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Syrischer Journalist auf der Flucht : Wie ich über das Mittelmeer flüchtete

vom

Mohammad Nassar wird die elf Stunden auf dem Flüchtlingsboot sein Leben lang nicht mehr vergessen. Der Journalist hat Rendsburg erreicht und berichtet über seine Erlebnisse.

shz.de von
erstellt am 12.Okt.2015 | 17:08 Uhr

Ich heiße Mohammad Nassar und komme aus Damaskus, der Hauptstadt von Syrien. Als Journalist habe ich live im Fernsehen darüber berichtet, wie Militärflugzeuge von Diktator Assad eine Bombe abwarfen. Die zweite traf mich selbst. Ich wurde ins Feldlazarett gebracht und gelangte von dort über verschiedene Stationen in die Türkei. Der Weg war hart und dauerte acht Monate. Einer der beiden Männer, die mich trugen, wurde unterwegs erschossen. Ein türkischer Handspezialist in Antakya stellte schließlich fest, dass eine Behandlung nur in wenigen Ländern möglich wäre – unter anderem in Deutschland.

Ich konnte nicht zurück nach Syrien, sie hatten mein Haus zerstört. Ich war bereits ein Jahr von meiner Familie getrennt. Mir blieb nur eine Möglichkeit: In ein Land fliehen, das Familien wieder zusammen bringt. In Deutschland wollte ich ein neues Leben beginnen. Als Journalist wusste ich von den Todesreisen nach Europa, ich hatte in den Medien davon gehört, ich kannte die Gefahren. Trotzdem riskierte ich es.

Am Flughafen von Istanbul begann ich die Reise und flog nach Algerien. Von dort ging es weiter nach Tunesien und Libyen – auf den Routen der Schlepper, wo Männer und Frauen weitab von jeder Menschlichkeit behandelt werden. Sie haben uns angesehen, als wären wir prall gefüllte Geldsäcke. Sie verstehen ihren Beruf und sind professionell organisiert.

In Zuwara, einer Hafenstadt im Nordwesten Libyens, begab ich mich in die Hände von solchen Menschenschmugglern. Der eine Mann nannte sich Dr. Sultan. Die Reise sollte wie ein Urlaub sein – ohne jegliche Gefahren. Uns wurde ein geräumiges Boot mit allen möglichen Annehmlichkeiten versprochen.

Wir warteten in einem Haus, bis die benötigte Anzahl der Reiseteilnehmer erreicht war. Nach fünf Tagen war das Haus voll. Dr. Sultan entschied, dass wir in der Nacht abreisen sollten. Ein Bus ohne Fenster brachte uns an den Strand. Dort herrschte reger Betrieb. Die Menschen wurden in Gruppen aufgeteilt, ein Schlauchboot brachte uns zu einem Holzboot, das einige Kilometer von der Küste entfernt vor Anker lang.

Dann der Schreck, als wir das Boot das erste Mal sahen: Es war ein sehr kleines Fischerboot. Dr. Sultan hatte in uns einen Traum geweckt, dem wir nicht hatten widerstehen können. Als wir es begriffen hatten, waren wir schon an Bord.

Die Schmuggler befüllten das Boot so kompakt mit Menschen, wie Streichhölzer in einer Schachtel. Das Beladen dauerte fünf Stunden. Um Mitternacht ging es los. Wir sahen nichts, wir durften kein Licht machen. Als die Sonne aufging, waren wir überrascht, dass auch Frauen und Kinder an Bord waren. Als wir das Wasser ringsherum sahen, fingen sie an zu weinen. Den Klang ihrer Stimmen höre ich immer noch in meinem Kopf. Wir bemerkten plötzlich, dass unter uns im Lagerraum noch mehr Menschen waren, die auch nichts von uns wussten.

Nach vier Stunden kam eine Welle und das Boot fing stark an zu schwanken. Die Kinder weinten wieder. Nach zehn Stunden hörte man Schreie von unter Deck, Wasser lief in das Boot. Nach einer weiteren Stunde sah uns endlich ein Schiff der italienischen Marine. Alle 250 Passagiere, die vorher auf dem knapp zehn Meter langen Fischerboot waren, konnten gerettet werden. Die Soldaten sagten uns, dass unser Schiff in einer halben Stunde gesunken wäre.

Ich werde diese elf Stunden mein ganzes Leben lang nicht vergessen, in denen wir schweigend und regungslos nebeneinander saßen. Wir haben alle überlebt, wir hatten Glück. Gott war mit uns.

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