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Ungewöhnliche Reise : Wie kam Kater „Benjamin“ über den Kanal?

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Eine geheimnisvolle Reise hat der Kater „Benjamin“ hinter sich. Eigentlich hat er sein Zuhause in Rendsburg-Süd. Dort wurde er einige Tage vermisst, ehe der Ausreißer in Tetenhusen (Kreis Schleswig-Flensburg) wieder aufgefunden wurde.

shz.de von
erstellt am 12.Mai.2014 | 06:00 Uhr

Er hätte wohl eine ganze Menge zu erzählen – wenn er sprechen könnte. Quietschfidel jagt „Benjamin“ mittlerweile wieder im heimischen Garten in Rendsburg-Süd umher, knabbert hier und da an einem Blatt und rennt Insekten und Käfern hinterher. Ende April verschwand der getigerte Kater spurlos und tauchte erst Tage später wieder auf – Luftlinie rund zwölf Kilometer entfernt in Tetenhusen, schräg gegenüber von dem Haus, in dem er im Juni 2013 das Licht der Welt erblickte. Nur wie er dorthin kam, das weiß niemand.

Im Oktober 2013 zog „Benjamin“ bei der Familie Petersen ein. Vier Freundinnen hatten Sofie (16), Tochter von Silke und Wilhelm Petersen, zum Geburtstag einen Gutschein geschenkt. „Sofie wollte schon immer eine Katze haben“, sagt Silke Petersen. Als die Familie über Ostern vereist, passen eine der Freundinnen sowie Sofies Großvater auf den zutraulichen Vierbeiner auf. Als Familie Petersen am Freitag, 25. April, wiederkommt, begrüßt sie der schlanke Kater wie gewohnt. Von Sonnabend auf Sonntag sind die Petersens erneut weg, bei der Wiederkehr auch der kleine Kater. Zuletzt gesehen hatte ihn der Großvater am Sonnabendabend. „Das war ungewöhnlich, aber noch nicht beunruhigend“, erzählt Silke Petersen. Ernsthaftere Sorgen machen sie sich erst, als der Kater auch am Montag nicht auftaucht. Vor allem Tochter Sofie bangt um ihren Liebling, den sie schlicht und liebevoll „Katze“ nennt. Die Herderschülerin hatte schon davon gehört, dass in der Gegend häufiger Katzen wegkommen. Auch die Landeszeitung hatte im Oktober 2013 über eine Serie berichtet, als sieben Katzen innerhalb von zwei Jahren aus ein- und derselben Straße in Westerrönfeld verschwanden.

Die Petersens nehmen die Suche auf. Im Tierheim Rendsburg ist er nicht, für den Fall geben sie die Nummer durch, die „Benjamin“ ins Ohr tätowiert wurde. Nachbarn fragen, Zettel verteilen, Bilder aufhängen – die Suche läuft. Sofie Petersen probiert es abends in der Gegend ums Haus herum mit einer kleinen Anglerglocke, auf die „Benjamin“ sonst reagiert. Ohne Erfolg. „Mehr können wir nicht machen, haben wir gedacht. Danach war Hoffen und Warten angesagt“, blickt Silke Petersen zurück. Die Hoffnung auf ein Wiedersehen schwindet mit jedem Tag. „Das war so schrecklich, weil ich nicht wusste, was mit ihm passiert war“, sagt Sofie Petersen.

Am Nachmittag des 4. Mai klingelt das Telefon. Das Tierheim ist dran. „Benjamin“ sei gefunden worden, in Tetenhusen. Im Auto geht es zum Reitstall Hof Feldscheide. Als sie dort aussteigen, erkennt „Benjamin“ seine Familie sofort. „Er hat ganz vorwurfsvoll miaut, nach dem Motto: ‚Was hat das denn so lange gedauert?‘ “, erzählt Sofie Petersen.

Tanja Wulf-Kursawe ist Inhaberin des Reit- und Pensionsbetriebes Hof Feldscheide, wo „Benjamin“ plötzlich auftauchte. „Das war nicht das erste Mal, dass so etwas passiert ist. Im vergangenen Jahr haben wir eine Katze gefunden, die wir kurioserweise über eine Reiterin, die in Heide arbeitet, an ihre Besitzerin in Prinzenmoor zurückgeben konnten.“ „Benjamin“ sei am 1. Mai „auf einmal da gewesen“, habe sich lautstark bemerkbar gemacht und sich Stück für Stück an die Futterstelle für die anderen Katzen herangewagt: „Er hat in einer Tour gemaunzt und wirkte so, als solle ihm jemand helfen und den Weg nach Hause zeigen.“ Als die Familie kam, um ihn abzuholen, sei er sofort auf sie zugelaufen und in seinen Katzenkorb gehüpft, berichtet Tanja Wulf-Kursawe, deren Reitstall in unmittelbarer Umgebung von „Benjamins“ Geburtsstätte liegt.

Ende gut, alles gut: Sofie Petersen und Benjamin sind wieder vereint. Bleibt das Rätsel, wie der samtpfotige Jungspund bis nach Tetenhusen gekommen ist und warum er so dicht an seinem Geburtsort auftauchte. War es Zufall? Wurde er vielleicht von einem Katzenhasser eingesackt und ausgesetzt? Ist er aus Eigenantrieb dorthin gelaufen?

Vollkommen abwegig scheint keine der Möglichkeiten zu sein. Im Internet finden sich etliche Geschichten über Katzen, die ihr Zuhause über weitaus mehr Kilometer Entfernung als zwischen Rendsburg-Süd und Tetenhusen wiedergefunden haben sollen. Petra Mumm ist beim Tierheim Rendsburg zuständig für die Katzen und hat solche Storys auch schon gehört: „Die sollen das irgendwie über den Sonnenstand orten können. Ob das stimmt, weiß ich aber nicht.“, sagt sie: „Außerdem muss er ja über den Kanal gekommen sein.“

Oder unten drunter: Den Fußgängertunnel benutzt Sofie Petersen regelmäßig. Ab und zu hat „Benjamin“ sie am Fahrstuhl an der Südseite sogar schon abgeholt, verbindet also etwas mit dem Tunnel, der mit Kameras überwacht wird. Ob der Kater vielleicht selbst dort durchgelaufen ist, können die Rendsburger Mitarbeiter vom zuständigen Wasser- und Schifffahrtsamt Kiel-Holtenau nicht sagen. Einer betont: „Ich arbeite hier seit 30 Jahren, aber im Tunnel habe ich noch nie eine Katze gesehen.“

Sofie Petersen vermutet, dass jemand ihre Katze mindestens mit auf die andere Kanalseite genommen und dort irgendwo ausgesetzt hat. Vielleicht habe sich „Benjamin“ anschließend instinktiv auf die Suche nach seinem Zuhause gemacht und sei dann in Tetenhusen angekommen. „Vielleicht hat er erst dann gemerkt, dass das nicht das Zuhause ist, das er wirklich suchte“, mutmaßt sie

Angst um den getigerten Racker hat Sofie Petersen zwar nicht, lässt ihn über Nacht momentan aber lieber drinnen. Und „Katze“ würde ihr bestimmt auch eine Menge Gute-Nacht-Geschichten erzählen – wenn er sprechen könnte.

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