Ein Artikel der Redaktion

Aukrug Bei Frau Kahl gab es 61 Jahre lang alles

Von kea | 18.04.2009, 04:59 Uhr

Es ist aus der Aukruger Geschäftswelt kaum wegzudenken. Dennoch: Das Geschäft "Fritz Kahl" schließt nach sechs Jahrzehnten seine Türen.

Viele der Regale sind halb leer, einzelne Artikel ausverkauft. Doch noch ist Maria Kahl zur Stelle, wenn die Türglocke einen Kunden ankündigt, der sich von den "Alles um 50 % reduziert"-Schildern im Schaufenster hat anlocken lassen oder der zu den alten Stammkunden des Aukruger Eisen- und Haushaltswarengeschäfts gehört.

"Wir hatten viele nette, gute Kunden", meint Maria Kahl. Einer davon steckt gerade den Kopf zur Tür herein: "Frau Kahl, haben sie noch diese Abdeckplanen?" Doch die alte Dame muss abwinken: "Die sind schon alle weg." Eine für den Aukruger gewöhnungsbedürftige bis unbegreifliche Aussage aus dem Mund von Maria Kahl. Denn ganz Aukrug weiß: "Bei Frau Kahl kriegt man alles." Schrauben, Blumentöpfe, Mausefallen, Geschirr, Handrührgeräte, Hausschuhe, Tee, Besteck, Glühbirnen, Handtaschen, Schmuck, Silikon, Vasen, Klebeband, Gummistiefel, Einweckgläser, Farben und Pinsel, Töpfe und Kaffeemaschinen waren 61 Jahre lang in dem niedrigen weißen Haus an der Innier Hauptstraße mit System angeordnet.

"Fritz Kahl", so heißt das Geschäft noch immer. Auch wenn inzwischen seit 25 Jahren Maria Kahl hinter dem Ladentisch steht. Ihr Schwiegervater Fritz Kahl hatte seinen Laden 1931 im ostpreußischen Gerdauen gegründet und ihn zusammen mit seinem Sohn Bruno 1948 im Aukrug wieder eröffnet. Später kam zu den Eisen-und Gebrauchtwaren noch die Schuhabteilung hinzu. Mehrmals wurden die Räume erweitert. Auch die aus dem niederländischen Rotterdam stammende Maria Kahl verschlug der Weltkrieg in den Aukrug. Sie kam als Rot-Kreuz-Helferin, heiratete Bruno Kahl und führte mit ihm zusammen und - nach seinem plötzlichen Tod - ab 1984 allein das Geschäft. "Wir wurden gut aufgenommen, obwohl wir alle fremd hier waren", erinnert sich die 82-Jährige, "Aukrug war immer wie ein Zuhause für mich." Mit ihren Kunden habe sie sich stets gut unterhalten und bei deren Berichten mitgelitten oder sich mit gefreut.

Erneut ertönt die Türglocke. "Frau Kahl, haben Sie noch Packnägel?" Die gibt es noch, und bei Kahls muss man keine Hunderterpackung davon kaufen, sondern bekommt die Menge, die man braucht, abgezählt oder abgewogen. "Bei uns heißt es immer, ,ich muss noch mal eben zu Frau Kahl, wenn irgendetwas fehlt", das werde sie vermissen, sagt Dörte Überück.

"Ja, jetzt jammern sie alle", meint Maria Kahl dazu, tatsächlich aber müsse der Laden schließen, weil er sich nicht mehr trage. "Meine Tochter hätte das Geschäft sonst übernommen", und sie selbst hätte auch noch weitermachen können. "Heute fahren die jungen Leute zur Arbeit in die Stadt und nehmen von da mit, was sie brauchen", sagt Maria Kahl, ohne Missbilligung. Ihr Laden sei eben besser gelaufen, als "alles noch nicht so mobil" war.

Was mit den Geschäftsräumen geschehe, wisse sie noch nicht, und auch nicht, was sie selbst in Zukunft vor hat. "Ich lasse erst einmal alles auf mich zukommen", so Maria Kahl. Der Gewohnheit "noch mal schnell bei Frau Kahl vorbeizuschauen" , können die Aukruger noch bis Ende April nachgehen - auch wenn es dort jetzt nicht mehr alles gibt.