zur Navigation springen

Rendsburg : „Wir sind kein Wegsperrdienst“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Sozialpsychiatrischer Dienst half im vergangenen Jahr 1200 Menschen. 350 Patienten wurden in geschlossene Einrichtungen eingewiesen.

shz.de von
erstellt am 15.Apr.2016 | 09:55 Uhr

Angstzustände, Wahnvorstellungen, Drogensucht – der sozialpsychiatrische Dienst des Kreises kommt zum Einsatz, wenn Menschen nicht mehr weiter wissen. Im vergangenen Jahr genau 1171 Mal. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Imland-Klinik, Dr. Uwe Niehus, ist ärztlicher Leiter des Kreis-Krisendienstes. Mit der Landeszeitung sprach er über seine Arbeit.

Jährlich suchen rund 1000 Menschen Hilfe beim Krisendienst – sind das alles Verrückte?

Nein, es handelt sich nicht nur um Patienten, die eine psychische Erkrankung haben. Unser Name setzt sich aus zwei Begriffen zusammen: sozial und psychiatrisch. Es geht also um Menschen, die in sozialer oder psychischer Hinsicht oder aus der Kombination von beiden in schwierige Lebenslagen geraten sind.

Sie werden also nicht nur bei akuten Problemen aktiv?

Richtig. Ein Beispiel: Der Betrieb eines 33-jährigen Tischlers ist pleite gegangen, nach seiner Kündigung hat er keine Aussicht auf einen neuen Job, dadurch hat er finanzielle Schwierigkeiten. Dann trennt sich seine Frau von ihm, weil sie es nicht aushält, dass er immer niedergeschlagener wird und in die Depressivität rutscht. Zuletzt fängt er das Trinken an. Glücklicherweise hat er einen Freund, dem der Niedergang auffällt und weiß, dass der sozialpsychiatrische Dienst des Kreises in solchen Fällen Beratung anbietet. Dann würden wir Möglichkeiten im Kreis Rendsburg-Eckernförde suchen, die dem 33-Jährigen helfen, seine schwierige Lage zu bewältigen, bevor sie ihn so schwer belastet, dass es zu einer ausgeprägten psychischen Erkrankung kommt. Das ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit, denn wir sind kein „Wegsperrdienst“.

Rund 350 Menschen sind 2015 aber zumindest vorläufig durch den Krisendienst in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht worden...

Das stimmt. Aber auch in diesen Akut-Fällen steht die Hilfe für die Betroffenen im Vordergrund. Eine Unterbringung gegen den Willen des Betroffenen soll möglichst vermieden werden. Wenn es aber dazu kommt, ist immer ein Arzt sowie ein Sozialpädagoge der Kreisverwaltung beteiligt. Damit nicht nur einer eine Entscheidung fällt, die das Grundrecht eines Menschen betrifft – schließlich handelt es sich um Freiheitsentzug.

Haben Sie ein Beispiel?

Nach dem Notruf einer Mutter, deren Sohn, Mitte 20, sich zu Hause nur noch in seinem Zimmer verschanzt, stellen wir vor Ort fest, dass der junge Mann unter Verfolgungswahn leidet. Denn er hält uns für die Mafia. Er verkennt, dass ihm geholfen werden soll, die Situation eskaliert, er demoliert sein Zimmer. Dann wird die Polizei hinzugerufen, zur Sicherheit aller Beteiligten. Der Psychiater stellt vor Ort fest, dass der junge Mann aufgrund seiner psychischen Erkrankung nicht mehr selbst entscheiden kann. In diesem Fall wird er gegen seinen Willen in eine psychiatrische Klinik gebracht. Ein ärztliches Gutachten ist dafür unabdingbar. Das wird direkt vor Ort gemacht. Später entscheidet ein Amtsrichter darüber, ob und wie lange diese vorläufige Unterbringung bestehen bleibt. Das muss laut Gesetz spätestens am Tag darauf erfolgen.

In fast 400 der rund 1200 Fälle im Jahr 2015 spielten Drogen eine Rolle.

Wer durch Drogen und Alkohol in unkontrollierte psychische Ausnahmezustände gerät, gehört zur größten Risiko-Gruppe. Es gibt 1,7 Millionen Alkoholiker in Deutschland und noch einmal so viele, die sich an der Grenze dazu befinden. Hinzu kommen 250  000 Drogenabhängige. Dagegen gibt es deutlich weniger Menschen, die an Psychosen leiden.

„Suizidalität“ ist mit gut 200 Fällen stark vertreten. Was bedeutet das?

Wir sprechen nicht von vollendeten Selbsttötungsversuchen, sondern auch von Menschen, die Suizidgedanken haben. Oft sind es Angehörige, die uns darauf aufmerksam machen. Den Begriff Selbstmord verwenden wir übrigens nicht, weil Mord eine Straftat ist. Das ist bei jemandem, der versucht, sich das Leben zu nehmen, nicht der Fall.

Im Kreis steigt die Zahl jährlich um rund 30, wie erklären Sie sich das?

Die Zahl der Krisen, die dazu führen, dass jemand seine Selbsttötung ankündigt, nehmen zu. Das ist nach klinischer Erfahrung auch eine Folge der elektronischen Medien. Das zeigt sich darin, dass Betroffene per Handy-Kurznachrichten und über soziale Netzwerke im Internet immer öfter ankündigen, sich das Leben zu nehmen. Im Internet gibt es sogar eigene Foren dafür. Es scheint so, als seien immer mehr Menschen aus gesellschaftlich bedingten Veränderungen nicht in der Lage, Krisen – etwa Liebeskummer – allein zu bewältigen. Die vollendeten Suizide nehmen in Deutschland faktisch jedoch nicht zu.

Die Anzahl der Krisendienst-Einsätze ist seit Jahren konstant – wie kann sie gesenkt werden?

Vor allem muss den Menschen klar sein, dass sie uns ansprechen können, bevor eine Krise entsteht. Wir sind nicht der Amtsarzt mit Bedrohungscharakter, sondern verstehen uns gewissermaßen als Dienstleister, der die Bevölkerung berät. Es muss aber auch die ambulante Versorgung für psychische Störungen ausgebaut werden, damit nicht jeder den Eindruck hat, er werde gleich „eingewiesen“.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen