Wo der „Schimmelreiter“ entstand

Kunst in der Schulaula: Storm-Buchautor Hartmut Schalke vor dem „Schimmelreiter“-Wandgemälde von Martin Marcus Vollert (2004 eingeweiht).
Kunst in der Schulaula: Storm-Buchautor Hartmut Schalke vor dem „Schimmelreiter“-Wandgemälde von Martin Marcus Vollert (2004 eingeweiht).

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Theodor Storm in Hanerau-Hademarschen / Auf den Spuren des Dichters durch den Ort

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11. Juni 2018, 12:01 Uhr

Vor 130 Jahren, vier Monaten und drei Tagen wurde in Hademarschen ein Stück Weltliteratur vollendet: „Der Schimmelreiter“ – das Meisterwerk, mit dem sich Theodor Storm unsterblich machte. In seiner Villa, die heute an der „Theodor-Storm-Straße“ steht, hat der Dichter zwölf Novellen verfasst, unter anderem auch „John Riew‘“ (1884/85). Am 23. August gibt es auf Gut Hanerau eine Weltpremiere: die Uraufführung der ersten Theaterfassung von „John Riew‘“.

Vom Frühjahr 1880 bis zu einem Tod im Sommer 1888 lebte Theodor Storm in der Gemeinde Hademarschen. Was bewog Storm, nach seiner Pensionierung Husum untreu und stattdessen Wahl-Hademarscher zu werden? „Den ersten Antrieb gab ein angenehmer Ferienaufenthalt hier im Hause des nach mir kommenden Bruders Johannes, des großen Holzhändlers, und der Wunsch meiner Frau, mit dessen Frau, ihrer sehr geliebten Schwester, zusammen das Leben auszuleben“, schrieb er Pfingstsonntag 1880 an seinen Dichterkollegen Paul Heyse. Als ein „schön gelegenes Grundstück“ zum Verkauf steht, schlägt Storm zu, denn ihn überzeugen die Standortvorteile von Hademarschen: „Die sehr anmutige Gegend, dabei die Eisenbahnstation vor der Tür, näher an Kiel und Hamburg als Husum, das viel wohlfeilere Leben für einen Pensionierten etc.“

138 Jahre später begegnet einem Storm in Hanerau-Hademarschen auf Schritt und Tritt. Die Storm-Villa beherbergt heute eine Jugendhilfeeinrichtung. Eine „Schimmelreiter“-Erstausgabe von 1888 und alle weiteren Werke des Dichters findet man in der 2017 aufwändig renovierten Storm-Stube des Heimatmuseums. Drei Häuser weiter Richtung Marktplatz befindet sich das Modehaus Holst: In diesem Gebäude wohnte Storm mit seiner Familie von Frühjahr 1880 bis April 1881, während seine Villa gebaut wurde. Vor dem Bürgerbüro in der Kaiserstraße steht ein Storm-Gedenkstein, der anlässlich des 150. Geburtstags des Dichters im September 1967 aufgestellt wurde. Vor 25 Jahren – am 19.  Mai 1993 – wurde in Hanerau eine Storm-Skulptur des Bildhauers Werner Löwe (Heiligenstadt) eingeweiht, und zwar an einem Lieblingsplatz des Dichters: am Rande des Friedhofs der Herrnhuter Brüdergemeine.

Auf Gut Hanerau war Storm Stammgast, denn Gutsherr Dr. Hans Heinrich Wachs gehörte zu den Gastgebern der „Römischen Abende“: clubartigen Zusammenkünften, bei denen musiziert und über Literatur diskutiert wurde. Als 2013 der 125. Todestag des Dichters und der 125.  Geburtstag des „Schimmelreiters“ begangen wurden, war Gut Hanerau das Zentrum der Feierlichkeiten. Unter dem Motto „Ein Ort spielt seinen Schimmelreiter“ brachte Regisseur Frank Düwel die berühmteste Storm-Novelle auf die Bühne: in der alten Scheune des Gutes Hanerau, mit Hobbyschauspielern und in drei Kapiteln (2013, 2014, 2015). Drei Jahre nach dem Abschluss der „Schimmelreiter“-Theatertrilogie probt Düwels Schauspielensemble erneut. Am 23. August wird nämlich auf Gut Hanerau die Premiere der ersten Theaterfassung von Storms „John Riew‘“ gefeiert. Bis Mitte September folgen weitere elf Aufführungen, für die es nur noch wenige Restkarten gibt (online auf www.shop.mittel-holstein.de). Mit „John Riew‘“ hat Storm seiner Wahlheimat einen bleibenden Platz in der Weltliteratur beschert. Zu Beginn der Novelle nimmt der Erzähler ganz offenkundig sowohl auf Hanerau („Gutshof“) als auch auf Hademarschen („Kirchdorf“) Bezug: „Mein Haus steht auf dem Lande, in einer holzreichen Gegend zwischen einem Kirchdorf und einem kleinen, in breiten Kastanienalleen fast vergrabenen Orte, welcher allmählich um einen Gutshof aufgewachsen ist, von beiden kaum zehn Minuten fern.“

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