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Zurück von Hilfseinsatz : Wie Ärzte aus Rendsburg Flüchtlingen im Irak halfen

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Aus der Redaktion der Landeszeitung

Martin Klopf und seine Frau behandelten Flüchtlinge im Nordirak. Die Dankbarkeit war überwältigend.

Auf den Fotos, die Martin Klopf aus dem Irak mitgebracht hat, sind gewaltige Flüchtlingscamps zu sehen. Endlos scheinende Zeltdörfer in einer staubigen Landschaft, in denen sich Hunderttausende eine Existenz auf Zeit eingerichtet haben. In der Autonomen Region Kurdistan leben unter zum Teil dramatischen Umständen die Vertriebenen, die der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) entkommen sind. Die Nachbarstaaten sind mit der Lage seit langem überfordert.

Umso wertvoller war Nothilfe aus Rendsburg, die einigen hundert von ihnen kürzlich zuteil wurde. Eine Woche verbrachte der im Provianthaus niedergelassene HNO-Arzt Dr. Martin Klopf (47) mit seiner Frau, der Kinderärztin Ioana Klopf (47), im Nordirak. Das Paar behandelte kranke Flüchtlinge und verteilte Hilfsgüter aus Rendsburg. Der humanitäre Einsatz wurde unter anderem von zwei weiteren Ärzten aus Brandenburg begleitet.

„Wir vergaßen zu essen und zu trinken, konzentrierten uns nur auf die Patienten“, schildert Ioana Klopf den Tagesablauf in den Camps. „Von Zeit zu Zeit wurde uns eine Wasserflasche gereicht, die wir dankend annahmen. Vor Einbruch der Dunkelheit machten wir Schluss, um die Behandlung am nächsten Morgen fortzusetzen.“ Als anfangs Menschen von allen Seiten auf sie zugeströmt seien, „und uns fast auf die Füße traten“, habe man Prioritäten setzen müssen: Säuglinge, Kleinkinder und Mütter zuerst. „Alle anderen Erwachsenen mussten warten. Und das taten sie auch“, sagt Ioana Klopf.

Kinderärztin Ioana Klopf half dieser jesidischen Mutter und ihren Kindern. Die religiöse Minderheit der Jesiden wird von der IS verfolgt.
Kinderärztin Ioana Klopf half dieser jesidischen Mutter und ihren Kindern. Die religiöse Minderheit der Jesiden wird von der IS verfolgt. Foto: Klopf
 

Die Gastfreundschaft der Einheimischen sei überwältigend gewesen. „Eine Flüchtlingsfrau, die selbst kaum etwas hatte, gab uns von ihrem Fladenbrot ab. Viele Einladungen mussten wir ausschlagen, oft blieb nur Zeit für ein Tasse Tee.“ Man habe viel in das Krisengebiet mitgebracht und sei mit noch mehr nach Rendsburg zurückgekehrt, so Martin Klopf. Seine Frau nennt ein Beispiel: „Als sich ein junger Mann von mir mit den Worten ,You have done it good‘ verabschiedete, vergaß ich sofort die Müdigkeit.“ So tief dankende Worte habe sie lange nicht mehr erlebt.

Neben Behandlungen akuter Mittelohr- oder Mandelentzündungen konnte Martin Klopf in einem weiteren Fall sein Spezialwissen als Hals-Nasen-Ohren-Arzt anbringen. Einem vierjährigen Jungen mit einer Fistel am Hals vermittelte er in einem Regionalkrankenhaus eine Operation. In vielen anderen Fällen gaben Martin und Ioana Klopf zur Behandlung Schmerzmittel, Antibiotika und Magensäureblocker aus. „Oft reichte es auch aus, mit den Leuten zu reden.“ Ein in Frankfurt am Main lebender Jeside aus dem Nordirak, der das Paar aus Rendsburg begleitete, übersetzte. Bei vielen Flüchtlingen bedurfte es keines Dolmetschers, um das durch den IS-Terror erlittene Leid zu erahnen. Das Leid stand den traumatisierten Opfern ins Gesicht geschrieben.

Mit einer rollenden Kleinst-Klinik von Camp zu Camp: Angst, Trauer und Verluste machen die Flüchtlinge anfällig für Krankheiten.
Mit einer rollenden Kleinst-Klinik von Camp zu Camp: Angst, Trauer und Verluste machen die Flüchtlinge anfällig für Krankheiten. Foto: Klopf
 

Die Hilfsgüter aus Rendsburg waren Wochen zuvor per Kleintransporter ins Menschenrechtszentrum Cottbus und im Anschluss mit dem Lkw in den Nordirak gebracht worden. Das „Motion-Center Holger Otto“ stiftete mehrere Rollstühle, die Garnison- und Stop-Apotheke besorgte Medikamente, Ärzte stellten Verbandsmaterial und mehr zur Verfügung. Schüler des Helene-Lange-Gymnasiums sammelten Schulhefte und Stifte.

„Viele haben aufgrund meiner eigenen Vorgeschichte gesagt – da helfen wir mit“, berichtet Klopf. Als aufstrebender Arzt war er in der DDR schikaniert und zu Unrecht inhaftiert worden. 18 Monate verbrachte er in einem Cottbuser Zuchthaus, bevor er am Morgen des 9. November 1989 in die Freiheit entlassen wurde. In die doppelte Freiheit, denn auch der Weg in den Westen wurde an diesem Tag ja überraschend frei. In Martin Klopfs ehemaligem Gefängnis befindet sich heute ein Menschenrechtszentrum. Deren Leiterin Sylvia Wähling hatte die Reise in den Nordirak organisiert.

Für das Rendsburger Paar wird es nicht die letzte sein. Sie sehen das schier unermessliche Leid der Menschen auf der Flucht, aber sie sehen auch einen Hoffnungsschimmer. „Wenn man ihnen das Gefühl gibt, dass sie nicht vergessen sind, dann sind sie eher bereit, in ihrer Heimat zu bleiben.“

 

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erstellt am 16.Nov.2015 | 21:00 Uhr

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