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THEMENWOCHE (6): Kleingärten : Wandel: Grillen ja – jäten nein

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Einst hatten sie lange Wartelisten. Heute such der Kleingärtner-Kreisverband Rendsburg-Eckernförde Pächter für seine Parzellen. Nutzgärten sind nicht mehr gefragt – aber das Gesetz schreibt die Art der Flächen-Nutzung vor.

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erstellt am 17.Jun.2016 | 18:28 Uhr

Gärten sind Orte der Erholung, der Schönheit, aber auch von praktischem Nutzen. Eine Woche lange stellte die Landeszeitung die verschiedensten Anlagen und Gärtner aus der Region vor. Der letzte Teil: Kleingärten.

Beete, in denen Kartoffeln und Möhren in Reih und Glied wachsen, sauber geharkte Wege. Das ist die eine Seite der Kleingarten-Anlagen. Insektenhotels mit regem Flugverkehr und Vogelgezwitscher eine andere. Dann gibt es noch eine dritte – die der verwunschenen Gartenlauben, Sandkisten und in der Luft der Geruch von Grillfleisch. Die „Laubenpieper“ stecken in der Zwickmühle. „Die Leute gehen am Wochenende durch die Kolonie, sehen die spielenden Kinder und dass die Leute grillen“, sagt Bernd-Holger Naujeck. „Aber sie sehen nicht die Arbeit.“ So gibt es inzwischen statt langer Wartelisten viele leerstehende Parzellen. Die Kleingärtner haben Sorgen mit der „Nachzucht“.

Naujeck (71) ist seit vielen Jahren leidenschaftlicher Gärtner, ist Vorsitzender des Kreisverbandes Rendsburg-Eckernförde und der Gartenfreunde Rendsburg-Büdelsdorf. Eigentlich, so erinnert er sich, sei es seine Frau die treibende Kraft gewesen. Doch selbst als sie in ihr Reihenhaus zogen, behielten Bernd-Holger und Karin Naujeck den Schrebergarten bei. Auch wenn jetzt die eine oder andere Tätigkeit ein bisschen schwerer fällt als früher – missen möchten sie die Parzelle 12 in der Kolonie „Saatsee“ nicht.

„Es ist keine Arbeit, wenn man am Ball bleibt“, sagt Martin Johannsdotter. Der Obmann der Kolonie „Kehrwieder“ in Büdelsdorf und stellvertretende Vorsitzende der Rendsburger Gartenfreunde gärtnert seit 1980. Die Produkte aus dem Garten waren und sind für seine Familie eine wichtige Nahrungsquelle. Aber immer wieder macht der 64-Jährige die Erfahrung, dass die Menschen entweder keine Ahnung mehr vom Gemüseanbau haben oder kein Interesse daran. Kopfschüttelnd erzählt er davon, wie er einen Kleingartennachbarn im Supermarkt traf, als dieser Kartoffeln kaufte. „Aber die hast du doch im Garten“, sagte Johannsdotter. Aber daran hatte der Nachbar kein Interesse. „Die kannst du dir rausnehmen“, erklärte er Johannsdotter – der dann erntete. „Davon haben wir den ganzen Winter gelebt“, erinnert er sich.

Ähnliche Geschichten können Kleingarten-Funktionäre zuhauf erzählen. Wilhelm Dittmer (76), Obmann „Ruhwinkel“ Büdelsdorf, war fassungslos, als er sah, wie unter einem prächtigen Apfelbaum das Obst verfaulte. Aufsammeln wollte der Besitzer es nicht. „Der Apfel schmeckt nicht!“ Auch der Vorschlag, die Früchte zum Mosten zu bringen, fruchtete nichts.

„Die Leute wollen einen Kleingarten pachten, ihn aber mit Schaukel und Sandkiste nutzen“, sagt Johannsdotter. Doch das widerspricht dem Bundeskleingartengesetz (siehe auch „Stichwort Kleingarten“). Einfach die Nutzung ändern – das gehe nicht, erklärt Naujeck. Der gesetzlich definierte Zweck garantiert den Vereinen auch die Gemeinnützigkeit, die wiederum ermöglicht einen gewissen Schutz. Schließlich hat der Verein die Flächen auch nur gepachtet – mal von der Kirche oder Gemeinde, manchmal von Privatpersonen. Werde die Fläche jedoch für Freizeitzwecke genutzt, so Naujeck, dann könne der Verpächter mehr Geld verlangen.

Ein Kleingarten ist günstig. In Büdelsdorf kostet ein Quadratmeter 10 Cent im Jahr, das heißt die Gärtner zahlen zwischen 50 bis 70 Euro pro Jahr. Dazu kommen Abgaben für Wasser und Strom und die Kosten für die Vereinsmitgliedschaft. Der Verein braucht Geld – unter anderem weil es oftmals gilt, Schäden zu beseitigen. „Die Vermüllung ist ein großes Problem“, sagt der Kreisvorsitzende. Da werden Sofas und ausrangierte Kühlschränke in der Erde verbuddelt – „und wir müssen das dann entsorgen.“

Das Gemeinschaftsleben habe sich auch verändert, bedauern Naujeck, Dittmer und Johannsdotter. Werde gemeinsam gefeiert, seien Türken und Russlanddeutsche meist nicht dabei. Aber gerade diese beiden Gruppen stellen inzwischen viele Kleingärtner. „Die Russlanddeutschen sind perfekte Handwerker und mit viel Liebe dabei“, freut sich Naujeck. Ihre Gärten sind gepflegt – so wie der von Karin und Bernd-Holger Naujeck.

Während die beiden an ihren Beeten vorbei gehen, deutet Karin Naujeck auf den Boden: Etliche Weinbergschnecken in unterschiedlichen Größen kriechen dort herum. „Das sind eigentlich ganz nützliche Tierchen“, sagt die Gärtnerin. Und so werden sie aufgesammelt, wenn ihnen Gefahr droht, erhalten bei ihr Asyl. Auch das ist eine Nutzungsseite der Kleingärten.

STICHWORT KLEINGÄRTEN

> Der Kleingarten – auch Schrebergarten, Laube, Heimgarten, Familiengarten (Schweiz) oder Parzelle – bezeichnet ein eingezäuntes Stück Land als Garten, insbesondere eine Anlage von Grundstücken, die von Vereinen (Kleingärtnervereinen, Kleingartenvereinen) verwaltet und an Mitglieder verpachtet werden.


> Das Bundeskleingartengesetz regelt die Rechte und Pflichten, die besagen: Ein Kleingarten soll nicht größer als 400 Quadratmeter sein.
Belange des Umweltschutzes, des Naturschutzes und der Landschaftspflege sollen bei der Nutzung und Bewirtschaftung berücksichtigt werden. Eine Laube darf höchstens 24 Quadratmeter Grundfläche einschließlich überdachtem Freisitz groß sein und darf nicht zum dauerhaften Wohnen geeignet sein.


> Der Bundesgerichtshof hat erklärt, dass die Erzeugung von Obst, Gemüse und anderen Früchten durch Selbstarbeit des Kleingärtners oder seiner Familienangehörigen zentrales Merkmal eines Kleingartens ist.

> Der Pächter darf den Garten bewirtschaften und die Erträge behalten. Dafür zahlt er Pacht.

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