Hanerau-Hademarschen : Warum hört das Leben auf?

Religionslehrerin Andrea Feldhusen und ihre Gruppe basteln ein Plakat zum Thema Lebenserwartung
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Religionslehrerin Andrea Feldhusen und ihre Gruppe basteln ein Plakat zum Thema Lebenserwartung

„Wenn man tot ist, kommt man in den Himmel“. Kinder in Hanerau-Hademarschen haben sich mit dem Thema Tod beschäftigt. Das Projekt trägt den Titel „Hospiz in Kindergarten und Schulen“.

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21. November 2013, 06:00 Uhr

Bei Lara ist letztes Jahr das Kaninchen gestorben, bei André war es die Katze, Lennart trauert um seinen Opa, der im Sommer an Krebs starb, Lenia um ihre Uroma. Einige Kinder in der Klasse 3c der Theodor-Storm-Dörfergemeinschaftschule in Hanerau-Hademarschen haben bereits erste Erfahrungen mit dem Thema Tod gemacht. Doch was genau ist Sterben? Was ist Tod? Wie geht man damit um? Wie fühlt sich traurig sein an und was hilft dagegen?

Fragen, denen die Schüler gemeinsam mit ihrer Religionslehrerin Andrea Feldhusen zwei Tage lang nachgingen. Professionelle Unterstützung erhielten sie dabei von Martina Rühr, Sozial- und Heilpädagogin sowie Koordinatorin beim Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst für Rendsburg und Umgebung. An zwei Projekttagen brachte sie den Schülern die Themen Werden und Vergehen, Krankheit, Sterben, Tod und Trauer spielerisch näher. Für die kreativen Einheiten in kleineren Gruppen standen ihr mit Susanne Löptien, Annekatrin Clausen und Michael Busch drei ehrenamtliche Helfer zur Seite, die den Kindern zudem von ihrer Arbeit beim Hospizdienst erzählten.

Mit dem neuen Projekt „Hospiz in Kindergarten und Schulen“, kurz: HiKS, bietet der Dienst der Pflege LebensNah Schulen und Kindergärten eine Hilfestellung zu den Themen Sterben, Tod und Trauer. „Uns ist wichtig, Kinder für diese Themen zu sensibilisieren, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was sie jeden Tag in den Medien sehen und hören sowie Denkanstöße zu geben“, erklärt Martina Rühr den Hintergrund des Projektes. Es gehe darum, das Thema Tod zu enttabuisieren und Kindern Hilfen anzubieten, die die Familie oftmals nicht leisten könne: „Weil für Eltern das Thema angstbehaftet ist, sie selbst oft hilflos dem gegenüberstehen und weil sie ihre Kinder beschützen wollen“, nennt Rühr einige Gründe. Sie sieht diesbezüglich den Bildungsauftrag bei den Schulen. „Schulen und Kindergärten sind neutrale Orte, an denen sich die Kinder angstfrei dem Thema Tod und Trauer nähern können. Denn Sterben gehört nun einmal zu unserem Leben dazu und es ist wichtig, dass sich die Kinder damit frühzeitig auseinander setzen“, meint Rühr. Aus Erfahrung weiß sie, dass Kinder im Gegensatz zu Erwachsenen unbelastet an die Sache herangehen, „sie sind neugierig, wollen wissen, was da geschieht“, erzählt Rühr.

Der erste Projekttag an der Schule in Hanerau-Hademarschen dient dem Einstieg in das Thema. Auf Tonpapierwolken schreiben die Kinder ihre schönen und ihre weniger schönen Erlebnisse auf und befestigen sie mit Wäscheklammern an einer Leine, die quer durch das Klassenzimmer gespannt ist. Tore schießen, Oma besuchen und Picknick machen gehören zu den schönen Erlebnissen. Gestorbene Haustiere oder der gebrochene Arm zu den weniger schönen. In Gruppenarbeit basteln die Kinder Plakate zu dem Thema Werden und Vergehen, erfahren mit Fragebögen, was es mit der Lebenserwartung auf sich hat und dass die Jahreszeiten vergleichbar mit dem Lebenszyklus des Menschen sind.

Am zweiten Tag steigt Martina Rühr tiefer in die Thematik ein. Die Schüler dürfen berichten, ob sie schon einmal erlebt haben, dass jemand so krank war, dass er nicht mehr gesund wurde und ob jemand in der Familie gestorben ist. Warum hört das Leben überhaupt auf? Und was kommt danach, sind weitere Fragen, die die Kinder in Gruppen mit Malen, Schreiben und Basteln bearbeiten. „Wenn man tot ist, kommt man in den Himmel; der Körper wird kalt; nur die Seele geht in den Himmel; wenn man stirbt, hört das Herz auf zu schlagen; manchmal ist es eine Erlösung“, sind einige der Sätze, die die Kinder auf ein Plakat um die Überschrift Tod und Sterben geschrieben haben. Ein Körper, der in der Erde begraben wird und Engel, die die Seele zum Himmel tragen, sei die am meisten genannte Vorstellung der Kinder vom Sterben: „Kaum ein Kind bekommt heutzutage den verstorbenen Angehörigen zu sehen, sie dürfen den toten Opa oder die tote Oma nicht mehr berühren. Da bleibt ihnen nur die Fantasie“, sagt Martina Rühr. Und die könne mitunter schlimmer sein, als die Tatsachen. Gerade durch das Nichtreden in der Familie werde diese Fantasie angeregt, denn ab einem Alter von vier Jahren setze das magische Denken bei Kindern ein, sie verknüpfen Fantasie mit der Realität. „Wenn ein Kind mit Oma Streit hatte und Oma dann stirbt, kann es sein, dass sich das Kind die Schuld gibt“. Wichtig sei es, Kindern in ihrer Trauer Raum zu geben und auf sie einzugehen. Helfen könne das Trostbuch, das die Kinder am zweiten Vormittag basteln und in das sie alles hineinschreiben können, was ihnen hilft. Und sie erfahren auch, wie sie sich in der Klasse gegenseitig trösten können.

Zum Abschluss kommen einige Eltern und lassen sich zeigen, was ihre Kinder in den zwei Tagen erarbeitet haben. Wenn sie dann nach Hause gehen, „nimmt jedes Kind das für sich mit, was es braucht“, mehr sei nicht nötig, so Martina Rühr.

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