zur Navigation springen

Erziehung : Wenn Kinder ihr Zuhause fürchten

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Das Jugendamt erhielt vergangenes Jahr 547 Hinweise auf Kindeswohlgefährdung im Kreis - hoher Anstieg in Nortorf.

shz.de von
erstellt am 26.Mai.2017 | 11:17 Uhr

Auf Maries Oberteil sind getrocknete Ketchup-Reste, ihre Jeans hat Grasflecken an den Knien. In der Jacke ist ein Loch auf der Höhe des linken Ellbogens. Maries Arme sind dünn, unter ihren Augen dunkle Ringe. An ihrem rechten Handgelenk ist ein kreisrunder blauer Fleck. Im Unterricht hält sie sich zurück, in den Pausen steht sie oft allein auf dem Hof, von ihrem zu Hause erzählt sie fast nie. Ihr Kopf ist gesenkt, wenn sie geht, ihr Blick auf den Boden gerichtet. Marie ist sechs Jahre alt und wird von ihren Eltern regelmäßig geschlagen. Maries Geschichte ist erfunden. Sie steht aber stellvertretend für die Erfahrungen vieler Kinder, die sich vor ihrem zu Hause fürchten.

547 Mal wurde im vergangenen Jahr im Kreis Rendsburg-Eckernförde ein Verdacht auf Kindeswohlgefährdung gemeldet. Am häufigsten waren Sechs- bis Neunjährige betroffen, in knapp 40 Prozent der Fälle waren die Kinder unter sechs Jahre alt. Im Bereich Nortorf stieg die Anzahl der Meldungen im Vergleich zum Vorjahr um 84 Prozent auf insgesamt 175. Woher diese Steigerung kommt, lässt sich noch nicht sagen, die Daten müssen noch ausgewertet werden. „Es könnte sein, dass manche Familien mehrfach Probleme hatten, oder die Menschen einfach sensibler geworden sind und einen Verdacht eher melden“, sagt Wiebke Schmitz von der Koordinierungsstelle Kinderschutz. Sie ist auch Netzwerkkoordinatorin für frühe Hilfen, einem Zusammenschluss von verschiedenen Institutionen und Ärzten, die werdende Eltern und Familien mit Kleinkindern bei Fragen zu Geburt, Elternschaft und Kindesentwicklung unterstützen.

Die meisten Fälle wurden 2016 von der Polizei gemeldet, an zweiter Stelle stehen die Bekannten und Nachbarn. „Wir beobachten immer öfter, dass es nicht einfach mehr hingenommen wird, wenn ein Kind schlecht behandelt wird“, sagt Schmitz. „Die Sensibilität ist da. Das ist eine sehr positive Entwicklung.“ Vielen Anrufern sei es wichtig, dass sie den Verdacht auch anonym melden könnten. Nur in sechs Fällen suchten sich die betroffenen Minderjährigen selbst Hilfe. Die Gefährdungsmeldungen landen zunächst bei einer Fachkraft des Jugend- und Sozialdienstes, die einen Meldebogen ausfüllt. Die einzelnen Gesichtspunkte werden anschließend im Team ausgewertet. „An dieser Stelle kann der Prozess schon zu Ende sein“, so Schmitz. 233 Meldungen verliefen im vergangenen Jahr ins Leere. „Vieles bekommen die Familien allein hin“, weiß Schmitz. Bleibt der Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung bestehen, folgt ein Hausbesuch bei der Familie. Auch hier wird wieder ein Beobachtungsbogen ausgefüllt, der bewertet wird. Wird entschieden, dass keine Gefährdung vorliegt, werden der Familie an dieser Stelle in der Regel Hilfsmaßnahmen angeboten, im vergangenen Jahr 264 Mal. Beispielsweise werden Familienhelfer eingesetzt. Sie verbringen Zeit in der Familie und unterstützen bei der Erziehung, bringen unter anderem Struktur in den Alltag. In 102 Fällen stellten die Fachkräfte eine Gefährdung fest, nahmen die Kinder in Obhut oder verhängten Auflagen, die von der Familie in Zukunft erfüllt werden mussten.

„Wir beschäftigen uns hier mit einem sehr sensiblen Thema“, sagt Schmitz. „Es geht um einen großen Eingriff ins Familienleben. Deswegen muss schon etwas Gewichtiges falsch laufen, bevor wir so drastisch eingreifen.“ Außerdem gelte immer das Vier-Augen-Prinzip. Eine solch schwerwiegende Entscheidung könne ein Mitarbeiter allein nicht verantworten.

> Wer den Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung melden oder sich Hilfe holen möchte, kann sich an das Jugendamt wenden: Telefon 0  43  31  /  20  20. Unterstützung, zum Beispiel bei Erziehungsfragen, gibt es auch beim Familientelefon unter 0  43  31  /  5  68  13.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen