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Breiholz : Von Wellen, Freiheit und Meuterern

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Breiholzerin eroberte als Funkoffizierin die Weltmeere. Ausstellung in Hamburg beschäftigt sich mit „Frauen an Bord“.

„Delta Hotel Charly Romeo“ – diese Worte wird sie nie vergessen, sagt Helga Ferchau-Rieck. Sie sind das Rufzeichen des Frachtschiffes „Carola Reith“. Auf diesem Schiff stach die gebürtige Breiholzerin das erste Mal als junge Funkoffizierin in See. Mehr als 40 Jahre sind seither vergangen – und doch leuchten die Augen der 60-Jährigen auch heute noch, wenn sie ihre Geschichte erzählt. Es ist eine Geschichte von der Liebe zum Meer, von Freiheit, fernen Ländern und Abenteuern.

Schon mit 13 habe sie gewusst, dass sie zur See fahren möchte, berichtet Helga Ferchau-Rieck. Am liebsten wollte sie Nautikerin und irgendwann Kapitänin werden. Eine Fahrt zur Berufsberatung mit der Schulklasse brachte jedoch schnell Ernüchterung: Mädchen konnten seinerzeit nur Funkoffiziere oder Stewardessen werden. „Da stand fest, dass ich Funkoffizierin werde“, so die Breiholzerin. Stewardess kam nämlich nicht in Frage: „Da hätte ich Kabinen putzen und Essen auftragen müssen, das wollte ich nicht.“ Ihre Eltern seien zwar alles andere als begeistert gewesen, sie wollten ihre Tochter lieber als Erzieherin sehen. Doch von ihrem Traumberuf ließ sich das Mädchen nicht mehr abbringen. Nach der mittleren Reife absolvierte es eine zweijährige verkürzte Ausbildung zur Elektrikerin – die Voraussetzung für die Ausbildung zur Funkoffizierin. „Die habe ich als einzige auf Anhieb bestanden“, freut sich Ferchau-Rieck.

1975 folgte dann der Sprung ins kalte Wasser: Eine Hamburger Reederei engagierte die Breiholzerin für das Frachtschiff „Carola Reith“. Deren Reise führte von Antwerpen in das kanadische Montreal. Gleich auf der ersten Fahrt saßen Schiff und Besatzung eine Woche lang im Eis des Sankt-Lorenz-Seeweges fest. „Ich war die einzige Frau unter 35 Männern. Sieben verschiedene Nationalitäten waren an Bord.“ Probleme mit den Männern habe es aber nie gegeben. „Ich hatte aber natürlich auch eine Kabine für mich allein mit einem eigenen Bad. Beides lag direkt neben der Brücke.“ Einzig ein chinesischer Wäscher namens Max habe sich von Anfang an geweigert, ihre Wäsche zu waschen. Mit allen anderen sei sie stets gut zurecht gekommen.

Zu den täglichen Aufgaben der jungen Frau gehörte unter anderem das Führen des Funktagebuchs. Außerdem war es ihr übertragen, Wetterkarten zu zeichnen und die Wetterberichte der jeweiligen Region zu beschaffen. „Bei Karibikfahrten waren besonders die Hurrikan-Warnungen wichtig, bei Pazifikfahrten die Richtung der Taifune. Diese Informationen habe ich je nach Stärke sehr oft abgerufen“, erinnert sich die vierfache Mutter. Auch den Kontakt zur Reederei hielt sie. Für die Crew von besonderem Interesse waren die Nachrichten. Täglich gab es die Bordzeitung, die ein bis zwei DIN A4-Seiten umfasste. „Besonders wichtig waren nach den Wochenend-Spielen die Fußballergebnisse. Dieses Blatt habe ich ich mit Durchschlägen abgetippt – Kopierer gab es nicht – und legte sie im Salon und den Messen aus.“ Außerdem haben die Funkoffiziere oft auch die Verwaltungsarbeit wie beispielsweise die Heuerabrechnungen übernommen.

Auf ihren Reisen hat Helga Ferchau-Rieck viele Länder kennengelernt – unter anderem nach Australien, Neuseeland, Tahiti, Kanada und Neukaledonien hat es sie verschlagen. Ihre schönste Erinnerung hat sie jedoch an Pitcairn. Jene Insel, auf der auch heute noch die Nachfahren der berühmt-berüchtigten Meuterer der „HMS Bounty“ leben. „Man kann verstehen, dass der damalige Initiator der Meuterei, Fletcher Christian, diese Insel als perfektes Versteck erachtet hat. Man kann dort nicht festmachen, nur Ankern war möglich, so felsig, verklüftet ist dort alles. Jahrelang stand ich noch in Kontakt mit dem dortigen Funker Tom Christian.“

So schön die meisten Erinnerungen sind – es gibt auch Dinge, an die Helga Ferchau-Rieck nicht sonderlich gern zurückdenkt. So sei ihre Äquatortaufe nicht besonders schön gewesen. Über Stunden hinweg sei sie zusammen mit anderen Crew-Mitgliedern, die den Äquator zum ersten Mal überquerten, in einem Lagerraum, dem sogenannten Kabelgatt eingesperrt worden. Die Taufe sei eine ziemliche Tortur gewesen. Doch die junge Frau hielt durch – und erhielt den Namen „Sprotte“.

Anfang 1979 ist Helga Ferchau-Rieck dann schwanger geworden – im November kam Tochter Inga zur Welt, und innerhalb von fünfeinhalb Jahren folgten drei weitere Kinder. Ihre Laufbahn als Funkoffizierin war damit beendet. Heute arbeitet die 60-Jährige als Industriekauffrau in Hohenwestedt. Die Breiholzerin bereut aber nichts. „Ich liebte die hohen Wellen. Und im Nachhinein würde ich alles wieder genauso machen. Auch dass ich keine Nautikerin werden konnte, bedauere ich nicht. Denn so hatte ich Zeit, während der Liegezeiten Land und Leute kennenzulernen.“

Das Fernweh packt sie dennoch hin und wieder. Dann fahren sie und Ehemann Horst Rieck zusammen nach Australien. Ein Land, in das sie sich als Funkoffizierin verliebt hat.

> Noch bis zum 15. Juni zeigt das Internationale Maritime Museum Hamburg eine Ausstellung mit dem Titel „Frauen an Bord. Eroberung einer Männerdomäne“. Hier wird auch die Geschichte von Helga Ferchau-Rieck erzählt. Adresse: Koreastr. 1, Kaispeicher B in der Hafencity.

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