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Auerochsen in Aukrug : Wo wilde Ochsen zu Hause sind

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Einmal pro Jahr müssen von allen Rindern Blutproben genommen werden. Für den „Ohrschmuck“ müssen die Kälber betäubt werden.

von
erstellt am 03.Apr.2014 | 06:00 Uhr

Die Auerochsen im Tal der Buckener Au verhalten sich wie eine Herde wild lebender Tiere. Nur Stefan Siemesgelüss, der sie im Winter mit Heu füttert, kommt mit seinem Trecker nah genug an die Herde heran, um den neugeborenen Kälbern die vorgeschriebenen Ohrmarken zu verpassen. Dazu bekommt der vierbeinige Nachwuchs per Blasrohr ein spezielles Beruhigungsmittel für Wiederkäuer injiziert, und wenn das Kälbchen wieder aufwacht, hat es zwei ziemlich große, knallgelbe Marken an den Ohren. „Das ist ein Stück Wildnis in Aukrug“, meint Siemesgelüss, „das ist eine ganz natürliche Herde mit Tieren verschiedener Generationen und beiderlei Geschlechts.“

Um echte Auerochsen handelt es sich bei den Tieren des Vereins für „Extensive Robustrinderhaltung im Naturpark Aukrug“ (Erna) nicht, denn die ursprünglichen Auerochsen wurden vor 500 Jahren ausgerottet. Die Erna-Herde besteht aus sogenannten Heckrindern. „Die Gebrüder Heck waren in den 1920er Jahren Zoodirektoren in Berlin und München“, weiß Siemesgelüss. In jedem Rind steckt zwar noch ein bisschen wilder Auerochse, im Zuge der fortlaufenden Domestikation wurde den Rindern jedoch alles wilde Verhalten weg- und dafür immer mehr Milch- und Fleischfülle angezüchtet.

„Reine Auerochsen kann es nicht wiedergeben“, vermerkt Siemesgelüss, „aber die Gebrüder Heck hatten die Idee, die Leistungsmerkmale wieder wegzuzüchten und die Domestikation umzukehren.“ Das Heckrind sollte wieder wie ein Auerochse leben können. „Es macht keinen Sinn, wenn eine Robustrindkuh 40 Liter Milch am Tag gibt“, sagt Siemesgelüss, „mit so einem großen Euter hätte sie auch Probleme, sich durchs Gelände zu schleppen.“ Der Nachwuchs ist deutlich kleiner als bei den domestizierten Verwandten: „Hier können die Kühe ihre Kälber auch ohne menschliche Helfer zur Welt bringen.“

Dass die beabsichtigte Umkehrung der Domestizierung geklappt hat, zeigt sich für den Aukruger unter anderem am Verhalten der Muttertiere. „Die Kühe sind nach der Geburt sehr vorsichtig und legen ihre Kälber erstmal zwei, drei Tage an einem geschützten Ort ab“, hat Siemesgelüss beobachtet. Die Rangordnung innerhalb der Herde sei ebenfalls überaus spannend. „Es gibt nicht nur eine Leitkuh, es existieren mehrere Familienverbände mit Tieren aus unterschiedlichen Generationen, es gibt einen Kindergarten mit einer Kuh als Aufpasserin, und es gibt Junggesellentrupps.“ Grundsätzlich verhalten sich die Heckrinder wie Fluchttiere: „Sie meiden die Nähe des Menschen.“

Dass sie trotz ihrer Wildheit als Nutztiere gelten, zeigen die Auerochsen nicht nur durch ihre Ohrmarken. „Weil unsere Heckrinder als Haustiere eingestuft sind, müssen wir die Herde einmal im Jahr einfangen, um Blutproben zu nehmen“, berichtet Siemesgelüss. Was immer mit einigem Stress verbunden ist. „Die Tiere sind zwar von ihrem Verhalten her spannend zu beobachten, gleichzeitig aber auch schwierig im Handling.“ Trotz dieser mitunter anstrengenden Einsätze bezeichnet Siemesgelüss das Robustrinder-Projekt von Erna als „win-win-win-Situation“: „Wir haben optimale Landschaftspflege zugunsten der Wiesenbrüter, wir können attraktive Wildtiere präsentieren, und außerdem haben wir noch hochwertiges Fleisch.“

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