Wie ein Urwald entsteht

Das Wasser länger im Wald halten: Durch Aufstauen und Zuschütten wurden die Hauptentwässerungsgräben im Stodthagener Wald geschlossen. Außerdem wird totes Holz nicht entsorgt, sondern liege gelassen. Auf diese Weise soll bis zum Jahre 2025 ein Urwald entstehen – ein Wald, der völlig sich selbst überlassen ist. Fotos: Käselau (3), Stiftung Naturschutz (2)
1 von 5
Das Wasser länger im Wald halten: Durch Aufstauen und Zuschütten wurden die Hauptentwässerungsgräben im Stodthagener Wald geschlossen. Außerdem wird totes Holz nicht entsorgt, sondern liege gelassen. Auf diese Weise soll bis zum Jahre 2025 ein Urwald entstehen – ein Wald, der völlig sich selbst überlassen ist. Fotos: Käselau (3), Stiftung Naturschutz (2)

Abgestorbene Bäume dienen in Stodthagen Insekten, Amphibien und Vögeln als Lebensraum

shz.de von
08. Juli 2018, 14:39 Uhr

Wenn Hauke Drews über die Wege im Stodthagener Wald geht, spricht er gerne von seinem „Lieblingsprojekt“. Hier wird seit fast 18 Jahren nicht mehr gewirtschaftet. „Baumfällung erfolgt hier nur noch durch Pilze“, erläutert Drews beim Vorbeigehen an einer 150 Jahre alten Buche. „Da brechen dann bei Starkwind häufig Äste ab oder die Bäume krachen ganz zusammen“. Aus dem Wirtschaftswald wird wieder ein Naturwald, in dem sich Kammmolche und Spechte beobachten lassen.

Im Winter 2001, zwei Jahre nach dem Kauf durch die Stiftung Naturschutz, begannen die Arbeiten. „Die Entstehung sehr unterschiedlicher Waldgewässer haben wir erreichen können, weil wir die Gräben geschlossen haben“, berichtet Drews. Überall lassen sich abseits der Wege kleine Moore und Senken erblicken. Durch die Aufstauungen sind im Stodthagener Wald neue Lebensräume geschaffen worden.

Die im Wasser abgestorbenen Bäume bieten ihrerseits nun Lebensgrundlage für eine Vielzahl anderer Pflanzen. „Schwertlilien und Farne sind erst gekommen, als das Wasser vorhanden war“, berichtet Hauke Drews. „Hier sind viele innere Waldsäume entstanden“. Sie dienen Fledermäusen als Jagdrevier und Kammmolchen als Rückzugsort.

Drews ist Projektleiter für die Umsetzung von Arten- und Biotopschutzmaßnahmen bei der Stiftung Naturschutz. Er hat die Entwicklung des rund 100 Hektar großen Areals von einem Wirtschaftswald hin zum Naturwald von Anfang an begleitet. Durch die nun feuchten und offenen Flächen im Wald kann sich auf natürliche Weise ein Mischwald entwickeln.

„Durch die Vernässung bekommt die Buche Konkurrenz“, werden junge Eichen laut Hauke Drews zukünftig besser mit den veränderten Bedingungen zurechtkommen. Die Eiche selbst ist ein wertvoller Lebensraum für Holzkäfer, da sie mit ihrer Standzeit von bis zu 500 Jahren auch nach dem Absterben noch deutlich länger als Totholz erhalten bleibt, als es Buchen tun würden. „Stehendes Totholz ist wichtig für Spechthöhlen und die Nahrung der Vögel“, sagt Drews. So haben sich im Stodthagener Wald mittlerweile seltene Mittelspecht angesiedelt. Mit etwas Glück lassen auch sie sich bei einem Spaziergang durch das Fernglas. Das liegende Totholz wiederum sei unerlässlich für Amphibien, da dort im Winter Laub zu schützenden Haufen zusammen wehe.

Die letzten geschlagenen Bäume im Stodthagener Wald waren Nadelhölzer. Auf diesen Inseln im Wald wachsen nun selbst gesäte Eichen und Buchen. „Wir verfolgen andere Ziele als die klassische Forstwirtschaft und der Wald wird später auch eine andere Struktur aufweisen.“ Drews: „Die Lebensgemeinschaft im Wald lebt von dem, was die Bäume abwerfen. Der Verrottungsprozess ist Teil des Lebens im Wald.“

Dass gerade der Stodthagener Wald für das Projekt prädestiniert ist, zeigt seine Historie. „An dieser Stelle ist Waldkontinuität seit der letzten Eiszeit nachgewiesen“, bezeichnet Hauke Drews das natürliche Archiv des Waldes als „Logbuch unserer Landschaft“. Um diesen Schatz auch weiterhin sicherstellen zu können, wird das Juwel im Dänischen Wohld von der Stiftung Naturschutz bis zum Jahr 2025 zum Naturwald umgebaut. Danach wird er dann als Urwald sich selbst überlassen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen