Wenn sich Jugendliche mit Klingen selbst verletzen

mri-erichsen frank

Stress in der Schule und mit dem Vater: Eine Schülerin berichtet von ihrer Leidensgeschichte

von
05. Juni 2014, 16:11 Uhr

Sie wollte gar nicht so tief schneiden. Aber in dem Moment, in dem Sandra (Name geändert) die Rasierklinge durch die Haut ihres Oberarmes zog, war es zu spät. „Ich hatte mich nicht unter Kontrolle.“ Die klaffende Wunde hörte nicht auf zu bluten. Die damals 16-Jährige lag eine Zeit lang weinend in ihrem Zimmer, ehe sie ins Badezimmer ging und dort ohnmächtig wurde. „Ich wusste nicht, wo ich war, als ich aufwachte.“ Ihre Mutter brachte sie ins Krankenhaus. Dort wurde die Wunde genäht.

Die Traumatherapeutin Margret Erichsen-Frank von der Diakonie Rendsburg-Eckernförde kennt solche Fälle: „Ursachen für selbstverletzendes Verhalten sind im wahrsten Sinne des Wortes einschneidende Erlebnisse wie Trennungen, Vernachlässigung oder Angst.“ Als Werkzeug kommen nicht nur Rasierklingen in Frage. Um sich zu verletzen, wird das genommen, was gerade zur Hand ist. Das können Scherben sein oder Messer, Büroklammern und Zigaretten. Anschließend spüren die Betroffenen für einen kurzen Moment eine gewisse Erleichterung. Die Verletzungen der Seele würden so dem eigenen Körper zugefügt.

Mindestens sieben von 1000 Jugendlichen verletzen sich regelmäßig selbst. Bei Sandra waren es Hass auf sich selbst, Druck in der Schule und Stress mit ihrem Vater, der sie mit 14 Jahren zu Rasierklingen, Cuttermesser und Schere greifen ließ. Ihre Leidengeschichte begann jedoch früher. Bereits mit elf Jahren kratzte sich Sandra die Arme blutig. „Mein Vater hat sich wenig um mich gekümmert. Ich hatte das Gefühl, er liebt mich nur, wenn ich gut im Sport war.“ Es gab oft Streit, und Sandra konnte nicht offen über ihre Gefühle reden. Das Ritzen war eine Art Ventil: „Ich habe es gemacht, um Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Ihre Mutter sah die Wunden und brachte ihre Tochter zu Fachleuten. Eineinhalb Jahre lang besuchte Sandra jede Woche eine Gesprächstherapie. Eine Zeit lang half es. Doch Selbstzweifel und Stress waren zu groß und gewannen die Oberhand.

„Vom Kratzen zum Schneiden war es der leichteste Weg“, sagt Sandra. Das erste Schneiden war keine große Überwindung. „Ich habe einen Rasierer auseinander gebaut und mit der Klinge in meinen Unterarm geschnitten.“ Meist ritzte sie sich abends in ihrem Zimmer - Taschentücher und Pflaster lagen stets bereit. „Die Klingen hatte ich im Raum versteckt.“ Körperliche Schmerzen spürte Sandra nicht. „Es tut nicht weh, es tut nur gut, obwohl ich weiß, dass es nicht richtig ist.“ Und so wurden die kleinen Narben am Körper immer mehr. Ihre Mutter machte sich Sorgen und kontrollierte Sandras Arme – da wich die Tochter auf die Beine aus. Zu Hause versteckte sie die Wunden. Beim Sport oder in der Schule jedoch war es ihr egal, ob jemand die Narben sah. „Wenn man sich selbst hasst, zerstören die Narben den Körper nicht mehr.“

Menschen, die man liebt und denen man vertraut, waren schließlich auch Sandras Ausweg aus dem Teufelskreis. „Ich habe wegen meiner Freundin und meiner Mutter aufgehört. Mein Verhalten hat sie verletzt.“ Seit sechs Monaten hat Sandra sich keine Wunden mehr zugefügt. Zuvor war sie noch einmal für wenige Sitzungen bei einem Therapeuten, aber im Endeffekt sind es ihr Wille und ihre Selbstkontrolle, die sie abhalten, zur Rasierklinge zu greifen. Doch das ist nicht immer einfach. Das Bedürfnis ist da, aber Sandra kann es kontrollieren. „Wenn es mir schlecht geht, vermisse ich es, weil es geholfen hat. Der Gedanke daran geht nicht weg. Ich kann nur lernen, damit umzugehen.“

Im Moment ist Sandras Leben im Gleichgewicht. Sie hat keinen Stress in der Schule, und das Verhältnis zu ihrem Vater ist gut. Außerdem hat sie einen wichtigen Menschen an ihrer Seite, dem sie sich anvertrauen kann: „Meine Freundin hilft mir. Sie hat sich auch mal geritzt. Es hat viel Wert, wenn man jemanden hat, mit dem man reden kann und der einen versteht.“

zur Startseite

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert