Intensivstation : Zurück ins Leben

Komplexe Technik, intensive Betreuung: Chefarzt Dr. Nils Haake und der Leitende Oberarzt Michael von der Brelie (links) verschaffen sich einen Überblick über die Genesung eines Patienten.
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Komplexe Technik, intensive Betreuung: Chefarzt Dr. Nils Haake und der Leitende Oberarzt Michael von der Brelie (links) verschaffen sich einen Überblick über die Genesung eines Patienten.

Auf der Intensivstation der Imland-Klinik kümmern sich 22 Ärzte und 80 Pflegekräfte um das Wohl schwerkranker Patienten.

shz.de von
28. Januar 2018, 19:11 Uhr

An der Schwelle zwischen Leben und Tod ist kein Aufwand zu groß. Medizinische Geräte überwachen jede Regung der Patienten, über Schläuche werden sie mit Sauerstoff, Nahrung und Medikamenten versorgt, Bildschirme bilden Lungenfunktion, Herzschlag und Atemfrequenz ab. Keine Krankenhaus-Abteilung wird so stark mit der Apparatemedizin in Verbindung gebracht wie die Intensivstation. Und doch hängt auch hier alles vom Faktor Mensch ab. 22 Ärzte und 80 Pflegekräfte kümmern sich um maximal 28 Patienten. Die Mitarbeiter sorgen dafür, dass jeder Erkrankte rund um die Uhr die Behandlung bekommt, die er benötigt. Sie sind Ansprechpartner für die Angehörigen, sprechen Mut zu – und Trost. „Seelsorge ist ein wichtiger Teil der Intensivmedizin“, sagt Chefarzt Dr. Nils Haake, „wer hier nur die technische Seite sieht, ist bei uns falsch.“

Haake und seine Mitarbeiter behandeln pro Jahr 2000 Patienten. Jeder einzelne ist in einer lebensgefährlichen Situation. Drei Viertel der Patienten kommen nach einem medizinischen Notfall auf die Station, zum Beispiel nach einem Herzinfarkt. Dabei gilt: Die Betroffenen werden zunächst in die zentrale Notaufnahme gebracht, anschließend versorgt sie die zuständige Fachabteilung (bei einem Infarkt ist das Herzkatheterlabor zuständig), dann folgt die Verlegung auf die Intensivstation. In 25 Prozent der Fälle ist der Aufenthalt auf der Intensivstation geplant, zum Beispiel nach einer schwerwiegenden und für den Patienten belastenden Operation.

„Wir wollen innerhalb weniger Stunden eine Stabilisierung erreichen“, sagt Haake. Dabei ist es entscheidend, die Funktion eines jeden Organs im Blick zu haben, damit ein medizinisches Problem nicht außer Kontrolle gerät. Mehrere Überwachungsgeräte helfen den Medizinern dabei. Denn nach einem Infarkt ist die Gefahr groß, dass weitere Organe wie die Nieren oder die Lungen in Mitleidenschaft gezogen werden. Um das zu verhindern, werden die einzelnen Organe frühzeitig gezielt unterstützt, sei es die Niere durch Dialyse oder die Lungen durch eine Beatmungsmaschine. Letzteres geschieht unter Narkose, um den jeweiligen Patienten nicht in Stress zu versetzen.

Der technische Fortschritt macht es möglich, dass der Körper die exakte Dosis an Hilfe bekommt, die er benötigt. Moderne Beatmungsgeräte registrieren, ob der Patient über die Kraft verfügt, selbstständig zu atmen. Je weniger Kraft er aufbringen kann, umso stärker unterstützt die Maschine. Erholt sich der Patient, reduziert das Gerät schrittweise die Hilfe.

Die Patienten spüren so gut wie nichts von der Behandlung. Die meisten können sich an die Tage auf der Intensivstation nicht oder nur bruchstückhaft erinnern, ganz im Gegensatz zu ihren Angehörigen, die sie am Krankenbett besuchen. Mancher von ihnen tut sich schwer damit, die dort gewonnenen Eindrücke zu verkraften und ein Familienmitglied in dieser Extremsituation zu sehen. „Manche sind regelrecht traumatisiert“, hat Haake erlebt.

Dabei gibt es in den allermeisten Fällen ein glückliches Ende, denn die Erfolgsquote der Intensivstation ist groß. Obwohl die Patienten bei ihrem Eintreffen mit schwersten gesundheitlichen Problemen kämpfen, können Ärzte und Pflegekräfte in 90 Prozent aller Fälle wirksam helfen. Der Aufenthalt kann wenige Tage dauern, aber auch sich über Monate hinziehen, dann werden die Patienten auf eine normale Station verlegt.

Die Quote bedeutet aber auch: Jeder zehnte Patient schafft es nicht und stirbt. Die Gespräche mit den Angehörigen gehören zu den größten Herausforderungen für die Ärzte. Sie erfordern Mitgefühl und Verständnis, aber auch professionelle Distanz. „Es gibt sehr schwere Krebserkrankungen, bei denen wir nur noch dafür sorgen können, dass der Patient nicht an Schmerzen leidet“, erklärt Haake.

Dann müssen die in einer Vorsorgevollmacht genannten Angehörigen mit den Ärzten besprechen, ob der Schwerkranke in dieser Situation eine weitere Intensivtherapie wollen würde. Der Chefarzt: „Das ist dann keine medizinische Frage mehr, sondern eine menschliche.“

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