Durchfall, Verstopfung : Wenn der Darm verrückt spielt

Chefarzt Professor Stephan Hellmig bereitet sich auf eine Darmspiegelung vor. In seiner rechten Hand hält er das Endoskop, das vorn mit einer leistungsfähigen Miniaturlampe ausgerüstet ist.
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Chefarzt Professor Stephan Hellmig bereitet sich auf eine Darmspiegelung vor. In seiner rechten Hand hält er das Endoskop, das vorn mit einer leistungsfähigen Miniaturlampe ausgerüstet ist.

Unter einem Reizdarm leidet jeder neunte Deutsche. Viele Betroffene haben sich an die Beschwerden gewöhnt. Dabei kann man den Patienten wirksam helfen.

shz.de von
29. Mai 2018, 14:01 Uhr

Zwölf Millionen Menschen in Deutschland haben einen gereizten Darm. Sie leiden an Bauchschmerzen, Durchfall und Verstopfung, oft jahrelang. „Die Lebensqualität wird dadurch stark beeinträchtigt“, sagt Professor Dr. Stephan Hellmig von der Rendsburger Imland-Klinik. Der Chefarzt Gastroenterologie, Onkologie und Allgemeine Innere Medizin spricht Betroffenen Mut zu. Denn die Forschung hat in den vergangenen Jahren große Sprünge gemacht: „Wir können die Krankheit heute gut therapieren.“ Am Mittwoch, 30. Mai,  ab 18 Uhr spricht Hellmig im Hohen Arsenal in Rendsburg über Symptome und Behandlungsmöglichkeiten. Die Teilnahme ist kostenlos.

Die größte Hürde bei der erfolgreichen Behandlung: Der Reizdarm ist sehr aufwändig diagnostizierbar. Die Mediziner müssen nach dem Ausschlussverfahren vorgehen. Das setzt eine intensive Untersuchung voraus, Darmspiegelung und Biopsie inklusive. Wenn am Ende keine andere Erkrankung mehr in Frage kommt, kann die Ursache für die Beschwerden nur noch ein Reizdarm sein.

„Viele Patienten haben eine wahre Arzt-Odyssee hinter sich, wenn ich ihnen das erste Mal begegne“, sagt Hellmig. Er trifft auf Menschen, die sich hilflos fühlen. Oft haben sie jahrelang zu hören bekommen, dass ihre Darmprobleme auf eine psychosomatische Störung zurückzuführen seien. Mancher zieht daraus den Schluss, sich an die Symptome gewöhnen zu müssen. „Wenn Reizdarm-Betroffene ins Theater oder Restaurant gehen, sehen sie sich zuerst danach um, wo die Toilette ist“, berichtet Hellmig aus den Gesprächen mit seinen Patienten. Einige gehen nur noch ungern aus dem Haus. Das Leiden kann sogar zur Arbeitsunfähigkeit führen. „Der volkswirtschaftliche Schaden ist enorm.“

Ein banaler Magen-Darm-Infekt zusammen mit einem schwerwiegenden Ereignis im beruflichen oder familiären Umfeld können der Anlass dafür sein, dass der Darm dauerhaft gereizt wird. Stress ist als Ursache oder Katalysator nicht zu unterschätzen. In körperlich und psychisch belastenden Situationen schüttet der Körper Adrenalin aus. Der Darm muss als Ventil herhalten, um den Stress abzubauen. „Ein Hormon wie Adrenalin verwirrt das Organ“, sagt Hellmig. Die Nerven im Darm werden massiv gereizt. Das stört die Interaktion mit dem Gehirn und wirkt sich auf die Funktion des Darmes aus. Das Organ reagiert übersensibel, zum Beispiel unnormal auf Signale, die seine Bewegung steuern. Bewegt sich dieser übermäßig, ist Durchfall die Folge. Eingeschränkte Beweglichkeit führt zu Verstopfung. Insgesamt wird die Verdauungsaktivität schwächer.

Um mögliche Ursachen zu erkennen, führt Hellmig am Anfang der Therapie ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten. Bereits dies kann die Symptome lindern. Der Professor berichtet von einem Manager, der zwei Jahre an Durchfall litt. Es stellte sich heraus: Es begann alles damit, dass der Stress im Job überhand nahm und der Geschäftsmann keinerlei Möglichkeiten hatte, zur Ruhe zu kommen, selbst am Wochenende nicht, denn dann begleitete er sein Kind zu Sportveranstaltungen. Hellmig: „Ich habe ihn gefragt: Und wo bleiben Sie?“ Der Manager nahm dies als Anstoß, um über sich und seine Lebensweise nachzudenken. Das half. „Als ich ihm drei Wochen später begegnete, waren die Symptome schwächer geworden.“ Die Beschäftigung mit der Krankheit, so der Chefarzt, ist für viele Patienten der erste Schritt zur Besserung: „Man muss in der Lage sein, seine eigene Rolle zu reflektieren.“

Nicht immer ist es so einfach. Der Verdauungstrakt wird bevölkert von etwa 100 Billionen Bakterien. Geraten sie aus dem Takt, kann eine medikamentöse Therapie erforderlich sein. Die Pharmaindustrie hat ein großes Portfolio an Medikamenten entwickelt. Was am Ende hilft, müssen Arzt und Patient gemeinsam testen. „Der Reizdarm ist eine sehr individuelle Erkrankung“, betont Hellmig. Nicht jede Arznei schlägt bei jedem Patienten an.

In den vergangenen Jahren hat sich eine weitere Therapie etabliert: die Fodmap-Diät. Die Abkürzung steht für „Fermentierbare Oligo-, Dis- und Monosaccharide und Polyole“. Übersetzt: Es geht um Zuckeralkohole, Fruchtzucker und Milchzucker (siehe Info-Kasten links unten). Allesamt sind sie schwer verdaulich und ziehen Wasser nach, wirken also osmotisch. Weil die Bakterien die Zuckerstoffe nicht zersetzen können, werden sie vergoren. Dabei entstehen Gase, durch die der Darm gedehnt wird. Umgehend empfängt das Gehirn Schmerzsignale. Die Therapie setzt darauf, auf Nahrungsmittel mit hohem Fodmap-Anteil vorübergehend zu verzichten. Die erste Phase umfasst vier bis acht Wochen. In einer zweiten Phase, die sechs bis zehn Wochen dauert, werden einzelne Fodmap-Nahrungsmittel testweise wieder in den Speiseplan aufgenommen, um Mangelerscheinungen vorzubeugen. Dabei wird ausprobiert, was vertragen wird – und was nicht. Zum Ende der Therapie weiß der Patient genau, was er Magen und Darm zumuten kann. Die Erfolge der Diät sind verblüffend. Professor Hellmig: „80 Prozent der Patienten können wir damit wirksam und dauerhaft helfen – bis zur Beschwerdefreiheit.“

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