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Rendsburg-Eckernförde : Zum 50. Geburtstag die Diagnose Alzheimer

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Bei jüngeren Patienten schreitet der Krankheitsverlauf schnell voran. Tod mit 53 Jahren.

von
erstellt am 15.Sep.2015 | 14:00 Uhr

Es ist April 2015, als Ralf Petersen* notiert: „Für mich und Susanne wird es immer schwerer, noch kurze schöne Momente zu erleben“. Eigentlich hatten sie gemeinsam alt werden wollen. Doch „eine grausame Krankheit“, so Petersen, vereitelt diesen Plan. Kurz vor ihrem 50. Geburtstag erhält die lebensfrohe Frau eine Diagnose, die für die Familie kaum fassbar ist: Alzheimer. Vier Jahre lang begleitet Ralf Petersen seine Frau auf ihrem Weg in die Dunkelheit. „Bei jüngeren Menschen ist der Krankheitsverlauf ganz anders als bei älteren“, weiß er. „Es geht wesentlich schneller.“

Und es gibt einen weiteren großen Unterschied zu älteren Erkrankten: Partner Ralf Petersen ist berufstätig, das Paar hat drei Kinder, die noch zu Hause leben. Einkaufen, kochen, Wäsche waschen – und zur Arbeit gehen. „Manchmal habe ich nur noch funktioniert“, erinnert sich der 56-Jährige. Aus dieser Zeit weiß er, wie wichtig es ist, Hilfe anzunehmen, die durch die Alzheimer Gesellschaft und andere Organisationen angeboten wird. Dass es diese Unterstützung gibt, darauf möchte er aufmerksam machen, das ist seine Intention für das Gespräch.

„Die Diagnose war eine richtige Erleichterung. Wir wussten endlich, was los ist“, berichtet er rückblickend. Sicher, es habe Anzeichen gegeben. Susanne Petersen hat einen verantwortungsvollen Beruf, engagiert sich in ihrem Wohnort – einem Dorf im Kreisgebiet – im Gemeinderat und in Vereinen. Doch 2009 bemerkt ihr Ehemann, dass sich seine verlässliche Ehefrau veränderte. „Organisieren und planen klappte nicht mehr.“ Im Job kommt sie nicht mehr zurecht und wird entlassen.

Die ersten Arztbesuche bringen keine Klarheit. Inzwischen gebe es mehrere fachliche Anlaufstellen, sagt Petersen. Die medizinische Gedächtnissprechstunde in Rendsburg ebenso wie die Alzheimer Gesellschaft im Kreis Rendsburg-Eckernförde, die sich 2012 gründete. Doch auch nach der Diagnose „wussten wir nicht, was auf uns zukommt“, offenbart der Mann, der seiner Frau bis zum Ende zur Seite steht. „Sie hat sich erst dagegen gewehrt, wollte es nicht wahrhaben.“

So lange es geht, verbringt das Paar die Zeit gemeinsam: Urlaube, Ausflüge, Spaziergänge. Bekannte und Nachbarn werden nach und nach eingeweiht, als es vorkommt, dass Susanne Petersen Termine vergisst. Gemeinsam reisen sie zu einer Reha. Doch „Therapiemöglichkeiten und Beschäftigungen sind ausgelegt für Rentner-Paare“. Ralf Petersen ist ganztags berufstätig, da bleibt keine Zeit für gemeinsame Brettspiele. Anfangs ist seine Frau nachmittags alleine zu Hause, mit der jüngsten Tochter, die kurz vor der Pubertät steht. Eine schwierige Situation. Die Kinder verkriechen sich. Später ist der Tagesablauf des Ehemanns eng getaktet: „Um fünf Uhr aufstehen, duschen, anziehen, zur Tagespflege bringen, wieder abholen“. Die Entscheidung, einen Platz im Pflegeheim zu suchen, fällt ihm schwer. Aber selbst der kräftige, große Mann kann das Anziehen seiner Frau kaum noch bewältigen. Er kennt die Befürchtungen vieler Angehöriger, einen geliebten Menschen abzuschieben. Aber: „Im Heim ging es ihr besser als zu Hause“, sagt er. Zu Hause weiß sie nicht mehr, wo ist die Küche, wo das Schlafzimmer, sitzt meist still auf dem Sofa. Im Heim gibt es eine intensive Betreuung, gemeinsam wird gesungen. „Das hätte ich ihr zu Hause nie bieten können.“

Susanne Petersen lacht auch wieder. Doch die Talfahrt ist unabwendbar. Die 53-Jährige beginnt, immer mehr Dinge zu verlieren – auch den Ehering. „Sie war eine tolle Frau, sonst hätte ich sie nicht geheiratet“, sagt Petersen. Und fügt an: „Wir haben eine schöne Zeit gehabt.“ Auch wenn sie viel kürzer war als geplant. „Die Krankheit und der Tod haben uns verändert“, sagt er von sich und seinen Kindern. Sie genießen jetzt jeden Tag ganz intensiv.

 

* Mit Rücksicht auf die Angehörigen wurden Namen und Angaben verändert.

 

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