zur Navigation springen

Mit der Videostreife unterwegs : Wildwest auf der Autobahn

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Mit seinem Videowagen stellt das Polizeibezirksrevier Rendsburg pro Jahr mehr als 400 Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung fest – rund die Hälfte davon führt zu Fahrverboten.

Mit 230 Kilometern pro Stunde über die Autobahn – Hauptkommissar Sven Mallée (53) und Polizeihauptmeister Matthias Bigalske (44) brauchen in ihrem Dienstalltag starke Nerven. Denn die beiden Beamten des Geschwindigkeitsdienstes im Polizeibezirksrevier Rendsburg sind nicht zum Spaß unterwegs. Mit ihrem Golf GTI fangen sie die ganz „dicken Fische“ jenseits der Straßenverkehrsordnung im Kreis ein. Dabei erleben sie haarsträubende Temposünden, Überholmanöver und Abstandsverstöße. Oft sind Fahrverbote der erwischten Fahrer die Folge.

„Massendelikte interessieren uns nicht“, sagt Sven Mallée. Der Leiter des Geschwindigkeitsdienstes bildet mit fünf weiteren Kollegen im Wechsel die Videowagen-Besatzung. Wer die Aufmerksamkeit der Polizisten in zivil auf sich zieht, hat bereits mindestens einen Punkt im Flensburger Verkehrszentralregister so gut wie sicher. Denn sie heften sich nur an die Fersen von Fahrern, die mindestens 21 Kilometer pro Stunde zu schnell sind. Innerhalb geschlossener Ortschaften sind es 16 Stundenkilometer. Im vergangenen Jahr gingen ihnen 420 Fahrer ins Netz, die viel zu schnell unterwegs waren. In fast 200 Fällen davon mussten die Temposünder im Nachhinein zeitweise ihren Führerschein abgeben.

Das Schicksal ereilte auch den Fahrer eines Porsche Panamera zwei Tage vor Silvester auf der Autobahn 210. Statt der erlaubten 120 Kilometern pro Stunde war er mit Tempo 230 von Kiel Richtung Rendsburg unterwegs. Was der 36-Jährige nicht wusste: Der unscheinbare, dunkle Golf, den er in Höhe Bredenbek überholte, war sowohl in der Heck- als auch in der Frontscheibe mit Videokameras ausgestattet. Mallée und Bigalske nahmen die Verfolgung auf und dokumentierten den Verstoß. Die Beamten stoppten den Fahrer, nachdem der auf die A7 abgebogen war. Die Aussicht auf eine Strafe von 1200 Euro, zwei Punkten in Flensburg und ein dreimonatiges Fahrverbot schien den Fahrer kalt zu lassen. „Der war sich keiner Schuld bewusst“, sagt Mallée rückblickend. Zwar geben sich mehr als 90 Prozent der erwischten Verkehrssünder einsichtig, doch manchmal sei es schwer, ruhig zu bleiben, so der Hauptkommissar. Das war etwa der Fall, als die Videostreife im Sommer 2015 ebenfalls auf der A210 in Richtung Rendsburg von einem Motorradfahrer überholt wurde. Als die Polizisten ihn bereits mit Tempo 200 verfolgten, entfernte sich das Zweirad noch immer schnell. Dabei muss dem Fahrer sein Verstoß klar gewesen sein, denn das Martinshorn, Blaulicht im Kühlergrill und ein grell-rot blinkendes „Stopp – Polizei“-Schild an der Sonnenblende machte auch in diesem Fall klar, dass es sich bei dem Golf um ein Polizeiauto handelte. Der Fahrstil verriet zudem: Der Fahrer war auf der Flucht. Er fuhr mit halsbrecherischem Tempo rechts an anderen Autos vorbei und sogar links, obwohl auf der Überholspur bereits ein Auto unterwegs war. Er schreckte auch nicht davor zurück, eine zufällig auf der A210 fahrende Streife auf der falschen Seite zu passieren. In dieser Situation reichte die 210-PS-Leistung des GTI-Motors nicht, um den Motorradfahrer einzuholen. Er fuhr in Schacht-Audorf von der Autobahn ab, aber nur um wieder in die Gegenrichtung zu verschwinden. Doch das glückte nicht: In der engen Kurve der Auffahrt rutschte er weg – er war einfach zu schnell. Den Unfall überstand der junge Mann unbeschadet. Er tat laut Sven Mallée sogar überrascht, dass die Zivilstreife ihn gemeint hatte. „Bei solchen unpassenden Bemerkungen werden auch wir sehr direkt, denn solche Fahrer gefährden nicht nur sich, sondern auch andere“, sagt der Hauptkommissar. Es sei wichtig, die Fahrer direkt nach ihren Verstößen damit zu konfrontieren, um Einsicht bei ihnen zu erreichen.

Im Fall des Motorradfahrers sei klar gewesen, dass es sich nicht um eine Ordnungswidrigkeit, sondern um eine Straftat handelte. Ob der junge Mann je seinen Führerschein wiederbekommt, werde vor Gericht geklärt. Seine Karriere war mit dem Vorfall vermutlich zu Ende: Es handelte sich um einen jungen Polizisten, der vorher schon gezeigt habe, dass er sich nicht mit Recht und Ordnung identifizieren kann, so Mallée.

Autofahrer im Kreis und in der Stadt Neumünster müssen nicht nur auf den Autobahnen mit der Videostreife rechnen: Die Beamten sind – häufig in zwei Schichten täglich – auch auf Bundes-, Landes- und Kreisstraßen unterwegs. Schwerpunkte sind etwa die B203 zwischen Prinzenmoor und Kappeln, die L328 zwischen Jevenstedt und Neumünster sowie einige Strecken um Nortorf herum, wo wegen Straßenschäden ein Tempolimit gilt.

Die Rendsburger Videostreife ist eine von derzeit 19 im Land. In der Polizeireform von Innenminister Stefan Studt steht die Flotte jedoch auf dem Prüfstand. Demnach sollen sich die Besatzungen künftig auf die Autobahnen konzentrieren. Wie viele von den Fahrzeugen dann noch gebraucht werden, soll sich in einer Prüfung ergeben, die in diesem Monat beginnt, teilt Matthias Glamann von der Landespolizei mit. „Danach wird festgelegt, wie viele Videowagen zukünftig im Raum Rendsburg-Eckernförde eingesetzt werden.“

zur Startseite

von
erstellt am 01.Mär.2016 | 06:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert