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Landeszeitung

20. August 2017 | 23:08 Uhr

Bredenbek : Zuflucht im fremden Land

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Die Familie Alhariri hat ihr Dorf in Syrien verlassen. Eine der Töchter wurde im Bürgerkrieg von einer Granate getötet. In Bredenbek haben die Eltern und ihre sechs Kinder Zuflucht gefunden.

Das Mädchen kann schon zählen: „Eins, zwei, drei . . .“ Stolz spricht die Vierjährige die Worte auf deutsch aus. Fehlerfrei erreicht Kawthar die Zahl Zehn. Die Eltern lächeln und applaudieren der Kleinen. Alle sehen in diesem Augenblick glücklich aus. Doch auch Trauer belastet die Familie, die seit sechs Wochen in Bredenbek lebt. Samir Alhassan Alhariri ist mit seiner Frau und sechs Kindern aus seiner Heimat Syrien vor dem Blutvergießen geflohen. Zu den Kriegsopfern zählt auch seine zehnjährige Tochter Riham.

Der Tod von Riham liegt rund zwei Jahre zurück. Zu dieser Zeit tobten starke Kämpfe in dem Umland von Damaskus mit dem Dorf Daria, in dem die Familie Alhariri lebte. Es wurde geschossen. Immer wieder mussten Eltern und Kinder bei Angriffen Schutz in einem Bunker suchen. Auch an dem Tag, als seine Tochter starb. Seine Frau Randa Alhussein war nach draußen gelaufen, um noch Windeln für die Kinder einzupacken. Riham folgte der Mutter. „Sie lief vor meiner Frau her, die sie in den Bunker scheuchte, als plötzlich eine Granate explodierte“, erzählt der 41-jährige Vater. Jede Hilfe kam zu spät. „Das war der Moment, als wir entschieden, aus Syrien zu fliehen.“

Zehn Tage später sind sie in den Libanon gegangen. Gemeinsam mit ihren Töchtern Rajaa (12), Rihab (10), Rama (8), Ayat (6) und Kawthar (4) und Sohn Muntaser (3) lebten die Eltern in einer kleinen Mietwohnung in Beirut. Vom Libanon wurde dann durch das Flüchtlingshilfswerk UNHCR die Ausreise organisiert. Über Hannover, das zentrale Aufnahmelager in Neumünster und Rendsburg sind sie nach Bredenbek gekommen. Sie gehören zu den 5000 Flüchtlingen aus Syrien, die Deutschland aufnimmt und denen als sogenannte „Kontigentflüchtlinge“ ein sicherer Neuanfang ermöglicht werden soll.

„Die ersten Schritte in einem fremden Land sind schwer“, weiß Bredenbeks Bürgermeister Bartelt Brouer. Bei ihrer Ankunft wurden den neuen Mitbürgern die Schlüssel für das Einfamilienhaus übergeben, das vom Amt Achterwehr für Flüchtlinge angemietet worden ist. Und dann waren die Eltern und Kinder allein in den ungewohnten Räumen. „Praktische Hilfe im Alltag kann die Verwaltung nicht leisten“, sagt der Bürgermeister. Umso wichtiger sei es daher, dass sich jemand finde, der beim Einkaufen helfe, die Busfahrten zum Üben des Schulwegs begleite oder bei Behördengängen für Rat zur Verfügung stehe. „Es geht darum, nicht nur von Integration zu sprechen, sondern auch eine Willkommenskultur tatsächlich zu schaffen.“

In der Gemeinde Bredenbek stößt Bartelt Brouer mit seinem Appell auf offene Ohren. Seit dem ersten Tag kümmern sich engagierte Menschen um die neuen Nachbarn. Dazu gehören unter anderem Nesrin Hag aus Kronshagen, die sich ehrenamtlich als Dometscherin zur Verfügung stellte sowie Gabi und Wolfgang Keibel, die Spenden wie Kleidung, einen Fernseher und Spielsachen organisierten und bei der dem Verwaltungsmarathon durch Ausländerbehörde, Jobcenter, Amtsstuben und Krankenkassen-Büros geholfen haben.

„Für die große Unterstützung sind wir sehr dankbar“, sagt Randa Alhussein Altersham. Drei ihrer Kinder gehen in Bredenbek zur Grundschule, die älteste Tochter in Rendsburg. Auch der Vater fiebert dem Sprachkursus, der im Juni beginnt, entgegen. Sprache sei wichtig. „Ich möchte die Menschen hier verstehen und auch, dass sie mich verstehen.“ Das heißt: Der Familienvater will endlich – ebenso wie die kleine Kawthar – nicht nur bis zur Zahl Zehn zählen können.

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erstellt am 13.Mai.2014 | 12:48 Uhr

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