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Rickert : Wär’ Tante Martha nicht gewesen...

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Aus der Redaktion der Landeszeitung

Der Lindenkrog in Rickert befindet sich seit 1899 in Familienhand. Die Inhaber kennen auch heute noch viele Geschichten aus alten Zeiten.

shz.de von
erstellt am 05.Sep.2015 | 17:00 Uhr

Treffpunkt der Dorfbewohner und Heimstatt auf Zeit für Durchreisende – in den Gasthöfen der Region kommen seit jeher viele Menschen zusammen. Wir stellen die Häuser mit Geschichte in einer Serie vor. Heute: Der „Lindenkrog“ in Rickert.

Wenn Wände, Mauern, Häuser sprechen könnten – der „Lindenkrog“ in Rickert hätte viele Geschichten zu erzählen. Einige kennt auch das heutige Inhaber-Ehepaar Maren und Hans Peters. „Wir hatten schon Schweine und Kälber auf dem Saal, die zu runden Geburtstagen verschenkt wurden, haben Schuhe verliehen, wenn der Absatz abgebrochen ist und einmal hatten wir eine Stripperin zu einem 60. Geburtstag hier. Der Gastgeber hatte einen hochroten Kopf, ich dachte, der fällt gleich tot vom Stuhl“, erinnert sich Hans Peters an nur einige Situationen.

Seit 1994 führen er und Ehefrau Maren den „Lindenkrog“. Übernommen haben sie die Geschäfte von seinen Eltern Hans-Hermann und Annelene Peters. Sie waren es auch, die den Gasthof „Lindenkrog“ nannten. Fast 40 Jahre lang – ab 1957 – stand das Ehepaar hinter Tresen und Herd. Doch dazu wäre es fast nicht gekommen: „Mein Vater wollte eigentlich lieber Landwirt sein. Als es seinerzeit darum ging, den Betrieb von seiner Tante zu übernehmen, saßen meine Eltern im Auto und wären fast wieder umgedreht“, weiß Hans Peters. Doch da haben sie die Rechnung ohne Tante Martha gemacht: „Das war meine Oma. Die saß hinten im Auto und sagte nur ‚Nix da, wir fahren da jetzt hin‘. Denn sie hatte große Lust darauf, in der Gastwirtschaft zu arbeiten.“ Tante Martha sei Dank – sonst wäre wohl alles anders gekommen.

Außer der Gastronomie betrieben Hans-Hermann und Annelene Peters lange auch Landwirtschaft samt öffentlicher Viehwaage, einen Hökerladen und eines von zwei Telefonen im Dorf. Nachdem sie Landwirtschaft und Einkaufsladen in den 1970er-Jahren aufgegeben hatten, wurde Hans-Hermann Vertrauensmann der Itzehoer Versicherung.

Erstmals erwähnt wurde der „Lindenkrog“ im Jahr 1879, damals als „Schützenhof“ im Besitz der Familie Sieh. Zuvor gab es einen Brand und das Gebäude musste neu aufgebaut werden. „Ob es vor 1879 auch schon eine Gaststätte war, ist nicht bekannt“, weiß Maren Peters. Seit 1899 befindet sich der Krog im Familienbesitz, bis 1994 wurde auf einem Feuerherd gekocht, was der heutige Inhaber gern weitergeführt hätte, aber aufgrund verschiedener Bestimmungen nicht durfte.

Maren und Hans Peters haben sich in der Ausbildung in Borgstedt kennengelernt. Beide sind Bankkaufleute. „Es war das erste Mal, dass es in dieser Bank zwei Auszubildende gab“, erinnert sich Hans Peters. „So haben wir ganz früh festgestellt, dass wir gut miteinander arbeiten können“, so der 45-Jährige. Die Aufgabenteilung ist klar geregelt: Während er in der Küche das Sagen hat, ist sie für Tischdekoration und Service zuständig. Auf dem Teller landet nur, was Peters selber schmeckt. Am liebsten bereitet er Wildschwein, Grünkohl und das Dessert Himbeer-Traum zu. „Ich koche in jedem Winter Grünkohl für mehrere tausend Gäste“, so der zweifache Familienvater. Dass die Geschäfte so gut laufen würden, war dem Ehepaar aber nicht immer klar: In der Gaststätte werden nur Feiern bewirtet. „Wir sind kein à la carte-Restaurant, sondern ein reiner Bankettbetrieb“, erklärt Maren Sievers. „1994 zeichnete sich schon ab, dass eine Dorfkneipe, in der sich die Leute zum Bier trinken treffen, keine Zukunft hat“, ergänzt ihr Mann. Der Erfolg gibt ihnen recht: Das Paar bewirtet zwischen 15  000 und 20  000 Gästen jedes Jahr, hat schon Termine bis zum Jahr 2018 und muss sogar das Eichenparkett im Saal erneuern, weil es stellenweise durchgetanzt ist. „Wir wollen, dass unsere Gäste ein unvergessliches Fest haben, denn das feiern sie nur einmal“, erklären beide.

Bereut haben sie ihre Entscheidung, ihre sicheren Jobs bei der Bank aufzugeben, nie. „Wir würden das jederzeit wieder so machen.“ Ob eines ihrer Kinder (16 und 19 Jahre alt) den Betrieb eines Tages übernimmt, steht noch nicht fest. Aber egal, wie die Entscheidung ausfällt: Die vielen Geschichten aus dem „Lindenkrog“ wird es auch danach noch geben – die schönsten vielleicht sogar als Buch, das Maren Peters schreiben möchte, wenn sie in Rente geht. Zum Beispiel die vom „Verschießen“ um Preise in den 1950er-Jahren: Weil im Saal die Gäste saßen, konnten dort die Luftgewehre nicht zum Einsatz kommen. Und so wurde vom anliegenden Wohnzimmer der Peters durch eine Luke auf Zielscheiben geschossen. Und die hingen im Schlafzimmer des Ehepaares – die Kugeln flitzten über das Ehebett hinweg. Sowas gab es nur auf dem Dorf, in Gasthöfen, deren Tresen heute Tradition haben.

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