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Germanen-Siedlung gefunden : Wissenschaftler unter Zeitdruck

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Archäologen entdeckten an Trasse für neue Erdgas-Leitung eine Germanen-Siedlung. In vier Wochen rücken aber schon die Pipeline-Bauarbeiter an.

shz.de von
erstellt am 26.Feb.2014 | 16:15 Uhr

Zwischen Fockbek und der deutsch-dänischen Grenze will der Fernleitungsbetreiber Gasunie Deutschland auf 64 Kilometern Länge eine neue Gaspipeline verlegen. Kosten: 180 Millionen Euro. Doch zunächst sind die Archäologen gefordert. Sie haben im Bereich der Trasse bei Owschlag 80 historische Landschaftsräume und Siedlungsplätze entdeckt. Noch vier Wochen haben die Wissenschaftler für ihre Grabungen Zeit. Dann rücken die Pipeline-Bauarbeiter an.

Doch schon jetzt hat sich die Arbeit für die Archäologen gelohnt. Den bedeutendsten Fund, eine Siedlung aus der römischen Kaiserzeit, entdeckten sie in Sorgwohld in der Gemeinde Owschlag (wir berichteten). Die Mitarbeiter des Archäologischen Landesamtes in Schleswig sind von den gut erhaltenen Hofstrukturen aus dem 1. bis 2. Jahrhundert nach Christus begeistert. Die Wissenschaftler müssen jetzt allerdings Feuerschutzkleidung tragen, weil ihr Arbeitsplatz direkt an eine bestehende Gaspipeline grenzt.

„Solche Trassen bringen uns Archäologen immer wieder Glückstreffer“, stellte Dr. Martin Segschneider, Gebietsdezernent des Archäologischen Landesamtes, fest. „Wir stoßen so auf Fundstellen, die wir sonst nicht entdeckt hätten. Da hilft uns Kommissar Zufall.“ Bei Voruntersuchungen und der Hauptuntersuchung im vergangenen Herbst waren eine Siedlungsstelle mit Resten eines Wohnstallgebäudes, Kohlemeiler und Brennöfen zur Eisenherstellung gefunden worden. Bisher habe der Geestrücken als ziemlich siedlungsfrei gegolten. Sorgwohld als Ansiedlung war bisher nicht bekannt. Ein solches kleines komplettes Gehöft wie in Owschlag sei bisher in Schleswig-Holstein erst einmal in der Nähe von Schuby entdeckt worden, machte Segschneider die Bedeutung des Fundes deutlich. „Der Siedlungstyp ist bisher unbekannt – archäologisches Neuland.“

Aktuell haben Archäologin Veronika Klems und ihre Mitarbeiter inzwischen einen neuen vollständigen Hausgrundriss sowie weitere Holzkohlemeiler und einen Brennfeuerofen freigelegt. Die damaligen Siedler, die zu den Germanen zu zählen sind, haben Eichenholz in Meilern zu Holzkohle gemacht. Damit heizten sie ihre Brennöfen, in denen sie Eisen herstellten. „Das Raseneisenerz dafür fanden sie ganz in der Nähe“, erklärte die Archäologin. Aus dem gewonnene Eisen seien Werkzeuge und Waffen geschmiedet worden.

Insgesamt habe man bisher mindestens sechs Gebäude gefunden, fasste Segschneider die Grabung in Sorgwohld zusammen. Die Siedlungsstelle soll weiter untersucht werden. Geplant ist, in östlicher Richtung geomagnetische Untersuchungen vorzunehmen. „Die Brennöfen zur Eisenverhüttung und die Meiler können wir damit finden, ohne zu graben.“

In Fockbek und in Ellund sind die Erdarbeiten zur Verlegung der Pipeline seit wenigen Tagen in vollem Gang. Auf einer Breite von 28 Metern wird der Mutterboden abgebaggert. Die Trasse verläuft größtenteils parallel zu einer bestehenden Pipeline, der „Deudan“. Diese war vor 40 Jahren verlegt worden, um Erdgas aus Dänemark nach Deutschland zu leiten. „Die Dimension der Pipeline reicht heute nicht mehr“, erklärte Philipp von Bergmann-Korn von der Gasunie. Und weil die Gaslieferungen aus Dänemark stark rückläufig seien, werde in Zukunft Gas von Süd nach Nord transportiert, zum Beispiel von Russland über Deutschland nach Dänemark und Schweden. Dazu benötige man eine neue Pipeline, die einen Durchmesser von 90 Zentimetern haben wird. „Der Druck des Erdgases in der Leitung wird bei 84 bar liegen“, erklärte von Bergmann-Korn. (Zum Vergleich: Ein Autoreifen wird mit zwei bis drei bar aufgepumpt.)

Nachdem Knicks geöffnet wurden und der Mutterboden abgetragen ist, wird der Rohrgraben für die Pipeline ausgehoben. Diese wird in einem Meter Tiefe verlegt. Dazu werden 18 Meter lange und 6,5 Tonnen schwere Rohre verschweißt. 3600 Pipelinestücke sind dafür bei Eggebek gelagert. Dann werden die Gräben aufgefüllt und der Mutterboden aufgebracht, damit die Flächen wieder landwirtschaftlich genutzt werden können. Im Dezember soll die Pipeline fertig sein.

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