zu Tauras ab, und natürlich kann man die nächsten Termine des Oberbürgermeisters abfragen.

Im sozialen Netzwerk Facebook berichtet er mehrfach täglich von seinen Terminen und stellt auch Fotos dazu ins Netz. Die meisten Kommentare anderer Nutzer sind positiv. Wenn negative Äußerungen kommen, antwortet Tauras zum Teil direkt. Er hat 1112 Fans.

Beim Kurznachrichtendienst Twitter ist Tauras ebenfalls unterwegs. Seit Jahren ist er angemeldet, hatte den Account aber kaum genutzt. Seit er Wahlkampf betreibt, ist er dort aber recht aktiv geworden. Mehrmals täglich postet Tauras dort, was ihm tagsüber so passiert; meist stecken aber lediglich automatisierte Links zu seiner Facebook-Seite dahinter. Ihm folgen dort 106 andere Twitterer. Auch im Netzwerk Xing hat er ein Profil (seit 2005) mit 543 Kontakten.

Sven Schmidt

Der Kandidat der Alternative für Deutschland (AFD) hat offenbar keine Internetseite. In seinem Facebook-Profil passiert auch nicht allzu viel. Der letzte Eintrag stammt von November 2014. Bei Twitter ist er unter dem Namen „Scharbeutzer“ angemeldet, hat aber erst fünf Beiträge verfasst. Ihm folgen acht Personen.

Mark Michael Proch

Der Kandidat der NPD, Mark Michael Proch, hat offenbar keine eigene Homepage. Auf seiner Facebook-Seite teilt er Berichte der NPD sowie anderer Rechtsradikaler, die beispielsweise gegen Flüchtlinge hetzen.
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Wie läuft der Wahlkampf in Neumünster?

Der Wahlkampf in der Stadt läuft schleppend. Die Wahlbenachrichtigungskarten sind zwar schon verschickt, ansonsten deutet aber nicht viel auf eine Wahl hin. Der Grund: Es gibt kaum Streitthemen. Die Kandidaten von AfD und NPD verfolgen ihre ideologischen Ansichten. SPD-Kandidatin Elke Christina Roeder und Amtsinhaber Olaf Tauras suchen aber nicht die Konfrontation. Ab und zu unterstützt Parteiprominenz die Neumünsteraner. Am Mittwochabend kam sogar SPD-Parteichef Sigmar Gabriel in die Schwalestadt – allerdings nur zu einem internen Parteitreffen.

Sigmar Gabriel in Neumünster

Ein Späßchen mit dem Vizekanzler

Meinung – Christian Lipovsek
Anneliese Welebny (88, rechts) ging gerade auf dem Kantplatz spazieren, als gestern Nachmittag plötzlich ein schwarzer Wagen hielt, Sigmar Gabriel (SPD, links) ausstieg und sie in ein kurzes Gespräch verwickelte. Der Vizekanzler und Wirtschaftsminister löste ein Versprechen ein und besuchte mit SPD-Landeschef Ralf Stegner (2. von links) und der Landtagsabgeordneten Kirsten Eickhoff-Weber (rechts) die SPD-Oberbürgermeister-Kandidatin Elke Christina Roeder (Mitte). Er informierte sich über die Erfolge des Bundes-Städtebauprogramms in der Böcklersiedlung. Mehr über die rund 90-minütige Stippvisite lesen Sie im Courier am Freitag.
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Bereits am Dienstag war Sachsens AfD-Vorsitzende Frauke Petry zu Gast im Norden.

OB-Wahlkampf

AfD-Kandidat Sven Schmidt will Bürger beteiligen

Meinung – Sabine Voiges
Die Alternative für Deutschland (AfD) startet in den OB-Wahlkampf. Rund 50 Besucher wollten den Oberbürgermeisterkandidaten der blauen Partei, Sven Schmidt, am Dienstagabend bei einer Wahlveranstaltung im Kiek In kennenlernen. Der Kandidat hatte sich dazu prominente Unterstützung geholt. Die AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry nutzte das Forum, um aufzulisten, was aus ihrer Sicht in der bundesdeutschen und europäischen Politik alles schief läuft.

AfD-Kreisvorsitzender Jannick Joost stimmte die Besucher auf den Kandidaten ein: Neumünster werde seit sechs Jahren „von einem blassen Technokraten“ regiert, dem es nicht gelungen sei, die Herzen der Bürger zu gewinnen, wetterte Joost gegen OB Dr. Olaf Tauras. Sven Schmidt selbst verzichtete weitgehend auf persönliche Angriffe und stellte sich stattdessen als kompetenter Amtsnachfolger vor: „Bitte trauen Sie mir zu, dass ich weiß, wie man eine Verwaltung von der Größe Neumünsters führt“, warb der studierte Betriebswirt und Vater von vier Kindern um Vertrauen. Aus „Sorge um die Demokratie“ habe er sich der Politik zugewandt, bekannte der gebürtige Neumünsteraner, ein Neffe des verstorbenen Stadtpräsidenten Friedrich-Wilhelm Strohdiek.

„Mehr Demokratie“ steht für Schmidt ganz oben auf der Agenda. Für den Fall seines Wahlsieges verspricht er einen „Tag der Bürgerentscheide“ und regelmäßige Bürgerbefragungen via Internet. „Neumünster als Modell für die demokratische Stadt wäre ein Gewinn für Neumünster und für das Ansehen der Stadt im ganzen Land“, sagte Schmidt.

Viel Raum widmete der Kandidat der Stadtplanung und Verkehrspolitik: „Ich möchte, dass auf dem Großflecken zukünftig in jede Richtung zwei Fahrspuren zur Verfügung stehen. Ich möchte, dass die Straßenführung der eines belebten Boulevards entspricht“, sagte der Kandidat und warb für ein kostenfreies Parkhaus auf dem Waschpohl sowie ein digitales Parkleitsystem.

Ebenfalls engagieren will sich der Bewerber der AfD auch für einen Masterplan zur Sanierung der Schulen und öffentlichen Gebäude. Außerdem sei, so Schmidt, die Ansiedlung neuer Firmen und der Erhalt bestehender Betriebe für ihn „ganz klar Chefsache“. Dafür gab es im Publikum einhelligen Applaus.

Schließlich gab es doch noch eine Spitze gegen Amtsinhaber Tauras: „Ich vermisse den empörten Aufschrei des Oberbürgermeisters, wenn das Land Polizeistellen streichen will“, hielt Schmidt seinem Kontrahenten vor.

Frauke Petry geißelte unter anderem die Familienpolitik des Bundes: Vielen Eltern werde durch die ständigen Diskussionen um Zulagen für Familien das Gefühl vermittelt, sie lägen dem Staat auf der Tasche, kritisierte die AfD-Chefin. Seit Jahren würden Familien steuerrechtlich benachteiligt und zum Beispiel im Hinblick auf die Kita-Pflicht bevormundet. „Man muss den Eltern ihr Einkommen lassen und ihnen ebenso die Freiheit der eigenen Entscheidung zugestehen“, sagte sie.
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Wer darf wählen?

Derzeit sind 64.230 Wahlberechtigte aufgerufen, am 10. Mai  über den neuen Chef der Stadtverwaltung zu entscheiden. Wahlberechtigt sind alle Neumünsteraner und EU-Bürger  ab 16 Jahren, die mindestens seit dem 29. März ihren Erstwohnsitz in der Stadt haben.

Wie geht es der viertgrößten Stadt Schleswig-Holsteins?

Neumünster brachte man viele Jahre nicht mit Begriffen wie Aufschwung und Modernität in Verbindung. Das scheint sich geändert zu haben. „Es ist eine ganz neue Dynamik in die Stadt gekommen“, bestätigt der frühere Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für Neumünster, Rainer Bock, Ende 2014 im Interview mit dem Holsteinischen Courier. Das Designer-Outlet-Center (DOC) zieht Massen von Menschen in die Stadt. Im Herbst soll in der Innenstadt mit der Holsten-Galerie ein ganz neues Einkaufszentrum eröffnen. „Es ist ein regelrechter Einkaufstourismus entstanden“, sagt Bock. Ein neues Gewerbegebiet an der A7 könnte sich zu einem wirtschaftlichen Pluspunkt der Region entwickeln.

Bei der Unterbringung von Flüchtlingen spielt Neumünster eine entscheidende Rolle in Schleswig-Holstein. Nach Asylantragstellung müssen die Asylsuchenden bis zu drei Monate in der Erstaufnahmeeinrichtung am Haart in Neumünster wohnen. Seit Kurzem gibt es eine Außenstelle der Erstaufnahmeeinrichtung im benachbarten Boostedt im Kreis Segeberg.

Neumünster ist die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsbelastung in Schleswig-Holstein. Allerdings muss man die auf den ersten Blick erschreckenden Zahlen etwas relativieren: Die Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber verfälscht die Kriminalstatistik. Fast 4000 der 13.100 Fälle sind Verstöße gegen das Asylverfahrensgesetz. Wenn ein Flüchtling unerlaubt die Stadtgrenzen überschreitet und dabei erwischt wird, zählt das als Straftat und geht in die Statistik (von Neumünster) ein. Mit den steigenden Flüchtlingszahlen stieg auch die Zahl dieser Asylvergehen rapide – 2013 waren es noch 2175 derartige Delikte gewesen.

Kriminalität

Asylvergehen verfälschen die Statistik

Meinung – Rolf Ziehm
Die Zahl der Straftaten ist im vergangenen um mehr als 11 Prozent auf knapp 13  100 gestiegen. Neumünster bleibt damit die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsbelastung in Schleswig-Holstein. Allerdings muss man die auf den ersten Blick erschreckenden Zahlen etwas relativieren: Die Zentrale Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber am Haart verfälscht die Kriminalstatistik, die gestern in der Polizeidirektion vorgestellt wurde.

Fast 4000 der 13 100 Fälle sind Verstöße gegen das Asylverfahrensgesetz. Wenn ein Flüchtling unerlaubt die Stadtgrenzen überschreitet und dabei erwischt wird, zählt das als Straftat und geht in die Statistik (von Neumünster) ein. Mit den steigenden Flüchtlingszahlen stieg auch die Zahl dieser Asylvergehen rapide – 2013 waren es noch 2175 derartige Delikte gewesen.

„Rechnet man diese Fälle heraus, ging die Kriminalität sogar um 4 Prozent zurück“, sagte Juliane Bohrer. Die Kriminalrätin und studierte Kriminologin leitet seit Anfang Oktober 2014 die Kriminalpolizeistelle Neumünster.

Da die Asylunterkunft am Haart in Ruthenberg liegt, erscheint dieser Stadtteil tiefrot als Kriminalitätsschwerpunkt der Stadt. Allerdings hatte die Polizei hier im gesamten Jahr 2014 ganze 24 Ladendiebstähle zu bearbeiten. „Das ist eine verschwindend geringe Zahl“, sagte Juliane Bohrer. Ein gewisser Anteil an Ladendiebstählen kann durchaus den Bewohnern der Unterkunft zugeordnet werden. Aber bei rund 7500 Flüchtlingen, die im vergangenen Jahr die Unterkunft durchliefen, fallen die 57 Ladendiebstähle nicht aus dem Rahmen der allgemeinen Kriminalität heraus.

Die Innenstadt ist mit mehr als 2000 Taten ein Schwerpunkt der Kriminalität. Allerdings bestimmen auch hier „Schwarzfahrer“ (260 Fälle), 200 Fahrrad- und 170 Ladendiebstähle das Bild.

Bei den Wohnungsaufbrüchen gab es einen leichten Rückgang, den die Polizei auf eine gute Ermittlungsarbeit zurückführt. Die Zahl bleibt mit 272 aber hoch, die Aufklärungsquote mit 12 Prozent niedrig. Noch schwächer ist die Quote bei den Fahrraddiebstählen, doch auch hier gab es einen deutlichen Rückgang unter die 1000er-Marke. Schon 2013 wurde eine Tätergruppe dingfest gemacht, der man erwerbsmäßigen Diebstahl in großem Umfang vorwirft.

Bei den Sachbeschädigungen verzeichnet die Statistik einen Zuwachs um 18 Prozent auf fast 860 Taten. „Das führen wir auf eine Jugendgruppierung zurück, die uns seit August beschäftigt hat“, sagte die Kripo-Chefin. Spektakulärster Fall waren der Einbruch und Vandalismus in der Vicelinkirche (der Couirier berichtete). Seit Jahresbeginn ist aber Ruhe. „Die Zusammenarbeit mit dem Allgemeinen sozialen Dienst der Stadt hat gefruchtet“, so Bohrer.

Auch eine versuchte Tötung steht in der Kriminalstatistik 2014: Innerhalb einer Gruppe heranwachsender Intensivtäter versuchte ein junger Mann, nach einem Streit seinen Kontrahenten mit dem Auto zu überfahren.

Einen Schwerpunkt setzte die Kripo bei der Rauschgiftkriminalität. Die ist ein so genanntes Kontrolldelikt: Die Fälle steigen mit der Dichte der Kontrollen. „Wir hellen das Dunkelfeld auf“, sagte Juliane Bohrer. Das will auch das Landeskriminalamt mit einer neuen Studie. 2000 Neumünsteraner wurden im März gebeten, in einem anonymisierten Fragebogen ihre Erfahrungen mit Kriminalität zu schildern.

Opfer werden auch die Ordnungshüter selbst. 2014 gab es 58 Fälle von Gewalt gegen Polizeibeamte. Direktionschef Bernd Lohse: „Das ist wohl ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen.“ Autorität werde nicht mehr wahrgenommen und akzeptiert. Leidtragende sind nicht nur Polizisten, sondern auch Rettungskräfte wie die Feuerwehr.

STATISTIK 2014:

Die fast 13100 Straftaten gliedern sich in:

 -Einfacher Diebstahl: 1770 Fälle (13,5 Prozent Anteil).

 -Schwerer Diebstahl: 2280 (17,4 Prozent).

 -Rohheitsdelikte: 1485 (11,4 Prozent).

 -Sexualdelikte: 67 (0,5 Prozent).

 -Vermögens- und Fälschungsdelikte: 1490 (11,4 Prozent).

 -Sachbeschädigungen: 730 (5,6 Prozent).

 -Rauschgiftdelikte: 380 (2,9 Prozent).

 -Sonstige Fälle: 4850 (37,1 Prozent), davon 4000 Fälle wegen Verstoßes gegen das Asylverfahrensgesetz.





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